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Einzelhändler und Ketten verlassen die Eschweger Innenstadt

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Von: Stefanie Salzmann

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Hier ist erst mal Schluss: Nach knapp 30 Jahren sind die Inhaber des Feinkostgeschäftes „Grambamboli“ in den Ruhestand gegangen. Für das Ladengeschäft ist aber eine Nachfolge gefunden.
Hier ist erst mal Schluss: Nach knapp 30 Jahren sind die Inhaber des Feinkostgeschäftes „Grambamboli“ in den Ruhestand gegangen. Für das Ladengeschäft ist aber eine Nachfolge gefunden. © Tobias Stück

Mehrere Krisen haben den Handel beeinflusst. Spuren hinterlässt das vor allem in den Innenstädten. So gehen Eschwege und Witzenhausen mit Leerständen um.

Eschwege – Der stationäre Handel steht auf dem Prüfstand. Erst die Pandemie, die dem seit Jahren zunehmenden Onlinehandel zu weiterem Wachstum verhalf, dann der Ukraine-Krieg und nun eine Inflation, die Verbraucher sparen lässt. Größtes Sorgenkind der Entwicklung sind dabei die Innenstädte – große und kleine gleichermaßen.

„Der Handel änderte sich in seinem Kern rasant“, sagt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE). „Wir werden Passantenfrequenzen von 2019 scheinbar nie wieder erzielen.“ Allein 40 bis 50 Prozent der Textilumsätze würden deutschlandweit über das sogenannte E-Commerce getätigt.

Sichtbar wird der Umbruch des Handels auch in der Eschweger Innenstadt. Die erlebt gerade eine massive Rückzugswelle. Das betrifft sowohl Einzelhandelsgeschäfte als auch Ketten, die in den vergangenen Wochen und Monaten entweder bereits geschlossen haben oder bis Ende des Jahres ihre Flächen in der Stadt aufgeben.

„Ohne Leerstand gäbe es keine Entwicklung“

„Handel ist Wandel“, sagt Eschweges Bürgermeister Alexander Heppe angesichts der aktuellen Entwicklung. Der Leerstand sei in der aktuellen Situation nicht Eschwege-spezifisch. „Das Problem haben landauf landab alle kleineren und mittleren Städte“, sagt er. Nicht nur der Einzelhandel habe gelitten, auch größere Unternehmen würden konsolidieren und ihre Standorte auf den Prüfstand stellen. Zehn Prozent Leerstand in einer Innenstadt sei normal, sagt Heppe.

Auch die Stadt Witzenhausen hat eine ähnliche Leerstandsquote, doch liegt die Problematik dort anders als in der Kreisstadt. Außer einigen wenigen Ketten wie Takko, Rossmann und Ernstings Family ist die Stadt von kleinem Einzelhandel geprägt. „Wir haben sehr alten Leerstand“, sagt Stadtplaner Kai Simon. Die Flächen seien oft in schlechtem Zustand und unattraktiv.

Zugleich sieht er auch das Positive im Leerstand. „Ohne den gäbe es keine Entwicklung.“ Witzenhausen setzt auf ein junges Klientel, das kleine Läden eröffnet und sich engagiert und dabei ein Mix aus sozialen, kulturellen, künstlerischen Angeboten entsteht, um die Innenstadt generell attraktiver zu machen.

„Um Leerstand zu beseitigen, ist es wichtig, Anreize zu schaffen“, sagt Simon und das seien in aller Regel Mittel für Renovierung und Ausstattung etc. Beide Kommunen bedienen sich verschiedener Förderprogramm wie „Zukunft Innenstadt“ oder „Stadtumbau“.

Stad und Forstgasse betroffen

Schon jetzt kaum zu übersehen, stehen in der Innenstadt viele Ladengeschäfte leer. Dazu gehören der Feinkostladen „Grambamboli“, der fast 30 Jahre am Stad Nr. 10 Tee, Spirituosen und Feinkost verkaufte. Die Eigentümer haben aus Altersgründen aufgegeben, dafür gebe es aber eine Nachfolge. In unmittelbarer Nachbarschaft hat auch das Bekleidungsgeschäft „Emily und Angel“ kürzlich geschlossen.

Auch aus der Forstgasse – schon viele Jahre das Sorgenkind der Innenstadt – starren leere und vernagelte Schaufenster auf die Gasse. Seit der Geschäftsaufgabe des Miederwarengeschäftes Tietze vor einigen Jahren steht das Geschäft an der Hausnummer 18 leer. Ebenfalls leer die gegenüberliegende Kneipe „Neue Liebe“. Die Zoohandlung hat ihr Geschäft aufgegeben, daneben sind zwei weitere Ladengeschäfte leer.

Doch auch große Filialisten verlassen die Innenstadt. Dazu gehört der DM-Markt am Stad 23, der zum Jahresende schließt. Laut Peter Stöber, Gebietsleiter für DM, werde der Standort nicht dem Anspruch eines „familiengerechten Einkaufserlebnisses“ gerecht. Eine Alternative in Eschwege hat DM bisher nicht gefunden. Der inzwischen auch leer stehende Adler-Markt am unteren Stad kam für DM nicht infrage.

Ein Markt soll in vier Segmente unterteilt werden

Für den ehemaligen Adler-Modemarkt liege nach Auskunft von Eschweges Bürgermeister Alexander Heppe allerdings ein Bauantrag des Eigentümers bei der Stadt vor, nachdem die ehemalige Adler-Fläche in vier kleinere Segmente unterteilt werden soll. Nach fünf Jahren verabschiedet sich auch Depot aus der Schlossgalerie wieder. Der Anbieter für Wohnaccessoires und Kleinmöbel hatte seit 2017 400 Quadratmeter im Erdgeschoss des Kaufhauses gemietet. Die Filiale schließt spätestens zum Ende des Jahres.

Nichts hingegen ist dran an den in der Stadt kursierenden Gerüchten, dass C&A und Hunkemöller ebenfalls schließen. Beide Filialen bestätigen, dass sie nicht die Absicht haben, ihre Geschäfte aufzugeben.

Der Schuhladen Reno, dessen Schaufenster derzeit auch mit Plakaten beklebt sind, dass die Filiale schließt, wird nicht dicht machen. Das bestätigt Reno-Deutschland auf Anfrage. „Es findet dort aktuell ein Sonderverkauf statt, der dazu dient, das Sortiment zu bereinigen und Raum für Neues zu schaffen“, heißt es vonseiten der Geschäftsleitung. Im Anschluss würden die Filialen lediglich für einige Tage geschlossen, um Systeme und Sortimente für die Wiedereröffnung vorzubereiten. Das Unternehmen war kürzlich verkauft worden.

Innenstadt „postcorona“ neu denken

Auch die Sparkasse Werra-Meißner überprüft aktuell den Standort ihrer Geschäftsräume am Stad. „Eine konkrete Entscheidung haben wir bisher nicht getroffen“, sagt Sprecher Lutz Römer.

Der Leerstand, so Eschweges Bürgermeister Alexander Heppe, sei in der aktuellen Situation durch Pandemie, Onlinehandel und Krieg nicht Eschwege-spezifisch. Nicht nur der lokale Einzelhandel habe gelitten, auch größere Unternehmen würden konsolidieren und ihre Standorte auf den Prüfstand stellen.

Dem entgegen wirke die Stadt Eschwege mit verschiedenen Förderprogrammen, die die Innenstadt zukunftsfähig machen sollen, wie „Lokale Ökonomie“ oder „Stadtumbau 2“, über die vor allem Starthilfe gegeben werden soll. „Wir drehen an vielen Rädern“, sagt Heppe. Eine Innenstadt „postcorona“ müsse neu gedacht werden, dazu gehöre es auch, Angebote in der Innenstadt zu kombinieren.

Von Stefanie Salzmann

Elf Prozent Rückgang im stationären Handel 

Der Umsatz des stationären Einzelhandels mit Bekleidung sank in den Monaten Januar bis September 2022 gegenüber demselben Zeitraum 2019 real um elf Prozent. Auch in anderen typisch in Innenstädten vertretenen Geschäften zeigt sich diese Entwicklung: So ging der Umsatz bei Büchern um 21 Prozent zurück, bei Spielwaren um 17,5 Prozent. Etwas geringer fielen die Rückgänge mit Unterhaltungselektronik (-7,4 Prozent und Schuhen (-4,9 Prozent) aus. (Quelle: Statistisches Bundesamt) (salz)

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