Montagsinterview

„In dem Moment haben wir einen Auftrag“ - Sascha Hüther über die Arbeit beim THW

Die Einsätze des Technischen Hilfswerks (THW) Eschwege sind vielfältig. Das ist einer der Gründe, warum die Mitgliederzahl statig wächst.
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Die Einsätze des Technischen Hilfswerks (THW) Eschwege sind vielfältig. Das ist einer der Gründe, warum die Mitgliederzahl statig wächst.

Muss bei einem Brand ein Hausdach eingerissen werden, damit die Feuerwehr löschen kann, dann wird das Technische Hilfswerk (THW) gerufen. Wir sprachen mit einem Mitglied des THW über den Job.

Bei den THW-Einsätzen geht es oft um das Leben von Menschen und ganze Existenzen. Wie gehen Sie damit um?

Wenn beim Scheunenbrand der Bauer danebensteht und zuguckt, wie wir die verbrannten Trecker rausholen, dann sehen wir zwar die Verzweiflung im Gesicht. Aber wir dürfen das auch nicht zu nah an uns ranlassen. In dem Moment haben wir einen dienstlichen Auftrag und diesen gilt es zu erfüllen.

Klappt das so einfach?

Es gibt Situationen, da wendet man sich im Nachhinein an das Einsatznachsorge-Team. Einfach um die Seele freizumachen. Das war bei mir der Fall, als ich bei einem Hauseinsturz eine Leiche freigelegt habe. Ich war als Baggerfahrer mit einem jungen Kameraden und einer jungen Kameradin vor Ort. Es wurde bereits vermutet, dass der Hausherr im Keller ist. Letztendlich habe ich die Arbeit dann übernommen, um die beiden Jüngeren zu schützen.

Und im Anschluss haben Sie das Gespräch gesucht?

Ja, genau. Ich habe dann beim Kaffee mit einem Mitglied des Einsatznachsorgeteams gesprochen. Er meinte auch, wenn was ist, dann kommt das relativ zeitnah. Für mich war danach die Sache erledigt. Aber jeder verarbeitet das natürlich anders.

Sind Sie nach 30 Jahren noch aufgeregt, wenn es zum Einsatz geht?

Eigentlich nicht. Nur dass im Einsatz der lockere Ton, der im Übungsdienst da ist, wegfällt. Da gebe ich die Anweisungen und erwarte, dass es funktioniert. Das tut es auch.

Also gibt es im Einsatz eine Art Grundspannung?

Die hat man immer. Und es stehen dann ja auch wichtige Entscheidungen an.

Die da wären?

Letztes Jahr sind wir nach Laudenbach zu einem Scheunenbrand gerufen worden. Keiner wusste, wie viele Strohballen in der Scheune stehen und ob sich noch Maschinen drinnen befinden. Da musste ich entscheiden, wie ich die Leute einsetze, ob ich noch andere Leute oder auch Geräte brauche. Ich musste auch entscheiden, ob ich einen Teil der Leute wieder heimschicke, weil in zwei Schichten gearbeitet werden muss.

Wie lässt sich die ehrenamtliche Tätigkeit mit Ihrem Beruf vereinbaren?

Mein Chef findet das gut. Der kennt das auch gar nicht anders von mir. Und manchmal gibt es Voranfragen, somit ist der Einsatz absehbar und ich kann das abklären. Vor Jahren mussten wir abends nach Rotenburg zum Sägewerkbrand. Am nächsten Morgen um sechs Uhr habe ich aus dem Bagger angerufen und gesagt, dass ich nicht komme, weil ich irgendwann auch mal schlafen muss. Das geht dann auch.

Gesetzlich müssen die Mitglieder doch auch freigestellt werden, oder nicht?

Es darf grundsätzlich durch das Engagement im THW den Ehrenamtlichen kein Nachteil entstehen. Trotzdem haben wir ein Interesse an einer guten Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern, um Ehrenamt und Arbeitsalltag miteinander zu verknüpfen. Der Arbeitgeber zahlt den Lohn einfach fortlaufend weiter und die Kosten werden im Nachgang durch das THW erstattet. Aber die Arbeit geht trotzdem vor und bei drei Baggerfahrern in der Gruppe kann immer einer. Außerdem ist es nicht wie bei der Feuerwehr, wo der Knopf gedrückt wird und wir sofort da sein müssen. Wir haben eine Anrückzeit von zwei Stunden.

Ist es einfacher, weil ihr einen Puffer habt?

Ja, denn die Feuerwehren entscheiden vor Ort: Brauchen wir das THW oder nicht? Oder es wird beim THW-Fachberater abgefragt: Was habt ihr? Was könnt ihr leisten? Könnt ihr was für uns machen? Manchmal können wir nicht helfen, da es auch Lagen gibt, wo ein Einsatz nicht infrage kommt. Diese Einsatzfelder werden dann beispielsweise durch andere Organisationen und deren Fähigkeiten abgedeckt.

Warum haben Sie sich für das THW entschieden?

Hier habe ich die Technik, die mich interessiert. Früher war ich auch in der Jugendfeuerwehr. Als ich in die Lehre kam und am Bau mit Maschinentechnik zu tun hatte, habe ich mich dann aber für das THW entschieden und bin hängen geblieben. Außerdem bin ich ein Mensch, der sagt, ein Verein und den richtig. Es ist ein zeitintensives Hobby. Regulär komme ich im Jahr auf um die 1000 Stunden. Neben der Familie, neben der Arbeit.

Ist es schwierig, dieses Ehrenamt mit der Familie zu vereinbaren?

Ich persönlich habe keine Probleme damit. Meine Kinder kennen es nicht anders. Da ich Mitgründer der Jugend beim Ortsverband bin – vor fast 20 Jahren –, sind meine beiden Töchter bei Zeltlagern und Jugendveranstaltungen immer mit dabei und auch meine Frau als Betreuerin. Es ist nicht so, dass ich das THW mache und die Familie ist daheim. Sie können alles mitmachen. Nur eintreten durften meine Kinder nicht.

Warum?

Weil sie daheim auf mich hören müssen und ich nicht will, dass sie das auch noch beim THW müssen. Und das wollten sie auch nie. Dafür machen sie andere Sachen, helfen aber gerne.  (mai)

Zur Person

Sascha Hüther (49) ist seit 30 Jahren beim Technischen Hilfswerk Eschwege. Der Berufskraftfahrer ist in der THW-Räumgruppe und bedient bei Einsätzen unter anderem den Bagger. Der verheiratete zweifache Vater ist seit 2002 Gruppenführer, Helfersprecher und hat beim Aufbau der Jugendabteilung beim Ortsverband Eschwege mitgewirkt.

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