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NACHTFIEBER (4) Ehemalige Discos in der Region: Zilles Tollhaus und seine Motto-Partys

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Im Stil der Blues Brothers waren die beiden DJs (von links) Benjamin Kühn und Michael Stahlhut mit dem Team und Betreiberin Helga Stahlhut (rechts) bei einer der Partys in Zilles Tollhaus unterwegs.
Im Stil der Blues Brothers waren die beiden DJs (von links) Benjamin Kühn und Michael Stahlhut mit dem Team und Betreiberin Helga Stahlhut (rechts) bei einer der Partys in Zilles Tollhaus unterwegs. © Privat/NH

Winterzeit ist Discozeit – zumindest früher einmal. 50 Jahre bestimmten die Tanzschuppen die Abendgestaltung. Heute gibt es keine einzige mehr in der Region. Wir erinnern uns an ehemalige Discos.

Eschwege – Bunte Motto-Partys, immer wieder neue Ideen und zwei Dancefloors, die so voll waren, dass man nicht hätte umfallen können: So sah es von 1998 bis 2003 in Zilles Tollhaus, der ehemaligen Fabrik, in Eschwege aus.

DJ Michael Stahlhut erinnert sich gern an die Blütezeit dieser Eschweger Disco zurück, hat einen Ordner voller Fotos und Plakate, die vom ausgelassenen Treiben zeugen.

Die Ideen

Von Partys mit Schlager-Doubles, die Wolfgang Petry oder Heino mimten, und an Filme angelehnte Events über eine Samba-Party mit Tänzerinnen bis hin zu einem Abend mit Travestie-Künstler Sasha Lee habe sich das Team immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Neben den Betreibern Helga Stahlhut, Matthias Rohner und André Palmaccio brachten die DJs Michael Stahlhut und Benjamin Kühn alias Ben E. sowie Kai aus dem Bruch ihre Ideen ein. Aus dem Bruch sei quasi der künstlerische Leiter gewesen, erinnert sich Michael Stahlhut.

Partys zur Moderation eines Travestie-Künstlers wie die in Zilles Tollhaus am 9. September 1998 seien Ende der 1990er-Jahre noch recht außergewöhnlich gewesen. Als die Disco zur Sexy-Christmas-Party einlud, habe sich ein Pfarrer beschwert.

Viele Besucher

Doch die Disco, die anfangs nur an jedem dritten Wochenende und dann an jedem zweiten öffnete, hatte Erfolg: 1600 Besucher im Durchlauf pro Abend und etwa 3200 an einem Wochenende habe es gegeben. Stahlhut weiß: „Da kann man heute, glaube ich, von träumen.“ Palmaccio erzählt, dass sie um 20 Uhr die Türen öffneten und das Tollhaus um 21 Uhr voll war.

Volles Haus: Etwa 6000 Besucher kamen pro Monat in Zilles Tollhaus, wie sich André Palmaccio erinnert.
Volles Haus: Etwa 6000 Besucher kamen pro Monat in Zilles Tollhaus, wie sich André Palmaccio erinnert. © Privat

Am stärksten besucht waren die Ü-30-Partys, wie sich der DJ erinnert. Musikalisch aufgeteilt habe er sich um Party-Musik und Schlager gekümmert, während Ben E. House und R & B auflegte, auch Chartmusik spielte und moderierte. Neben den beiden Stamm-DJs standen regelmäßig Gäste wie Walter Fernau, Heinz Felber – damals bekannt aus der Clubnight des HR3 – und Uwe Welsch alias Mr. Brown am Mischpult. Hinzu kam teilweise Live-Musik.

„Alle haben mitgemacht“, erinnert sich Palmaccio an die Partygäste, die immer passend zum Motto verkleidet in Zilles Tollhaus kamen. Geschäftsführerin Helga Stahlhut habe ein sehr gutes Gespür für die Gestaltung der Partys und ihr Team gehabt. „Ohne Helga hätten wir das auch nicht gemacht“, erinnert sich Palmaccio, der eigentlich etwa 600 Kilometer weiter weg in den Niederlanden lebte. Er und Rohner waren die Eigentümer der Immobilie, hatten auch ein Haus daneben gekauft.

Die Betreiber (von rechts) Helga Stahlhut, Matthias Rohner und André Palmaccio mit Ehefrau Carmelita.
Die Betreiber (von rechts) Helga Stahlhut, Matthias Rohner und André Palmaccio mit Ehefrau Carmelita. © Privat

Die Anfänge

Als in der Anfangszeit etwa 1000 Menschen vor dem Eingang von Zilles Tollhaus Schlange standen, liefen sie kurzerhand zu einer Bewohnerin des Hauses, die dort mit ihrem Kind lebte. Ausgerüstet mit Stempelkissen für Kinder stempelten sie Äpfel, Birnen und weiteres Obst auf die Hände der Gäste, deren Eintritt sie so markierten.

Seine Anfänge habe Zilles Tollhaus eigentlich mit Schlagerpartys gehabt. Als die Zille, die damals von Stahlhuts Mutter Helga betrieben wurde, zu diesen förmlich aus allen Nähten geplatzt sei, habe man die ehemalige Fabrik angemietet. Die erste Veranstaltung dort lief noch unter dem Namen „Zilles Bierhaus in der Fabrik“. Eigentlich, so erinnert sich Stahlhut, habe man die Disco nur „Tollhaus“ nennen wollen. Doch allein habe es den Namen bereits gegeben. Unter dem Titel „The Tollhaus Times“ erschien zeitweise eine eigene Beilage, die wie eine Zeitung aufgebaut war.

Nach einer geglückten Party mit einem Guildo-Horn-Double nach dessen Auftritt beim Eurovision Song Contest überwältigte die Resonanz auch die Betreiber. „Man hat mit 200 Leuten gerechnet“, so Palmaccio über eine Party in der Anfangszeit, bei der das Team schließlich alle Tankstellen abfuhr, um genug Getränke für die Gäste zu bekommen.

„Die ersten drei Jahre, die waren unglaublich“, sagt Palmaccio. Zilles Tollhaus sei immer voll und die Partys stets ein Erfolg gewesen. An die Acts kam Helga Stahlhut laut ihm über eine Agentur, die auch mit Künstlern aus den Niederlanden zusammenarbeitete.

Spontaner Auftritt: Die Rotjacken und auch der Fanfarenzug Eschwege spielten in Zilles Tollhaus.
Spontaner Auftritt: Die Rotjacken und auch der Fanfarenzug Eschwege spielten in Zilles Tollhaus. © Privat

Der Biergarten

Hinzu kam laut Stahlhut im Sommer der Biergarten, in dem Poolpartys stattfanden. „Das Einzige, was wir nie gemacht haben, ist billig“, sagt er. Einer seiner Favoriten sei die Party zu den Blues Brothers gewesen, bei der er und DJ-Kollege Ben E. passend mit Anzug, Hut und Sonnenbrille auflegten. Während des Tanzverbots an Ostern sperrte das Team die Tanzfläche und stellte stattdessen Tische aus dem Biergarten auf, an denen Karten gespielt wurde, bis nachts die Freigabe zum Tanzen kam.

Neben den damals noch sehr angesagten Alcopops sei Slush-Eis mit Alkohol gefragt gewesen. Ausschank gab es an drei Stellen im Tollhaus: In der Altbier-Stube im vorderen Bereich, einer separaten Hefe-Theke und an der Cocktail-Bar.

Zeitung: The Tollhaus Times.
Zeitung: The Tollhaus Times. © STADTARCHIV/NH

Die Erinnerungen

Begeistert erzählen Stahlhut und Palmaccio von Zilles Tollhaus. Als einer der drei Betreiber erhält Palmaccio bis heute Anrufe und Nachrichten von ehemaligen Gästen. Oft fragen sie, wieso das Team nicht mit Zilles Tollhaus weitergemacht habe. Palmaccio erklärt, dass die Disco-Zeit einfach vorbei gewesen sei.

Von Eden Sophie Rimbach

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