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Der Heiligenstein war mehr als drei Jahrhunderte ein Gasthaus

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Der Heiligenstein heute: Das Gebäude wurde verkauft und wird vom neuen Besitzer wohl nicht mehr als Gasthaus betrieben. Auf dem Platz der abgerissenen Tanztenne ist ein Wohnhaus entstanden.
Der Heiligenstein heute: Das Gebäude wurde verkauft und wird vom neuen Besitzer wohl nicht mehr als Gasthaus betrieben. Auf dem Platz der abgerissenen Tanztenne ist ein Wohnhaus entstanden. © Siegfried Furchert

300 Jahre diente der Heiligenstein in Albungen als Gasthaus. Die vergangenen zehn Jahre stand es leer. Jetzt gibt es einen neuen Eigentümer.

Albungen – In vielen Jahrzehnten war der Gasthof Heiligenstein nahe dem Albunger Bahnhof Treffpunkt für Menschen, die gutes Essen und Unterhaltung schätzten. Nach 94 Jahren, in denen die Familien Lückert und Ortmeier dieses Gasthaus führten, schloss das Lokal 2011 nach dem Ableben der letzten Wirtin Edla Ortmeier. Nach jahrelangem Leerstand zog nun ein neuer Besitzer ein, der die Gebäude aber nicht mehr als Gasthaus nutzen wird.

Mehr als 300 Jahre hält die Entwicklung des Gasthofes Heiligenstein inzwischen an. Das Haus spielte auch in der Geschichte des Dorfes Albungen im 18. und 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle.

Gasthof und Poststation

Auf dem Flurstück „Der Heiligenstein“, etwas näher an der an Albungen vorbeiführenden Fernstraße (heute B 27) gelegen, erbaute der damalige Pächter Thon des Albunger Gutshofes, einem Vorwerk der Burg Fürstenstein, um 1700 das erste Gasthaus. Die Namensgebung ist damit geklärt. Um 1778 wurde das heute noch bestehende Gebäude errichtet. Zum Gasthof gehörten auch Pferdeställe in einem Nebengebäude, das einige Zeit als Überland-Poststation, später nach einem Umbau als Konservenfabrik und ab 1929 als Kupferschmiedewerk (Besitzer Eduard Imming) diente. Im Garten des Gasthofes stand eine große gedielte Gasthalle, die lange für Tanzveranstaltungen genutzt wurde und auf alten Postkarten zu sehen ist. Diese Halle wurde nach der Jahrhundertwende abgerissen.

Diese Aufnahme des Heiligensteins entstand um 1885: Vor der Tür verläuft schon die Bahnlinie, eine Dampflok fährt vorbei. Das Gebäude ganz links neben dem Gasthaus dieses Tellgmann
Diese Aufnahme des Heiligensteins entstand um 1885: Vor der Tür verläuft schon die Bahnlinie, eine Dampflok fährt vorbei. Das Gebäude ganz links neben dem Gasthaus dieses Tellgmann © war einmal ein Pferdestall der Landpost. Rechts neben dem Gasthaus ist die gedielte Tanztenne zu sehen, die aber um die Jahrhundertwende abgerissen wurde. Foto: Oscar Tellgmann/Repro: Furchert

Erster Besitzer des Gasthofes und aller Nebengebäude aus der Lückert-Dynastie war der aus Dudenrode stammende Berufsmusiker Wilhelm Lückert, der auch im Regiment des bayrischen König Ludwig II. diente. „Wilhelm Lückert kaufte 1917 den Heiligenstein vom Vorbesitzer Erich Saame und modernisierte die Gebäude und seine Anlagen mit Elektrizität und modernen Maschinen, wovon auch die Albunger Bevölkerung profitierte“, notierte Familienmitglied Bodo Ortmeier, Managing-Director i. R. von Massey-Ferguson Deutschland, der die Vergangenheit des Gasthauses und aller Nebengebäude recherchierte und für die Nachwelt niederschrieb.

Aufschwung

Nach Inbetriebnahme der Bahnanlage und der Zunahme des Fremdenverkehrs erlebte das Gasthaus wegen vieler Handelsleute und Ausflügler zum Meißner einen großen Aufschwung. Nach dem verstorbenen Wilhelm Lückert übernahm Mitte der 1930er-Jahre dessen Sohn Heinrich Lückert, ebenfalls Musiker und in der Eschweger Stadtkapelle Muscat spielend, mit seiner Frau Anna die Gaststätte, die nach dem Krieg von den beiden Töchtern Marianne und Else unterstützt wurden, die mit ihren Ehepartnern aber in Herleshausen wohnten.

Nach dem Krieg als Kriegsbeschädigter aus französischer Gefangenschaft heimgekehrt, gründete Heinrich Lückert Ende der 1940er-Jahre mit Willi Becker den Albunger Chorverein, den er auch noch lange Zeit dirigierte. 1956 erkrankte Heinrich Lückert schwer.

Das Foto des Männergesangvereins Albungen entstand in den 1960er-Jahren – mit dem Dirigenten Bahr
Das Foto des Männergesangvereins Albungen entstand in den 1960er-Jahren – mit dem Dirigenten Bahr © Furchert

Bodo Ortmeier: „1958 übergab Großvater Heinrich den Gasthof meiner Mutter Else Ortmeier und meiner Schwester Edla, die auch schon Oma Anna unterstützt hatte.“ Bodos Vater Ewald Ortmeier, ein bekannter Polizeibeamter, half in seiner dienstfreien Zeit im Lokal. Nach einem totalen Umbau der Gaststätte und Küche hatte der Heiligenstein in den 1960er- und 1970er-Jahren eine geschäftliche Blütezeit. „Vielfach musste in diesen Jahren Gästen abgesagt werden, weil die Sitzplätze nicht ausreichten“, erinnert sich Bodo Ortmeier.

Bei Edla

Diesen Zustrom verdankt der Heiligenstein aber nicht nur den lokalen Leckereien, die den Gästen aus der Küche serviert wurden. „Wir fahren heute wieder zu Edla“ war in diesen Jahren ein oft gebrauchter Satz der Stammgäste. Denn Edla Ortmeier, die nach dem Tode ihrer Mutter Else 1970 das Gasthaus weiterführte, sorgte mit ihrem herzlichen Wesen und ihrer guten Laune, mit der sie alle Gäste ansteckte, dafür, dass die nach einem Besuch gesättigt, glücklich und zufrieden wieder nach Hause fuhren und bei nächstbester Gelegenheit gern wieder im Heiligenstein einkehrten.

An Feiertagen wie Ostern verwandelte die letzte Wirtin Edla Ortmeier (links) die Gaststube in ein Blumenmeer.
An Feiertagen wie Ostern verwandelte die letzte Wirtin Edla Ortmeier (links) die Gaststube in ein Blumenmeer. © Ortmeier

Über 50 Jahre war Edla, die zwei Jahre mit dem früh verstorbenen Paul Weinbach verheiratet war, im Gasthaus Heiligenstein tätig. Nach ihrer Erkrankung im Jahr 2011 schloss der Heiligenstein seine Türen, Ende 2011 verstarb Edla.

Treffpunkt der Jugend

Der Heiligenstein war in den 1960er- und 1970er-Jahren einer der Treffpunkte der Albunger Jugend, in dem sie an den Musik- und Flipper-Automaten und für eine Cola einen Teil ihres Taschengeldes ausgaben.

Für den Männergesangverein Albungen und seine Dirigenten Heinrich Lückert und Nachfolger Bahr war der Heiligenstein bis zur Auflösung des Chores Treffpunkt und Übungsstätte. Auch der 1962 gegründete Tischtennisclub Albungen war eine Zeit im Saal aktiv, die Mitglieder nutzten ihn als Versammlungsraum.

Für alle, Gäste, die Albunger Sänger und Sportler, war der Heiligenstein für viele Jahre ein Ort der Entspannung, wo sie sich wohlfühlten. Auch dank der Bewirtung durch die Familien Lückert und Ortmeier, für die das Wohl ihrer Gäste stets erstes Gebot war. (Siegfried Furchert)

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