Interview

Open Flair wegen Corona noch einmal verschieben? Festival-Chef hat Alternativen geplant

Menschenmengen, ausgelassene Feierstimmung, Open Flair: Bilder wie diese wird es in diesem Jahr vermutlich nicht geben. Das Bild entstand beim Open Flair 2018. Archivfoto: Stefanie Salzmann
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Menschenmengen, ausgelassene Feierstimmung, Open Flair: Bilder wie diese wird es in diesem Jahr vermutlich nicht geben. Das Bild entstand beim Open Flair 2018. Archivfoto: Stefanie Salzmann

Im Interview erklärt der Open-Flair-Chef, ob und wie das Festival in diesem Jahr stattfinden kann und wie sie durch die Krise kommen. Er stellt neue Formate vor.

Eschwege – Die Kulturszene wurde durch die Corona*-Krise lahmgelegt – so auch das Open Flair. Im vergangenen Jahr wurde es verschoben. Wie geht es weiter? Wir sprachen mit dem Festival-Chef Alexander Feiertag über die Pläne für 2021.

Herr Feiertag, kommen wir gleich zur Sache: Wird das Open Flair in diesem Jahr stattfinden?
Im Moment haben wir es noch nicht abgesagt. Es gibt noch keine konkrete Ansage der Bundesregierung, inwiefern Großveranstaltungen im August stattfinden können. Helge Braun, der Kanzleramtsminister, hat vor zwei Wochen noch erklärt, im August sei alles wieder normal. Die Augustfestivals um uns herum, wie das Wacken, haben auch noch nicht abgesagt. Wir hoffen noch.
Ist das realistisch?
Wenn man wirklich in sich geht und ehrlich zu sich selbst ist, über Impfen und Tests nachdenkt, wird man wenige Möglichkeiten sehen. Wir haben aber das „normale“ Festival für dieses Jahr noch nicht ganz aufgegeben. Bis Ende April können wir noch abwarten, so lange haben wir noch Zeit, um das Festival organisatorisch umsetzen zu können. Sollte es dann keine Entscheidung seitens der Regierung geben, müssen wir selbst eine Entscheidung treffen. Derzeit realistisch finden wir aber, dass wir das „richtige Flair“ noch einmal verschieben müssen.
Was passiert dann mit den Eintrittskarten?
Alle Karten, egal ob 2019, 2020 oder erst jetzt gekauft, behalten ihre Gültigkeit auch für 2022. Auch die bereits für das letzte Jahr bestätigten Künstler würden eine weitere Verschiebung mitmachen.
Gibt es Alternativen für dieses Jahr?
Bereits im vergangenen Jahr haben wir ja das „Inselflair“ erfunden. Im Falle des Falles würden wir in der Flairwoche Veranstaltungen anbieten, die unter den dann bestehenden Verordnungen möglich sind. Derzeit gehen wir von mehreren Tagesveranstaltungen aus, mit je 250 oder sogar 1000 Besuchern, vielleicht nur sitzend oder mit Eintestung. Auch hierfür sind wir bereits mit Künstlern im Gespräch.
Gibt es noch andere Ideen für dieses Jahr?
2020 haben wir auch den „Flair-Garten“ erfunden, der sehr gut ankam. Den wollen wir diesen Sommer über jeden Freitag und Samstag wieder anbieten, wenn es die Verordnungen zulassen. Wir gestalten ihn diesmal zusammen mit dem Kulturzentrum E-Werk, dem Jazz-Club, dem Jungen Theater, der Musikschule und dem Jugendzentrum. Wir organisieren derzeit kleinere Konzerte und Theateraufführungen, Kabarett und Comedy im Freien, etwa auf dem Werdchen, um das E-Werk herum, im Biergarten und auf anderen Flächen. Wir planen gerade.
Wie kann man sich als Festivalveranstalter derzeit über Wasser halten?
Wir erhalten kleinere Überbrückungshilfen für die laufenden Kosten wie Miete und Nebenkosten. Die richten sich nach dem Umsatzeinbruch des Vergleichsmonats 2019. Dazu arbeiten wir das, was geht. Zum Beispiel auch mal Umzüge oder wir verpacken Dinge im Auftrag. Ganz wichtig für unser Überleben war auch der Verkauf von Merchartikeln. Wir hoffen, dass wir auch in diesem Jahr viele T-Shirts und Hoodies verkaufen können, sodass wir über die Runden kommen.
Wie kann man so Veranstaltungen organisieren?
Für Veranstaltungen, wie wir sie gerade besprochen haben, gibt es derzeit keine Finanzierungsmöglichkeiten. Das Problem dabei besteht in Pandemiezeiten in der geringen möglichen Besucherzahl und zugleich erhöhtem Aufwand. Veranstaltungen sind derzeit nicht kostendeckend. Weder Künstler noch beteiligte Technik- oder Dienstleistungsfirmen können aber auf ihre Gagen oder Honorare verzichten, so muss es dafür einen Ausgleich, eine Art Defizitfinanzierung geben. Das ist unsere Forderung.
Was fordern Sie noch?
Auch was die Planungsgrundlagen betrifft, brauchen wir verlässliche, für den Sommer beständige Aussagen unserer Regierungen – wenigstens ein Mindestniveau als verlässliche Größe. Wenn halt nur 250 Leute sitzend möglich sind, dann planen wir gerne ein entsprechendes Konzept dafür. Dann muss das aber auch feststehen und nicht eine Woche vorher wieder geändert werden. Und wenn die Veranstaltung ganz abgesagt werden muss, dann muss es eine Art staatliche Ausfallversicherung geben. Denn da hängen Künstler dran, Personal, technisches Equipment und viel Organisation.
Sie haben jetzt ein neues Format gestartet: „Openflair.mp4“. Was hat es damit auf sich?
Das ist quasi eine Flair-Sendung, bei der wir alle zwei Wochen live auf Youtube zu sehen sind. Wir haben gemerkt, dass sich unsere Community auf allen Ebenen nach dem Open Flair sehnt – ob das nun der Helferkreis ist oder die Besucher. Es geht darum, unsere Gemeinschaft bei der Stange zu halten, mit ihnen zu kommunizieren, zu zeigen und auch selbst zu erleben: Wir sind noch da.
Was steht dabei auf dem Programm?
Wir wollen in jeder Sendung Künstler zum Interview vor Ort haben, die auch ein Minikonzert geben. Alle werden vorher getestet. Außerdem wollen wir persönliche Geschichten rund ums Festival erzählen und die Leute, die dahinterstecken, vorstellen. Beim Festival haben sich Menschen kennengelernt und geheiratet, viele haben auch lustige Dinge erlebt. Zuschauer können über den Chat Fragen stellen. Wir wollen auch einen Blick hinter unsere Kulissen ermöglichen und die Erlebnisse unserer Helfer und Mitarbeiter rund ums Flair erzählen.
Zum Beispiel?
Wir hatten mal zwei FSJlerinnen, Mara und Alina, die die Elektrobühne erfunden und betreut haben. Danach haben sie Bühnentechnik und Veranstaltungsmanagement studiert. Um das Open Flair als Knotenpunkt haben sich ganze Biografien entwickelt.
Was ist für Sie das Besondere am Open Flair?
Alle Beteiligten stecken ihr Herzblut in das Festival. Die Community ist sehr stark. Dadurch ist es sehr individuell. Neben dem Organisations-Kernteam von rund 130 Leuten gibt es aber auch 1500 bis 1700 Ehrenamtliche, die jedes Jahr beim Festival mithelfen – ob bei der Verpflegung, Einlass oder Bühnenumbau. Das ist etwas ganz Besonderes, ohne unsere vielen Helfer könnten wir das nicht stemmen.
Alexander Feiertag, Open Flair Festival-Chef.

Zur Person

Alexander Feiertag ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Als Geschäftsführer des Arbeitskreises Open Flair ist er maßgeblich an der Entstehung des Festivals im Jahr 1985 beteiligt – studiert hat er aber Stadt- und Landschaftsplanung in Kassel, was er mit dem Diplom abschloss. Sein erster Festivalbesuch war in Mainz das Open-Ohr-Festival. Zu seinen Hobbys zählt er das Züchten von Hühnern, schon sein Opa züchtete Geflügel. (Jessiaca Sippel) *hna.de ist ein Angebot der IPPEN.MEDIA.

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