Urteil gefallen

Mit Ecstasy in den Hosentaschen in die Disko: 71-Jähriger bietet Minderjährigen Drogen an

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Ein Mann aus Eschwege hat in einer Disko Drogen an Minderjährige verkauft - jetzt ist das Urteil gefallen (Symbolbild).

Weil er Handel mit Betäubungsmitteln getrieben hat, ist ein 71-Jähriger vor dem Amtsgericht Eschwege verurteilt worden.

  • Ein 71-Jähriger hat in einer Disko in Eschwege Drogen an Minderjährige verkauft.
  • Der Mann handelte mit Ecstasy.
  • Jetzt ist das Urteil gegen ihn gefallen.

Eschwege - Weil er unerlaubt Handel mit Betäubungsmitteln getrieben hat, ist ein 71-Jähriger aus dem Werra-Meißner-Kreis am Dienstagmorgen vor dem Amtsgericht Eschwege zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt worden. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Ausführlich hatte der 71-Jährige während der Beweisaufnahme zu den Vorwürfen gegen ihn Stellung genommen. So sei es, wie zuvor in der Anklageschrift verlesen, korrekt, dass er im Februar 2018 die Eschweger Diskothek Mausefalle mit mehr als 30 Pillen Ecstasy betreten habe – verteilt in seinen Hosentaschen und in einer Tasche, die er an der Garderobe abgegeben habe. 

Eschwege: Handel mit Ecstasy - Angeklagter hatte auch Marihuana dabei 

In dieser Tasche befunden hätten sich weiterhin rund fünf Gramm Marihuana, versteckt in einem Überraschungs-Ei, ein als Taschenlampe getarnter Schlagstock und Pfefferspray.

„Ein letztes Mal richtig abtanzen“ habe er gewollt, gab der 71-Jährige an: Wegen eines chronischen Gesundheitsleidens sei absehbar gewesen, dass er im Rollstuhl lande – in einem solchen ließ er sich am Dienstag auch in den Gerichtssaal in Eschwege fahren. Und weil er „richtig Spaß haben“ wollte, habe er vor dem Diskobesuch selbst eine erhebliche Menge an Drogen konsumiert – welche, wie viele und ob auch Ecstasy im Spiel gewesen wäre, wisse er aber nicht mehr.

Eschwege: Handel mit Ecstasy - "Pillen für Eigengebrauch" 

Strittig war nun der weitere Verlauf des Abends in der Disko in Eschwege: Gleich mehrere Minderjährige bezeugten, dass der Beschuldigte aktiv auf sie zugegangen sein und ihnen Ecstasy-Pillen angeboten haben soll. In einem Fall schließlich sei einem 17-Jährigen im Außenbereich der Diskothek eine Pille in die Hand gedrückt worden. Ein älterer Freund warf diese sogleich über einen Zaun.

Fünf Euro habe der 71-Jährige laut Zeugenaussagen für diese Pille verlangt. „Stimmt so nicht“, entgegnete der Angeklagte: Sämtliche Pillen seien für den Eigengebrauch bestimmt gewesen. Mit sich geführt habe er Drogen und Waffen lediglich, weil er in der Vergangenheit bereits Opfer von Überfällen und Wohnungseinbrüchen geworden sei. Seine Drogen als Wertsachen habe er so sichern wollen.

Glauben geschenkt hat dem 71-Jährigen das Schöffengericht unter Vorsitz von Dr. Alexander Wachter allerdings nicht. „Kein Zweifel: Sie wollten mit den Drogen handeln, um Gewinn zu erzielen“, heißt es in der Urteilsbegründung. Als mildernde Umstände würden das Alter und der Gesundheitszustand des 71-Jährigen gewertet.

Eschwege: Handel mit Ecstasy - Staatsanwalt forderte höhere Strafe

Eine deutlich härtere Strafe – nämlich ein Jahr und sechs Monate ohne Bewährung – hatte die Staatsanwaltschaft gefordert. Lediglich, weil die Jugendlichen in Eschwege sich so verantwortungsbewusst gezeigt hätten, sei kein Ecstasy konsumiert oder in Umlauf gebracht worden. „Die Minderjährigen müssen vor solchen Menschen geschützt werden“ – und: Ecstasy sei keine ungefährliche weiche Droge, wie von dem 71-Jährigen wortreich behauptet.

Eschwege: Handel mit Ecstasy - Mann hat langes Vorstrafenregister 

Apricotfarben mit Mühlenaufdruck sind die kleinen Ecstasy-Pillen, oder auch mal blau mit Lego-Dupo-Emblem. „Richtig gefährlich“, sagt der 71-jährige Angeklagte vor dem Eschweger Schöffengericht im Brustton der Überzeugung aus, „sind aber nur die dunkelrot eingefärbten. Die mit dem eingestanzten Totenkopf. Davon würde ich auch nicht fünf auf einmal nehmen.“ Der 71-Jährige gerät im Gerichtssaal ins Referieren zu den Pillen, apricot und blau in der Hauptsache, „also nur von mittlerer Stärke“, die er im Februar 2018 mit in die Eschweger Diskothek Mausefalle genommen hat. 

Und eine längere, intensive Beschäftigung des Mannes mit dem Thema Drogen lässt sich allein aus seinem Vorstrafenregister ablesen: Imposante 27 Einträge gibt es insgesamt, neben unerlaubtem Besitz von Betäubungsmitteln ist alles quer durch das Strafgesetzbuch dabei – vom Fahren ohne Fahrerlaubnis bis hin zu Betrug und Diebstahl. 

Eschwege: Handel mit Ecstasy - Angeklagter ein Märchenerzähler wie aus 1001 Nacht

Nach dem Handel mit Ecstasy: „Ein Paradiesvogel“ sei der 71-Jährige, der seit rund sechs Jahren von der Grundsicherung lebt, hieß es so auch im Plädoyer der Staatsanwaltschaft – einer, der sich nicht an Recht und Gesetz gebunden fühle, „ein Märchenerzähler wie aus 1001 Nacht“.

Mildernde Umstände dagegen erkannte der Verteidiger, Rechtsanwalt Thomas Harmony: Wegen seines hohen Alters und seines schlechten Gesundheitszustandes sei der Angeklagte strafempfindlicher als andere. Zur Untermauerung eben dieses Zustandes hatte der 71-Jährige auch gleich zu Prozessbeginn sein Medikamenten-Arsenal vor sich aufgebaut – „mein Rohypnol, das in besagter Diskonacht beschlagnahmt wurde, fordere ich noch zurück.“ 

Eschwege: Handel mit Ecstasy - Angeklagter hatte skurrilen Auftritt 

Eher skurril, setzte Thomas Harmony fort, müsse auch das Auftreten des zur Tatzeit 69-jährigen, „etwas schräg gekleideten“ Mannes in der Disko voller Jugendlicher in Eschwege gewirkt haben. „Ein ernsthafter Drogenhandel sieht doch anders aus.“ 

Nein, erklärte Dr. Alexander Wachter in seiner Urteilsbegründung: Der vorliegende Fall sei sogar ein besonders schwerer, weil er in einem Ort des Jugendschutzes geschehen sei. „Der Angeklagte hätte wissen, zumindest ahnen müssen, dass er sein Ecstasy Minderjährigen anbietet. Der 71-jährige Mann bekam eineinhalb Jahre auf Bewährung.

Im Landgericht Kassel wird seit Januar 2020 fünf Männern der Prozess gemacht. Sie verkauften seit 2015 Drogen im Wert von mindestens 2,11 Millionen Euro.

Vor dem Marburger Landgericht ist im Sommer 2019 ein Prozess gegen drei Männer gestartet, die im Raum Schwalmstadt mindestens seit 2017 mit Drogen, vor allem Heroin und Kokain, in größeren Mengen gehandelt haben sollen.

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