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Eschweger Piloten erklären die Faszination des Segelfliegens

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Von: Tobias Stück

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Herrliche Aussichten unterwegs: Die Mecklenburgische Seenplatte nördlich von Berlin.
Herrliche Aussichten unterwegs: Die Mecklenburgische Seenplatte nördlich von Berlin. © Dr. Rainer Fröhlich

Rainer Fröhlich und Gert Bräutigam sind Segelflieger aus Leidenschaft. Anhand ihrer jüngsten, 1700 Kilometer langen Flüge, berichten die Piloten von ihrer Suche nach dem Aufwind.

Eschwege – Ein Segelflieger kennt die Wolken und weiß, welche Wolken, an welchen Stellen Aufwinde bringen. Stehen die Wolken in Reihen, so spricht man von Wolkenstraßen.

Bei bestimmten Voraussetzungen kann man diesen Straßen oft lange, manchmal 50, 100 Kilometer oder weiter folgen, ohne durch Kreisen Flughöhe erzielen zu müssen. Man fliegt unter den Wolken einfach etwas langsamer, um Steigen mitzunehmen, um dann in den Fallgebieten die Geschwindigkeit wieder zu erhöhen. Schnelle und weite Flüge sind somit möglich. Diese Idealbedingungen haben Rainer Fröhlich und Gert Bräutigam bei ihren jüngsten Langstreckenflügen im August gesucht.

Rainer Fröhlich Pilot
Rainer Fröhlich Pilot © Schöggl, Lorenz
Gert Bräutigam Pilot
Gert Bräutigam Pilot © Privat

Doch das Wetter, welches sie ständig beobachten müssen, ändert sich auf den langen Flügen häufig. „Jeder Flug ist anderes, das Wetter nie gleich“, sagt Rainer Fröhlich. Es sei der immerwährende Kampf mit dem Hangwind, dem thermischen- und den Wellenaufwinden. „Hier surft man am Himmel wie ein Surfer auf einer Welle.“ Meistens haben die Piloten vom Eschweger Luftsportverein eine Lösung gefunden, manchmal wurde es richtig knapp auf ihren beiden Flügen.

Segelflug von Eschwege aus in Richtung Ostdeutschland

Gert Bräutigam und Rainer Fröhlich starten um 10.57 Uhr auf dem Eschweger Flugplatz Stauffenbühl. Aufgrund idealer Wolkenstraßen, die einen langen Geradeausflug, ohne langwieriges Kreisen ermöglichen, sind sie bereits um 12.30 Uhr an Magdeburg vorbei und müssen sich gegen 13 Uhr an der brandenburgischen Seenplatte entscheiden, ob sie Berlin und damit diese riesige Kontrollzone von Berlin nördlich umfliegen wollen. Sie misst in West/Ost Ausrichtung etwa 100 Kilometer. Die Wolken nördlich Berlin sehen gut aus und sie gehen aus 1500 Metern Höhe auf einen längeren Gleitflug durch wolkenloses Gebiet.

Blick aus dem Cockpit über der Elbe in Richtung Nordosten.
Blick aus dem Cockpit über der Elbe in Richtung Nordosten. © Dr. Rainer Fröhlich

Die Wolkenstraßen tragen sie förmlich durch den Himmel. Um 14.30 Uhr liegt links unter ihrer Tragfläche die Elbe, gleich daneben die polnische Grenze. Über Frankfurt/Oder macht Gert Bräutigam den Vorschlag, noch 100 Kilometer weiter nach Süden zu fliegen, um auch noch den Luftraum von Dresden zu umrunden. Spontan fragt Rainer Fröhlich, ob er verrückt sei? Erst gegen 17 Uhr wären sie im Elbsandsteingebirge an der tschechischen Grenze und hätten dann noch 300 Kilometer bis nach Eschwege zu fliegen. „Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, denkt Fröhlich.

Kurz vor 17 Uhr sind sie wirklich am südlichen Eingang ins Elbsandsteingebirge über Decin, Tschechien. Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag zwischen 104 und 152 Kilometer pro Stunde. „Wenn man bedenkt, dass man beim Kreisen unter einer Wolke praktisch wie vor einer roten Ampel auf der Stelle steht, gar nicht schlecht“, sagt Rainer Fröhlich. Das Abenteuer Segelflug beginnt aber genau jetzt:

Die erfahrenen Piloten brauchen jetzt noch zwei Stunden Thermik, um nach Hause zu kommen. Der Stimmungsparameter rauscht allmählich in den Keller. Keiner von beiden glaubt, dass sie aufgrund der Wetterlage heute noch nach Hause kommen werden. Vor ihnen tut sich eine völlig andere Wetterlage auf.

Alle etwa 30 Kilometer ein dunkler Wolkenstreifen und leichte Quellungen, die noch auf etwas Thermik hinweisen. Bei Weimar kommen die Glücksgefühle zurück: Die Sonne scheint und sofort setzt erneut die thermische Entwicklung ein. Das Duo schafft es, hier noch einmal bis auf fast 2500 Meter, dicht an die Wolke, zu steigen. Aufgrund des Wolkenbildes sind sie gedanklich eigentlich schon zu Hause. Doch, es sollte ihr letzter Aufwind gewesen sein.

Das Flugzeug gleitet immer tiefer. Es ist ruhig geworden im Cockpit – wie immer, wenn es knapp wird. Über Wanfried zeigt der Gleitpfad noch 150 Meter an. Das bedeutet, dass sie am Flugplatz Stauffenbühl nur noch mit 150 Meter Höhe ankommen. „Wir sind hochgradig sensibilisiert, was zu tun wäre, falls die Höhe wirklich nicht reichen sollte.“ Als sie östlich des Leuchtbergs vorbeifliegen, liegt der Gleitpfad bei 100 Meter plus an. Sie öffnen das Ventil und lassen den Wasserballast ab, der sich über die beiden Flügel entleert. „Man macht das Flugzeug bei guten Wetterlagen so schwer wie zulässig, damit man mit optimalen Werten fliegen kann“, erklärt Rainer Fröhlich. Eine letzte Kurve über das gerade gestartete Open-Flair-Festival ist nicht mehr drin. Sie fahren das Fahrwerk aus und setzten den Flieger nach einem Flug von 8.51 Stunden ins trockene Gras. 916 Kilometer zeigt die Auswertung an.

Flug 2 führt erst nach Westen und dann in den Harz

Drei Tage später geht es weiter. Die Voraussage verspricht sehr gute Segelflugbedingungen für das Gebiet Sauerland, Eifel, Ardennen. Ungewollt starten wir wieder zur gleichen Zeit wie am Mittwoch, um 10:57 Uhr. „Unser Ziel, so weit wie möglich in den Westen zu fliegen, canceln wir bereits direkt nach dem Start.“

Die Wolkenstraße die sich nach Nordosten, Richtung Kyffhäuser, aufgebaut hat, kann man nicht ungesehen machen. Sie folgen dieser Straße, ziehen an Nordhausen und dem Kyffhäuser vorbei bis ans Ende vom Harz, wenden und fliegen jetzt an Göttingen und Kassel vorbei, entschließen sich, etwa auf der Höhe von Winterberg im Sauerland, nicht weiter auf Westkurs zu bleiben. Der Grund dafür: Es sind keine Wolken mehr vorhanden.

Der Himmel ist blau. „Auch hier kann man natürlich fliegen, aber es ist einfacher und es macht mehr Spaß, Aufwinde zu finden, die in Form einer Wolke direkt vor einem sichtbar sind.“ Weiter geht es Richtung Möhnesee, um sich zwischen den beiden Kontrollzonen von Paderborn und Dortmund hindurch zu hangeln.

„Man muss hierfür lediglich eine bestimmte Funk-Frequenz einstellen und einen Transponder mit einem Code versehen, damit man von den unterschiedlichen Flugplätzen und Flugzeugen geortet werden kann“, erklärt Rainer Fröhlich. Um 15.45 Uhr sind sie über Nienburg. 500 Kilometer liegen hinter ihnen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit für einen Segelflug ist außergewöhnlich gut: 117,5 Stundenkilometer. Doch danach beginnt wieder das Abenteuer.

Aus dem wirklich extrem guten Segelflugwetter hat sich Richtung Osten eine völlig andere Situation entwickelt. Der Himmel ist schwarz, nur vereinzelte, kaum definierbar, Wolken, die eventuell noch Steigen versprechen. „Entscheidet man sich um Hannover, und somit um die Kontrollzone des Flughafens Langenhagen, herum zu fliegen, muss man das durchziehen“, sagt Fröhlich.

Rainer Fröhlich und Gert Bräutigam in ihrem Doppelsitzer mit dem Rufnamen „Golf Romeo“.
Rainer Fröhlich und Gert Bräutigam in ihrem Doppelsitzer mit dem Rufnamen „Golf Romeo“. © Eschweger Luftsportverein

Abkürzen Richtung Süden sei an keinem Punkt möglich. „Fliegt man jetzt zurück, läuft einem die Zeit davon, doch noch nach Hause zu kommen. Fliegt man weiter, muss man hoffen, dass sich das Wetter eventuell wieder ändert.“ Sie fliegen weiter Richtung Osten. Etwa 40 Kilometer südlich kann man einige Cumulus-Wolken erahnen. Jedoch gibt es keine Möglichkeit durch die Kontrollzone abzukürzen.

Gert Bräutigam und Rainer Fröhlich haben kein gutes Gefühl. Anderen Segelflug-Piloten im gleichen Luftraum geht es ähnlich. Als sie Celle passieren, weicht die Dunkelheit ein wenig. Über Gifhorn wird’s besser, dann überfliegen sie Braunschweig. Es wird heller, aber eigentlich gleiten sie nur noch Höhe ab. „So wird das nichts mehr.“ Nicht weit von Bad Harzburg sind sie das erste Mal runter bis auf 690 Meter über Grund. „Bei normalem Wetter keine Schwierigkeit, heute jedoch sehr bedenklich.“ Welche der wenigen Wolken soll man anfliegen?

Über dem Harz, südlich des Brocken: Steigen! Endlich! Es reicht aber immer noch nicht bis Eschwege. Sie sind erneut tief und brauchen noch einen Aufwind. Dann ist es soweit, der Rechner springt auf positive Werte um, was bedeutet, dass sie ausreichend Endanflughöhe für Eschwege erreicht haben. Am Ende werden sie an diesem Tag 764 Kilometer in knapp acht Stunden geflogen sein. Die letzten 30 Kilometer gleiten sie entspannt nach Hause und hängen ihren Gedanken nach. „Interessanter Flug“, denkt Rainer Fröhlich. „Genauso muss Segelfliegen sein.“ Foto: privat/NH, lorenz schöggl

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