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Eschweger Verein nimmt Vorbildrolle bei Integration ein: Boxen hilft auch beim Vergessen

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Von: Juliane Preiß

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Sportler trainieren an Boxsäcken in der Sporthalle der Struthschule in Eschwege
Jeder ist beim Boxclub Eschwege willkommen, egal mit welchem Hintergrund. © Juliane Preiß

Der Eschweger Boxclub ist in der Region Vorbild bei Arbeit mit Geflüchteten. Jeder darf kommen, muss sich aber an die Regeln halten. Wer das nicht tut, den schmeißt Trainer Robert Staar raus.

Eschwege – Hier drischt der halbe Globus auf Boxsäcke ein. Immer zwei, drei Sportler tänzeln um einen der Säcke, die verteilt in der Halle der Struthschule von der Decke baumeln. Armenien und Türkei, Polen und Kasachstan, Russland und Ukraine. Gesprochen wird wenig, der Schweiß läuft bei allen gleichermaßen. „Jeder der Lust hat, kann kommen“, sagt Robert Staar, Trainer des Boxclub Eschwege. „Aber Ärger und Streit wird nicht akzeptiert. Hier herrscht Frieden. Wer Stress macht, fliegt raus.“

Dass Staar, Jahrgang 1949, nicht lange fackelt, nimmt man ihm sofort ab. Er kann auch mal laut werden. Aber das Dutzend Kinder und Jugendliche was sich in Boxhandschuhen vor ihm aufgereiht hat, wirkt nicht eingeschüchtert. Konzentriert ahmen sie die Bewegungen des Boxtrainers nach: Grundschritt, Führhand, Deckung. „Not like this, gerade, immer gerade“, erklärt Robert Staar einem Jungen aus der Ukraine, der zum ersten Mal beim Training ist. Er nimmt dessen Hand und führt sie zu seinem Kinn. Dann tut er, als verpasse er sich selbst einen Schlag, beide lachen.

Navid Safi hat schon in Afghanistan geboxt

Navid Safi hat sich eine ruhige Ecke gesucht. Alleine hämmert er auf den Boxsack ein. Er ist groß, drahtig, durchtrainiert. Schon als Jugendlicher hat er in Afghanistan geboxt, in einem privaten Boxclub in der Hauptstadt Kabul. „Mir gefällt der Sport sehr. Die Bewegung und auch das Taktische dabei“, sagt Navid. „Man muss sich Konzentrieren und vergisst andere Sachen für den Moment.“

Navid Safi steht in Boxhandschuhen in der Sporthalle.
Navid Safi aus Afghanistan kann beim Boxen alles andere ausblenden. © Privat

Sachen, wie die Flucht aus seinem Heimatland. Während dieser Zeit half ihm der Sport. In Griechenland konnte Navid Safi sogar einen Amateurkampf für einen privaten Boxclub bestreiten. Der große Athener Verein Panathinaikos hatte ihn vorher abgewiesen, weil er Flüchtling war. „Hier in Eschwege wurde ich gleich akzeptiert. Es war egal, woher ich komme.“

Vor dreieinhalb Jahren kam der 30-Jährige mit seiner Mutter, seinem jüngeren Bruder und seiner jüngeren Schwester, nach Deutschland. Als es nach sechs Monaten in der Sammelunterkunft hieß, sie werden nach Eschwege verteilt, hat er sofort im Internet nach einem Boxverein gesucht. Er fand den Boxclub von Robert Staar und war erleichtert.

Es ist in der Region bekannt, dass Staar jeden aufnimmt ohne viel Aufhebens. „Schick den zum Robert, heißt es immer“, Staar lacht. Das der Boxclub Anlaufstelle Nummer eins für Geflüchtete ist, weiß auch Stefan Gerhard. Als „Sportcoach“ koordiniert er in Eschwege die Sportangebote für Geflüchtete oder sozial benachteiligte Personen im Rahmen des Förderprogramms „Sport integriert Hessen“ von der Sportjugend Hessen.

Gefördert werden auch Trainerlizenzen

„Der Boxclub nimmt in Sachen Integration eine Vorreiterrolle ein“, sagt Gerhard. „Robert hat noch nie gesagt: Jetzt ist aber Schluss.“ Der Verein bekommt dafür Fördermittel beispielsweise für Boxhandschuhe oder Zahnschutz. „Das sind Dinge, die können nicht von mehreren verwendet werden, müssen deshalb angeschafft werden“, sagt Stefan Gerhard. Auch Trainerlizenzen für Geflüchtete können so finanziert werden.

Beim Thema Trainerlizenz macht Robert Staar eine genervte Handbewegung. Erst vor ein paar Monaten hatte er noch zwei Geflüchtete in den Reihen, die eine Trainerlizenz erworben hatten. Staar freute sich, denn eigentlich will der 72-Jährige schon längst kürzertreten. „Meine Frau vertröste ich immer: Ja, nächstes Jahr hör ich bestimmt auf.“ Aber er muss noch weitermachen: „Kaum hatten die Jungs den Trainerschein, waren sie weg. Umzug in einer andere Stadt, neuer Job, was weiß ich.“ Jetzt sucht er weiter und befürchtet, dass es den Boxclub, seine große Leidenschaft, nicht mehr geben wird, wenn er das Handtuch wirft. Den Club hat er 1991 gegründet und Stars wie die mehrfache Weltmeisterin Christina Hammer aufgebaut.

Wenn er sich in der Halle umguckt, wird Staar wehmütig. „Es gibt echt ein paar Jungs mit großem Talent hier.“ Ein Boxtalent aufzubauen, heißt häufiges, wenn nicht sogar tägliches Training, Fahrten zu Kämpfen. „Ich war genug unterwegs. Ich mach das nicht mehr.“

Mit dem Wort Integration hält sich Robert Staar nicht lange auf

Auch Navid Safi würde gerne nochmal noch mal in den Ring steigen und bei Amateurkämpfen teilnehmen. „Ich bin jetzt 30 Jahre, eigentlich schon zu alt. Aber es ist immer noch mein größter Wunsch.“ Er muss gucken, dass er alles unter einen Hut kriegt. Seinen Job, er arbeitet im Schichtdienst , seine Familie, Deutsch lernen, Führerscheinvorbereitungen und natürlich Boxen, zu Hause hat sich einen Boxsack hinters Haus gehängt.

Trainer Robert Staar posiert in Boxhaltung vor der Sporthalle in Eschwege
Box-Trainer Robert Staar sucht Nachfolger für seinen Club in Eschwege © Juliane Preiß

Wenn der Boxclub nicht mehr weitergeführt wird, verliert Eschwege eine wichtige Anlaufstelle für Geflüchtete im Bereich Sport und Integration. Mit dem viel diskutierten, behäbigen und oft vielleicht auch fehlinterpretiertem Wort Integration schlägt sich Robert Staar nicht lange rum.

„Ach Integration“, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Ich mach das seit 50 Jahren. Erst kamen die Italiener, die Türken, dann die Portugiesen und Spanier, später Russen, Kosovokrieg-Flüchtlinge, dann Afghanen, Syrer.“ Hinter jedem Menschen gebe es auch immer eine Geschichte. Viele vertrauen sich Staar an. „Das ist manchmal ganz schön heftig.“ Es gehe nicht immer ohne Reibungen, aber es gebe klare Regeln: „Respekt und Ordnung!“ Dann klatscht Robert Staar in die Hände: „Aufräumen!!“ Innerhalb von ein paar Minuten sind die Boxsäcke abgehängt, die Handschuhe verstaut. Und die Tischtennisspieler bauen in der Halle ihre Tische auf.

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