Vom Glück bleibt wenig

Eschweger besuchte seine Familie in türkischem Flüchtlingscamp

Nach 14 Jahren zumindest kurzzeitig vereint: In ihrem Zelt im türkischen Flüchtlingscamp traf Saaid Barakat aus Eschwege seine Schwester und seine Mutter wieder. Fotos: privat(nh

Eschwege. Glück und Trauer liegen für Saaid Barakat derzeit sehr nah beieinander.

Glücklich ist der 43-Jährige Eschweger, weil er in der vergangenen Woche nach 14 Jahren in einem türkischen Flüchtlingslager seine Mutter wiedertraf. Die Lebenssituation vieler seiner Verwandter in dem Camp macht ihn jedoch tief betroffen. Richtig freuen kann er sich nicht.

Im August waren die Jesiden von IS-Kämpfern aus ihrer Heimat im Nordirak vertrieben worden, fanden nach ihrer Flucht in das Gebirge Dschabal Sindschar Unterkunft im Lager in der Region Mardin. „Jesiden werden selbst im Lager noch unterdrückt und können sich nicht sicher fühlen“, erzählt Barakat. „Im Gegensatz zu allen anderen müssen sie für ärztliche Behandlung und Medikamente zahlen“. Am Dienstag, habe sein Bruder ihm berichtet, sei ein Terrorist der PKK im Lager gesichtet worden. Für einige Glücksmomente sorgte Barakats Besuch aber doch: Seine Mutter und seine Schwestern hätten vor Rührung lange geweint.

Zwei Tage durfte Barakat direkt im Camp bleiben. Dort sprach er mit vielen Flüchtlingen, die ihm ihre Geschichten erzählten. Darunter die Mutter dreier Kinder, die ihren Mann beim Angriff der Rebellen verloren hatte und deren Sohn an schwerem Asthma leidet. Anstatt der eigenen Mutter gab Barakat dieser Frau sein Geld. „Ihr Schicksal war einfach noch schwerer“, findet er. Doch auch um andere kümmerte er sich. Für etwa 3000 Euro des Spendengeldes kaufte er Milchpulver für Babys, alten Menschen half er mit Gehstöcken.

Dicht gedrängt: Dieses Foto vom Flüchtlingslager nahm Saaid Barakat heimlich auf. Das Fotografieren hatte ihm die Lagerleitung nicht erlaubt.

Zurück in ihre Heimatregion Sindschar wollen die Jesiden nicht. Zu groß ist die Angst vor weiterer Bedrohung, gerade jetzt wo sich mit der PKK, den Peschmerga und der YPG drei Milizen um die Region streiten. „Keiner der Parteien geht es um Menschlichkeit, sondern nur um das Land“, sagt Barakat. Alle Flüchtlinge würden daher auf eine Zukunft in Europa hoffen. Erst dieser Tage hätten mehr als 300 von ihnen den Weg über Bulgarien gesucht, seien dort aber aufgegriffen und zurückgeschickt worden.

Was Saaid Barakat auf seiner Reise gesehen und erlebt hat, hat er mit Fotos und Videos dokumentiert, er hat mit Betroffenen Interviews geführt und sie alle gefragt, welche Hilfe sie sich wünschen. „Allen, die mir bislang geholfen und mich unterstützt haben, bin ich sehr dankbar“, sagt er. Gerne würde er noch einmal reisen und helfen, doch lasse seine private Situation das nicht zu. Schon jetzt hat der Arbeitssuchende sich Geld leihen müssen. An Motivation und Engagement mangelt es ihm nicht: In dieser Woche hat er eine wichtige Deutschprüfung schon fehlerfrei bestanden.

Wer Saaid Barakat unterstützen, Informationen zu seiner Reise erhalten oder ihn zu einem Vortrag einladen möchte, soll sich an das Pfarramt Waldkappel unter 0 56 56/382 wenden. Ansprechpartner ist Pfarrer Rolf Hocke.

Von Lasse Deppe

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.