INTERVIEW

Wieder nur Masken und Lüften im Winter? Interview zu Schulen und Corona

Luftfilter: Ihre Wirksamkeit wird immer wieder infrage gestellt. Auch der Werra-Meißner-Kreis hat nicht vor, alle 1200 Klassenräume damit auszustatten.
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Luftfilter: Ihre Wirksamkeit wird immer wieder infrage gestellt. Auch der Werra-Meißner-Kreis hat nicht vor, alle 1200 Klassenräume damit auszustatten.

Schulen in der Coronapandemie: Wieder nur Masken und Lüften im Winter? Kreistagsabgeordneter und Lehrer Dr. Claus Wenzel über Luftfilter.

Werra-Meißner – In Bad Sooden-Allendorf sollen 38 schlecht zu belüftende Klassenräume mit stationären raumlufttechnischen Anlagen ausgestattet werden, um im kommenden Schuljahr hier Unterricht zu gewährleisten (wir berichteten). Alle rund 1200 Klassenzimmer im Werra-Meißner-Kreis mit diesen Geräten auszustatten ist nach Angaben des Werra-Meißner-Kreises nicht angedacht.

Der Schulträger bezieht sich dabei auf eine Studie des Bundesumweltamtes, das die Wirksamkeit der Geräte infrage stellt. Wir haben mit Dr. Claus Wenzel, Lehrer, Gewerkschaftsmitglied und Kreistagsabgeordneter der Freien Wähler gesprochen, der sich für den Einsatz dieser Anlagen engagiert.

Herr Wenzel, können sich die Schulen im Werra-Meißner-Kreis einen zweiten Herbst/Winter ohne Luftfilter in den Klassenzimmern erlauben?

Vor dem Hintergrund des langen Distanzunterrichtes für viele Schüler sollte alles getan werden, um einen sicheren Präsenzunterricht zu gewährleisten. Luftfilteranlagen ersetzen nicht das Lüften und Maskentragen, bieten aber einen zusätzlichen Schutz.

Sie sind nicht nur Kreistagsabgeordneter, sondern auch Lehrer. Fühlen Sie sich, Ihre Kollegen und die Schüler im Stich gelassen?

Viele Schüler und Lehrkräfte fühlen sich vernachlässigt. Sie haben den Eindruck, dass auf Kosten ihrer Gesundheit gespart wird. Die Gewerkschaften sind sich einig, dass Luftfilter angeschafft werden sollten. Der hessische Landtag, die Staatskanzlei und manches Schulamt sind mit Luftfiltern ausgestattet. Warum nicht die Schulen?

Welches Szenario erwarten Sie, wenn keine Reinigungsanlagen angeschafft werden?

Das Risiko für Distanzunterricht würde steigen. Damit einher geht wieder ein Verlust an sozialen Interaktionen, die für einen ganzheitlichen Lernprozess wichtig sind. Die Lehrkräfte sind zwar weitgehend geimpft, aber es geht um die Gesundheit der Schüler.

Lässt sich durch die Geräte ein Wechsel ins Homeschooling vermeiden?

Das Risiko würde deutlich reduziert.

Warum sträubt sich der Werra-Meißner-Kreis Ihrer Meinung nach gegen die Anschaffung?

Es geht wie immer um das Geld.

Von welchen Kosten sprechen wir bei 1200 Klassenzimmern?

Der an der Goethe-Universität Frankfurt und der Universität Mannheim entwickelte Online-Kalkulator, www.airfiltercalculator.com, kann helfen, das für die jeweilige Räumlichkeit geeignete und kostengünstigste Gerät zu ermitteln.

Können Sie die Argumente des Kreises nachvollziehen?

Ich kann vieles verstehen, muss aber nicht alles gut finden. In der Politik müssen Prioritäten gesetzt werden. Die Gesundheit der Schüler und Lehrkräfte haben für mich oberste Priorität.

Sind die Luftfilteranlagen nach Corona nutzlos?

Nach der Pandemie ist vor der Pandemie. Wir können sicherlich alle gerne auf eine zukünftige Virusmutante verzichten, diese aber nicht ausschließen. Daher sollten wir vorbereitet sein. Die Anschaffung von Luftfilteranlagen erachte ich als nachhaltige Investition.

Dr. Claus Wenzel

Zur Person

Dr. Claus Wenzel (47) wurde in Eschwege geboren und ist in Vierbach aufgewachsen, wo er immer noch lebt. 1993 hat er am Beruflichen Gymnasium in Eschwege sein Abitur abgelegt. Nach einer Lehre zum Industriekaufmann hat er in Kassel Wirtschaftspädagogik studiert. Nach dem Referendariat 2001 an den Beruflichen Schulen in Eschwege wurde er hier später Oberstudienrat. Wenzel ist Kreisvorsitzender des Deutschen Lehrer-Verbandes Hessen (DLH). Seit 2008 sitzt er für die FWG im Gemeindeparlament von Wehretal, seit 2016 im Kreistag. Seit 2017 ist er Kreisvorsitzender der FWG. Claus Wenzel ist verheiratet und hat zwei Söhne. 

Das ist die Empfehlung des Umweltbundesamtes

Um die Wahrscheinlichkeit einer Infektion über Aerosole wirksam zu vermindern, forder das Umweltbundesamt (UBA) eine Luftförderleistung an keimfreier Luft, die mindestens dem Sechsfachen des Raumvolumens pro Stunde entspricht. Bei einem Klassenraumvolumen von zum Beispiel 200 Kubikmetern entspricht dies einer Förderleistung von mindestens 1200 Kubikmeter an keimfreier Luft pro Stunde.

Mobile Luftreinigungsgeräte versprächen, virushaltige Partikel in Innenräumen zu reduzieren. „Ob die Minderungen ausreichen, eine Infektionsgefahr in dicht belegten Klassenräumen abzuwenden, ist nach jetzigem Wissensstand unsicher“, schreibt das Umweltbundesamt auf seiner Internetseite. Da die Geräte weder CO2 noch Wasserdampf aus der Raumluft entfernten, empfiehlt das UBA weiter auch in der kalten Jahreszeit die Fensterlüftung als prioritäre Maßnahme.

Als Fazit empfiehlt das Umweltbundesamt, aus gesundheitlichen und Nachhaltigkeitsgründen perspektivisch alle dicht belegten Veranstaltungsräume in Schulen und Bildungseinrichtungen mit raumluft-technischen (RLT)-Anlagen aus- beziehungsweise nachzurüsten.

Stand der Technik sind Anlagen mit Wärmerückgewinnung, welche die Außenluft energiesparend mittels der Abluft anwärmen.

Von Tobias Stück

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