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Ein ehemals Alkoholabhängiger berichtet über die Sucht

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Von: Marius Gogolla

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Weg vom Alkohol: Alleine ist das oftmals nur schwer möglich. Von der Alkoholsucht Betroffene finden Hilfe bei ihrem Hausarzt und in Selbsthilfegruppen wie dem „Wegweiser“ von Gerald König.
Weg vom Alkohol: Alleine ist das oftmals nur schwer möglich. Von der Alkoholsucht Betroffene finden Hilfe bei ihrem Hausarzt und in Selbsthilfegruppen wie dem „Wegweiser“ von Gerald König. © Silas Stein/dpa

Gerald König war selbst Alkoholiker. Heute leitet er eine Selbsthilfegruppe und hilft ehemaligen Alkoholikern dabei, trocken zu bleiben.

Eschwege – Ob auf Festen, als Feierabendbier oder beim Grillabend: Der Konsum von Alkohol ist in der deutschen Gesellschaft etabliert und in ihrer Kultur verankert. Wenn das Trinken jedoch zur Sucht wird, können die Folgen gravierend sein. Wir haben mit dem ehemals abhängigen Gerald König über die Krankheit gesprochen. Er leitet mittlerweile eine Selbsthilfegruppe in Eschwege.

Sie waren lange abhängig vom Alkohol. Wie haben Sie es geschafft, die Krankheit zu überwinden?

Alleine hätte ich das nicht geschafft. Ich war beim Arzt, der mir dann eine Entgiftung verschrieben hat, die nach einem Rückfall wiederholt werden muss. Diese dauert jeweils zwölf Tage, in denen man Medikamente gegen die Nebenwirkungen des kalten Entzuges bekommt. Außerdem habe ich eine ambulante Therapie der Diakonie besucht, in der sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jede Woche über die Sucht austauschen können. Wenn die körperlichen Symptome überwunden sind, ist der Entzug nur noch Kopfsache. Der Wille ist dann das Wichtigste.

Und wie fing die Alkoholabhängigkeit bei Ihnen an?

Die Alkoholsucht war bei mir ein schleichender Vorgang. Wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, habe ich eben mein Feierabendbier getrunken. Irgendwann blieb es nicht mehr bei einem oder zwei. Das habe ich aber runtergespielt, mir eingeredet, dass es nicht so schlimm ist. Ich dachte mir, dass andere ja auch trinken und das ganz normal sei. Zwar habe ich nie vor oder während der Arbeit getrunken, aber sobald ich zu Hause war, brauchte ich etwas. Mit etwa 30 Jahren war ich dann Alkoholiker.

Haben Sie sich denn selbst als Alkoholabhängigen gesehen?

Nein, anfangs definitiv nicht, das Eingeständnis kam viel später. Das ist ja das Gefährliche daran. Für mich war es normal, abends etwas zu trinken. Außerdem wohne ich im Dorf, da ist es üblich, dass man ein paar Bier mit den Kumpels trinkt, wenn man sich trifft. Deswegen haben viele in meinem Umkreis gar nicht bemerkt, dass ich zu viel Alkohol konsumiere.

Wie haben Sie sich zu dieser Zeit verhalten?

Ich habe mir oft Ausreden ausgedacht, damit ich Alkohol trinken kann. Wenn es beispielsweise darum ging, wer abends einkauft, habe ich mir Ausreden überlegt, warum ich zu Hause bleiben und meine Frau das Einkaufen übernehmen muss. Der eigentliche Grund war, dass ich schon zu viel getrunken hatte, um noch fahren zu dürfen. Oder wenn meine Frau auf Feiern auch was trinken wollte, habe ich mir häufig einen Grund ausgedacht, warum wir schnell wieder nach Hause sollten. Daheim habe ich mir dann direkt ein Bier geöffnet.

Wann haben Sie realisiert, dass Sie abhängig sind und Hilfe brauchen?

Als ich bemerkt habe, dass ich an der Arbeit anfing zu zittern und ich nervös wurde, wenn nichts mehr zu Trinken im Haus war. Außerdem gingen mir meine Kinder mehr und mehr aus dem Weg, da habe ich mich dazu entschieden, mir helfen zu lassen. Ich musste etwas dagegen tun. Als Alkoholabhängiger bemerkt man nicht, dass sich das eigene Verhalten gegenüber Familie und Freunden verändert. Diese sind aber die Leidtragenden daran.

Hatte die Alkoholsucht einen Einfluss auf Ihren physischen und psychischen Zustand?


Ja, ich hatte in den Jahren viel weniger Appetit und habe deswegen stark abgenommen. Außerdem wurde ich sehr vergesslich. Glücklicherweise habe ich ein stabiles Umfeld mit meiner Familie und der Arbeit, weswegen ich noch rechtzeitig Maßnahmen zur Behandlung wahrnehmen konnte. Viele Menschen treibt die Sucht in den Ruin, sie verlieren alles und ihr körperlicher Zustand verschlechtert sich immer mehr.

Wie lange sind Sie jetzt trocken? Hatten Sie Rückfälle?

Ich bin seit 2006 trocken. Allerdings hatte ich mehrere Rückfälle, im Jahr 2013 einen längeren. Das kann einem schon den Mut nehmen, aber es ist wichtig, nicht aufzugeben. Rückfälle können vorkommen, das Wichtigste ist, sich darauf vorzubereiten. Sobald ich einen Rückfall hatte, habe ich sofort meinen Arzt kontaktiert, der mich dann an die Entgiftungsklinik überwiesen hat. Leider sehen viele Menschen die Alkoholabhängigkeit nicht als Krankheit an oder tabuisieren das Thema. Die Folge ist, dass die Krankheit von den Betroffenen verheimlicht und keine Hilfe in Anspruch genommen wird.

Sie leiten mittlerweile eine unabhängige Selbsthilfegruppe in Eschwege. Wie kam es dazu?

Als ich zusammen mit einigen anderen Personen aus der ambulanten Therapie kam, gab es in Eschwege keine unabhängige Selbsthilfegruppe. Also gründeten wir kurzerhand unsere eigene. So ist die Selbsthilfegruppe „Wegweiser“ entstanden.

Wann und wo finden die Sitzungen statt? Wer kann sie besuchen?

Unsere Gruppe trifft sich in den Räumlichkeiten der Evangelischen Familienbildungsstätte an den Anlagen in Eschwege. Die Sitzungen finden alle zwei Wochen montags von 18 bis 19 Uhr statt. Jeder, der trocken ist, kann sich anmelden oder einfach vorbeischauen. Wir tauschen unsere Erfahrungen aus und unterstützen uns gegenseitig, um eine zufriedene Abstinenz zu erreichen.

Was würden Sie den von der Krankheit Betroffenen empfehlen?

Gehen Sie zum Arzt, lassen Sie sich eine Therapie verschreiben und gehen Sie offen mit der Sucht um. Versuchen Sie nicht, alleine damit klarzukommen. Wenn die Therapie beendet ist, empfehle ich jedem, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Das hilft, weil man sich mit Menschen unterhält, die das gleiche Problem haben wie man selbst, die einen verstehen.

Vielen Dank für das offene und informative Gespräch.

Gerne, ich hoffe, dass es Menschen dazu ermutigt, sich Hilfe zu holen und gegen die Krankheit anzukämpfen. Mittlerweile gibt es viele Wege aus der Sucht.

Infos zu der Selbsthilfegruppe „Wegweiser“ gibt es unter Tel. 01 73/1 83 80 81 (Gerald König) oder unter der E-Mail shg.wegweiser.esw@gmail.com. Kontakt zur Diakonie Eschwege unter Tel. 0 56 51/3 39 42 92.

(Marius Gogolla)

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