Hessentag 1971 in Eschwege

Als in wenigen Tagen 160.000 Menschen nach Eschwege kamen

Waren das erste Hessentagspaar in der Geschichte: Ute Leitschuh und Gerhard Klaus aus Eschwege.
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Waren das erste Hessentagspaar in der Geschichte: Ute Leitschuh und Gerhard Klaus aus Eschwege in einer Ibaer Tracht.

Vor genau 50 Jahren, vom 25. bis 27. Juni 1971, richtete die Stadt Eschwege den Hessentag aus. Ein Wochenende lang war Eschwege im Ausnahmezustand. 160 000 Besucher kamen.

Eschwege – Am Ende waren alle begeistert. Vom „bisher gelungensten Hessentag“ schrieb die Deutsche Presseagentur (DPA). Die WR titelte „Hessentag in Reinkultur“ und berichtete weiter: „Ein Ereignis, wie man es hierzulande nie erlebt hat.“ Und Eschweges Bürgermeister Gerhard Rudolph sprach von einer „ausgezeichneten Werbung für die Stadt und den Kreis“ – womit er damals noch den Kreis Eschwege meinte.

Die Vergabe des Hessentags 1971 in Eschwege

1971 war der Hessentag noch nicht die Veranstaltung von heute. Offiziell dauerte das Landesfest damals nur drei Tage, lange Vorlaufzeiten gab es nicht. Erst im September hatte die hessische Landesregierung bei einer Kabinettssitzung in Hessisch Lichtenau beschlossen, dass der elfte Hessentag vom 25. bis 27. Juni in Eschwege stattfinden soll. In nach heutigen Maßstäben kurzer Zeit wurde das Fest organisiert. Damit die Einweihung der neuen Stadthalle während des Landesfestes in Eschwege gleichzeitig stattfinden konnte, wurden die Arbeiten hier beispielsweise enorm beschleunigt (wir berichteten).

Einer der Gründe, warum die Stadt Eschwege den Zuschlag für das Fest bekam, war das 150-jährige Bestehen des Kreises Eschwege, das aber nur während einer kleinen Feier im Landgrafenschloss am ersten Tag des Festwochenendes begangen wurde.

Die Ausstellungen beim Hessentag 1971 in Eschwege

Das Fest fand damals in erster Linie auf dem Festplatz Werdchen statt. Riesige Zelthallen wurden hier aufgebaut. Den Besuchern wurden insgesamt zwei Dauerausstellungen geboten. Zum einen präsentierte sich Hessen als Wirtschaftsstandort, zum anderen wurden die Fortschritte im Land zur Schau gestellt. Unter dem Titel „Hessen 80“ präsentierte das Land seinen Entwicklungsplan bis zum nächsten Jahrzehnt. Die Werra-Rundschau produzierte auf dem Werdchen jeden Tag live die Hessentagszeitung.

Ähnlich wie heute zum Open Flair wurde schon vor 50 Jahren eine Behelfsbrücke gebaut, um die Flussinsel von mehreren Seiten zu erreichen. Die Bundeswehr war einige Wochen zuvor nach Eschwege gekommen, um für die schweren Fahrzeuge neben der Tränenbrücke eine 13 Tonnen schwere Brücke über die Werra zu errichten. Der Bundesgrenzschutz (BGS) baute etwas oberhalb am Felsenkeller eine weitere Fußgängerbrücke auf. Sie war für die Veranstaltungen am Werratalsee gedacht.

Anders als heute war das Werdchen noch nicht befestigt. Tagelange Regenfälle hatten dazu geführt, dass sich der Boden in tiefen Morast verwandelte. „Es war nicht möglich, trockenen Fußes zu den Zelten zu gelangen“, schrieb die WR damals.

Die Veranstaltungen beim Hessentag 1971 in Eschwege

Die Veranstaltungen auf dem Werdchen, die schon am 22. Juni begannen, waren dennoch gut besucht. Zum Landfrauen-Tag kamen Dutzende Frauenverbände nach Eschwege. Es sei ein besonders wichtiger Tag, sagte Ministerpräsident Osswald damals, „weil 57 Prozent des Volkseinkommens durch die Hände von Frauen gelangen“.

In der Sporthalle der Struthschule fand die Fernsehübertragung der politischen Talkshow „Wir schalten um nach Eschwege“ statt. Landes- und Kommunalpolitiker diskutierten über aktuelle Themen. Schon damals aktuell: der Ausbau der A 7 und die Autobahn zwischen Kassel und Herleshausen. Auch der Landkreistag tagte in dieser Woche in Eschwege. Der Bundesgrenzschutz öffnete erst mal die Türen für die Allgemeinheit und verloste 50 Hubschrauberflüge über Eschwege. Die Eschweger Vereine veranstalteten in dem Zelt auf dem Werdchen einen dreistündigen Unterhaltungsabend, wobei die Sportvereine hier besonders zur Geltung kamen.

Sport und Show

Überhaupt nahm der Sport in diesen Tagen einen großen Raum in Eschwege ein. Unter anderem wurden verschiedene hessische Wettbewerbe nach Eschwege verlegt. Im damals neuen Freibad fanden die hessischen Meisterschaften im Schwimmen und Springen statt. Die Stadtmeisterschaften im Tennis wurden hier ausgetragen und der Hessenpokal im Basketball führte die vier besten Mannschaften des Landes (u.a. Eintracht Frankfurt) nach Nordhessen.

Zum Seefest am Werratalsee kamen rund 15 000 Menschen. Hier wurden Sport und Show vereint. Der WSSC Eschwege zeigte auf dem Baggersee, was die Wasserskifahrer draufhaben, die Eschweger Ruderer demonstrierten ihr Können. Ein Taucher der Bundeswehr holte vom Grund des Sees eine Kiste Eschweger Bier und wurde dabei mit der Seilwinde in den Hubschrauber gezogen. Auf der Torwiese fand einen Tag später noch ein Fest mit Sport und Musik statt, das 15 000 Besucher anzog.

Der Bundespräsident Gustav Heinemann kam 1971 nach Eschwege

Am Samstag erlangte Eschwege die größtmögliche Ehre. Bundespräsident Gustav Heinemann stattete der Stadt seiner Väter einen Besuch ab. Sein Vater war hier 1864 geboren und aufgewachsen, bevor der Weg den Sparkassenmitarbeiter 1892 zu Krupp nach Essen führte.

Eintrag ins Goldene Buch: Bundespräsident Heinemann zu Besuch in der Geburtsstadt seines Vaters.

Der dritte Präsident der Bundesrepublik Deutschland kam mit dem Hubschrauber beim BGS an und spazierte zu Fuß durch die Stadt zur neuen Stadthalle, wo er eine Ansprache hielt und sich im Goldenen Buch der Stadt verewigte. Weiter ging es mit dem Auto, weil Heinemann noch die Orthopädische Klinik in Hessisch Lichtenau besuchte.

Der Festzug war der Höhepunkt beim Hessentag 1971 in Eschwege

Höhepunkt des Festwochenendes war zweifelsfrei der große Festzug am Sonntagnachmittag. 100 000 Menschen säumten die Straßenränder und Tribünen des vier Kilometer langen Umzugs durch die Innenstadt. An den Straßenrändern stand man dicht an dicht, kein Apfel hätte zu Boden fallen können, hieß es in der WR damals. Jedes Fenster sei besetzt gewesen.

Etwa 230 Motivgruppen aus dem ganzen Land haben an dem Festzug teilgenommen. Insgesamt seien fast 7000 Menschen, die übrigens von der Bundeswehr mit Eintopf und Getränken versorgt wurden, dabei gewesen. 130 Pferde waren Teil des Umzugs, rund 100 Spielmannszüge und Musikkapellen spielten auf.

Aufgestellt wurde der riesige Zug in der Reichensächser Straße. Pünktlich um 15 Uhr setzte er sich in Bewegung und war wenige Minuten später an der Ehrentribüne an der Marktstraße angekommen. Dort hatten sich die Ehrengäste um Ministerpräsident Osswald niedergelassen, die Präsente aus dem gesamten Bundesland entgegennahmen. Die Veranstaltung wurde live im Hessenfernsehen übertragen.

Der Festzug führte auch über die Marktstraße, wo die Ehrentribüne (links) aufgebaut war.

Der Umzug führte von der Reichensächser Straße durch den Wolfsgraben über Luisenstraße und Neustadt zur Wiesenstraße, über die Marktstraße und den Stad zur Forstgasse, Bahnhofstraße, Augustastraße zurück zur Reichensächser Straße. Aus dem Raum Eschwege waren rund 38 Motivgruppen dabei – vorneweg natürlich der Dietemann mit seinen Biedermeier-Mädchen. Eschwege kam dieser Tage aus dem Feiern nicht heraus und der Dietemann war gleich danach wieder gefragt. Denn vom 1. bis 5. Juli wurde – genau wie in diesem Jahr – das traditionelle Johannisfest gefeiert. (Von Tobias Stück)

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