Personal verweist auf Besuchszeit

Mann liegt im Sterben: Angehörige an Pforte des Eschweger Klinikums abgewiesen

Eschweger Friedhof: Dort liegt auch der am 31. August dieses Jahres im Eschweger Krankenhaus gestorbene Wolfgang Schilling.
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Eschweger Friedhof: Dort liegt auch der am 31. August dieses Jahres im Eschweger Krankenhaus gestorbene Wolfgang Schilling.

Als der Ehemann und Vater im Sterben lag, ließen Mitarbeiter des Klinikums in Eschwege, die Angehörigen nicht zu ihm. Er starb allein, was seine Witwe sehr beschäftigt.

Eschwege – Der unerwartete Tod ihres Mannes ist für Gertraud Schilling eine Tragödie. Doch was die 81-jährige Witwe in ihrer Trauer schwer quält und ihr keine Ruhe gibt, ist die Tatsache, dass ihr Ehemann im Eschweger Krankenhaus alleine sterben musste, obwohl klar war, dass er im Sterben lag. Das Personal an der Rezeption hatte Gertraud Schilling und ihrem Sohn den Zutritt in die Klinik verwehrt, mit der Begründung einer fehlenden Sondergenehmigung.

Am Abend des 25. August dieses Jahres besucht Gertraud Schilling gemeinsam mit ihrem Mann Wolfgang das Grab ihrer Mutter auf dem Eschweger Friedhof, dann geht das Paar nach Hause, sie trinken zusammen noch ein Glas Rotwein und gehen gegen 23 Uhr schlafen. Gertraud Schilling wacht davon auf, dass ihr Mann einen tiefen Seufzer tut und in diesem Moment vermutlich tot ist. Sie alarmiert den Notarzt, der ihren Mann mehr als eine Stunde versucht, zu reanimieren. Das gelingt tatsächlich und Wolfgang Schilling wird auf die Intensivstation des Eschweger Krankenhauses gebracht.

Ehemann und Vater liegt im Sterben

Bereits am nächsten Morgen bekommt der privat versicherte ehemalige Postbeamte einen Herzkatheter gelegt und ein Stent wird gesetzt. „Mein Mann hing an unzähligen Maschinen, zeigte aber keinerlei Reaktion mehr“, erzählt Gertraud Schilling. Eine Neurologin bereitet sie darauf vor, dass ihr Mann, sollte er überleben, wegen des langen Sauerstoffmangels im Gehirn ein Schwerstpflegefall sein würde.

Fünf Tage sitzt Gertraud Schilling täglich viele Stunden am Bett ihres Mannes auf der Intensivstation, Ärzte kommen und gehen. Wenn sein Blutdruck auf 240 steigt, werden ihm Medikamente verabreicht, die ihn wieder auf ein ungefährliches Niveau bringen, berichtet sie. Inzwischen ist auch Gertraud Schillings Sohn Thorsten aus Heidelberg gekommen.

Am fünften Tag trifft sie eine Entscheidung. „Ich konnte nicht mehr mit ansehen, wie mein Mann an den Maschinen gequält wurde.“ Da sie eine Vollmacht hat und es eine Patientenverfügung gibt, bittet sie darum, alle Geräte abzuschalten, damit ihr Mann in Ruhe sterben kann.

Innerhalb kürzester Zeit wird Wolfgang Schilling auf die geriatrische Station 6 im Krankenhaus verlegt. Seiner Frau wurde mitgeteilt, dass man das Intensivbett anderweitig brauche.

Angehörige nach Verlegung an Rezeption abgewiesen

Gertraud Schilling und ihr Sohn gehen kurz nach Hause, ihr Sohn will einen Spaziergang machen. Als er gegen 19 Uhr am Krankenhaus vorbeikommt, geht er zur Rezeption, um sich und seine Mutter anzukündigen. Er schildert dort, dass Wolfgang Schilling im Sterben liegt. Das Personal an der Rezeption verweist ihn auf die Besuchszeit und teilt ihm mit: „Sie brauchen mit Ihrer Mutter gar nicht kommen, wenn Sie keine Sondergenehmigung haben.“ So schildert Gertraud Schilling die Szene.

Ratlos und besorgt bleiben Mutter und Sohn zu Hause. Morgens um 5.30 klingelt das Telefon und ein Arzt teilt Gertraud Schilling mit, dass ihr Mann soeben gestorben ist.

Sie gehen ins Krankenhaus, diesmal dürfen sie rein und begeben sich auf Station 6, wo sie eine Schwesternschülerin empfängt, die nichts von dem Todesfall weiß. „Mein Mann lag noch im Bett, sein Körper war noch warm“, erzählt die Witwe. Weder eine Schwester noch ein Arzt seien anwesend gewesen, keiner habe mit den Angehörigen gesprochen.

Gertraud Schilling weint und schüttelt den Kopf: „Ich weiß nicht, ob mein Mann gemerkt hat, dass er alleine sterben musste“, sagt sie. „Der Tod hält sich nicht an Besuchszeiten.“

Klinikum entschuldigt sich für Missverständnis

Weil ihr das Geschehene keine Ruhe lässt, wendete sie sich nach einigen Tagen an das Beschwerdemanagement des Klinikums. Der zuständige Mitarbeiter (Name ist der Redaktion bekannt) teilt ihr mit, dass das Personal an der Rezeption „grundsätzlich richtig“ gehandelt habe, da keine Besuchszeit war. „Er hat kein einziges Wort der Entschuldigung gesagt“, so Gertraud Schilling, ihr aber zugesichert, dass er ihre Beschwerde überprüfen werde. Bis heute hat die 81-Jährige nichts von ihm gehört.

Auf Anfrage unserer Zeitung teilt die Pressestelle des Klinikums mit, dass Angehörige stets die Möglichkeit haben, sterbende Familienmitglieder zu besuchen, auch außerhalb von Besuchszeiten. „Diese Regelung ist allen Mitarbeitern des Klinikums bekannt“, so der Sprecher Florian Künemund. „Warum es an diesem Abend an der Pforte zu einem Missverständnis kam, lässt sich für uns nicht mehr rekonstruieren.“ Möglicherweise habe ein Kommunikationsproblem vorgelegen. „Wir möchten uns dafür in aller Form entschuldigen.“

Auch für die bisher nicht erfolgte Reaktion auf die Beschwerde entschuldigt sich das Klinikum. „Die Beschwerde wurde intern sehr ernst genommen und mit den entsprechenden Abteilungen sowie innerhalb der Krankenhausleitung abgeklärt und aufgearbeitet. Wir entschuldigen uns ausdrücklich dafür, dass ein Rückruf bei den Angehörigen bis vor Kurzem ausgeblieben ist. Dieser wurde offenbar vergessen, mittlerweile aber umgehend nachgeholt.“

Der einsame Tod ihres Mannes lässt sich nicht rückgängig machen, aber Gertraud Schilling will eins erreichen: „Ich möchte andere Angehörige Sterbender davor bewahren, dass sie Ähnliches erleiden müssen und so abgewiesen werden.“

Von Stefanie Salzmann

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