Klinik in Nordhessen

Pflegerin auf Corona-Intensivstation erzählt: „Keine fünf Minuten ohne Beatmung“

Eine Krankenschwester im Krankenhaus
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Alltag auf einer Covid-19-Intensivstation: Eine Krankenschwester wischt die Daten eines Patienten, der aus der Intensivstation entlassen wurde, von einer Tafel mit Daten der Patienten der Station. (Symbolfoto)

Personal auf Corona-Intensivstationen sieht hautnah, was das Virus verursachen kann. Wir sprachen mit einer Intensivpflegerin aus Nordhessen über ihre Arbeit.

Werra-Meißner-Kreis – Wer lebensbedrohlich am Coronavirus erkrankt, der kommt auf die Intensivstation. Eine Pflegerin aus dem Werra-Meißner-Kreis, die in einem großen Krankenhaus in Nordhessen arbeitet, spricht darüber, warum die Versorgung von Covid-19-Patienten so anspruchsvoll ist, wie schwer Krankheitsverläufe sein können und warum sie kein Verständnis für Menschen hat, die die Gefahr des Virus herunterspielen. Zum Schutz ihrer Person wurde ihr Name geändert, in der Folge nennen wir sie Antonia.

„Viele Patienten schaffen keine fünf Minuten ohne die Unterstützung durch die Beatmungsmaschine, da die Atemarbeit zu anstrengend wird und/oder der Sauerstoffwert im Blut rapide in gefährliche Bereiche absinkt“, sagt Antonia über die Menschen, die einen schweren Krankheitsverlauf haben, eine Lungenentzündung entwickeln und auf der Intensivstation betreut werden müssen.

Corona in Nordhessen: Pflegerin spricht von hoher psychischer und physischer Belastung

Die Beatmung des Patienten mit Maschine könne im wachen Zustand erfolgen, indem der Patient eine dicht sitzende Maske um den Mund-Nase-Bereich aufgesetzt bekomme, so die Intensivpflegerin. „Insgesamt ist es sowohl physisch als auch psychisch eine hohe Belastung für die Patienten, denn die Beatmungsmaske sitzt eng auf dem Gesicht, damit keine Luft daran vorbeibläst“, sagt Antonia.

Die orale Nahrungsaufnahme sowie das Äußern bestimmter Bedürfnisse sei für die Covid-19-Intensivpatienten nur bedingt möglich. „Durch die Beatmungstherapie trocknen die Schleimhäute aus, was das Verlangen nach Flüssigkeit unerträglich macht“, berichtet die Pflegerin.

Klinik in Nordhessen: Corona-Intensivpatienten müssen kontinuierlich überwacht werden

Generell würden engmaschige Kontrollen der Blutgaswerte, die einen Aufschluss über den Sauerstoffwert, Kohlendioxidwert und Säure-Base-Status geben, stattfinden. Dementsprechend müsse die Therapie auf der Intensivstation auch stets angepasst werden.

„Reicht das nicht aus, dann muss der Patient ins künstliche Koma gelegt werden“, sagt Antonia. Dabei erhalte er einen Schlauch (Tubus) in die Lunge, um die Effizienz der Therapie eventuell steigern zu können. Generell benötigten Intensivpatienten eine kontinuierliche Überwachung sämtlicher Vitalparameter, so die Pflegerin. „Unter Umständen verbringt man dadurch oft eine gesamte Schicht bei einem Patienten am Bett, um innerhalb kürzester Zeit auf die Änderung des Zustands reagieren zu können“, sagt sie.

Nordhessen: Bandbreite an Corona-Symptomen ist tückisch

Die Intensivmedizin umfasse heutzutage ein weites Spektrum. Trotz der Bandbreite an Maschinen und Medikamenten gebe es allerdings coronabedingte krankhafte Vorgänge im menschlichen Körper, auf die man trotz intensivmedizinischer Maximaltherapie keinen Einfluss nehmen könne.

Je schwerer der Krankheitsverlauf sei, umso mehr Hilfe würden die Patienten durch Maschinen, Medikamente und intensivmedizinische Betreuung benötigen. Darunter fielen eine fast durchgängige Beatmungstherapie, den Kreislauf unterstützende Medikamente sowie spezielle Lagerungstherapien, die auf einer Covid-19-Intensivstation Anwendungen finden würden. Tückisch sei auch, dass die Infektion auf so viele Organe wie Lunge, Herz, Leber, Gehirn, Niere und das Gefäßsystem wirken könne, so Antonia.

Corona-Schutzkleidung ist in Nordhessen-Klinik Pflicht: „Es ist äußerst kräftezehrend“

Neben der anspruchsvollen Behandlung der Covid-19-Intensivpatienten ist das Tragen der Schutzkleidung für das medizinische Personal eine erhebliche Belastung. Dazu zählen laut Antonia ein Ganzkörper-Schutzkittel, eine FFP3-Maske, eine Schutzbrille, ein doppeltes Paar Handschuhe und gegebenenfalls Schuhüberzieher, da die Coronavirus-Aerosole auch auf den Boden fallen. „Es ist äußerst kräftezehrend, da sich bemerkenswerte Temperaturen unter den Anzügen bilden“, sagt die Intensivpflegerin.

Die Masken würden zwar nachweislich nicht den Sauerstoffgehalt im Blut verringern, aber sie erhöhten die Atemarbeit. Außerdem würden die Schutzbrillen beschlagen, weshalb man sehr oft mit einem eingeschränkten Sichtfeld arbeite. „Das kann über mehrere Stunden mit einer FFP3-Maske schon sehr anstrengend werden“, so Antonia.

Corona in Nordhessen: Große Sorge vor der dritten Welle

Und wie steckt man die Belastung auf der Intensivstation mental weg? „Ist man von der ersten Minute an ausschließlich emotional befangen, so besteht die Gefahr, dass das Einfluss auf unsere Behandlung und unser Urteilsvermögen nimmt“, sagt sie. Die Intensivmedizin befinde sich durchaus immer wieder an einem Punkt, an dem Emotionalität, vielleicht auch im Sinne von Ethik, und Medizin gemeinsam betrachtet werden müssten. Denn Emotionalität ermögliche auch, sich in die Patienten einzufühlen und ein Verständnis für deren Situation zu entwickeln.

„Ich versuche meistens beides zu berücksichtigen, das Gesehene jedoch mit dem Ablegen meiner Berufskleidung zurückzulassen und nicht mit nach Hause zu nehmen“, sagt die Pflegerin. Sie selbst wolle sich jedoch nicht davon freisprechen – gerade jetzt mitten in der Coronavirus-Pandemie – dass es Momente gebe, in denen sie zu Hause sitze und traurig über „unsere Machtlosigkeit“ angesichts der Auswirkungen des Coronavirus sei.

Nicht von der Hand zu weisen sei auch die Angst des Personals, sich ebenso mit dem Coronavirus zu infizieren – auch im Hinblick auf Spätfolgen. Ebenso sei eine dritte Welle nicht ausgeschlossen. „Gerade jetzt im kommenden Frühjahr werden die Leute wieder rausgehen und sich treffen. Darauf blicken wir von der Intensivstation mit Sorge“, sagt Antonia, denn auch viele junge Patienten ohne Vorerkrankungen hätten teils schwere Verläufe. (Maurice Morth)

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