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Interview mit Aufwind: „Verständnis für Erkrankte fehlt oft“

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Von: Tobias Stück

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Neuestes Projekt: Claudia Muth (links) und Andrea Röth vor dem frisch sanierten Gerberhaus in der Neustadt, das am Donnerstag eingeweiht wird und sich als Begegnungsstätte etablieren soll.
Neuestes Projekt: Claudia Muth (links) und Andrea Röth vor dem frisch sanierten Gerberhaus in der Neustadt, das am Donnerstag eingeweiht wird und sich als Begegnungsstätte etablieren soll. © Tobias Stück

Heute (10.10.2022) startet die Woche der seelischen Gesundheit. Wir sprachen mit Andrea Röth und Claudia Muth aus der Vorstandsebene über die Arbeit des Vereins Aufwind.

Eschwege – Der Verein Aufwind hat sich im gesamten Landkreis als Institution erwiesen, den Menschen, die seelisch erkrankt sind, Hilfe anbieten.

Frau Röth, Frau Muth, warum ist es wichtig, mit einem extra Tag, einer ganzen Woche auf das Thema seelische Gesundheit aufmerksam zu machen?

Röth: Die Krankheit ist – anders als andere Krankheiten wie ein Beinbruch – von außen ja nicht sichtbar. Das Verständnis für die Betroffenen fehlt oft. Ein „Reiß dich mal zusammen“ hilft eben nicht.

Muth: Es muss aufmerksam gemacht werden, weil noch zu wenig über seelische Erkrankungen geredet wird. Wenige trauen sich. Es ist gut, dass sich jetzt auch immer mehr Prominente melden und über ihr Krankheit berichten.

Krankenkassen melden in ihren Statistiken eine immer höhere Fallzahl psychischer Erkrankungen. Wird die Krankheit dennoch tabuisiert?

Röth: Klar, die Krankheitstage nehmen zu. Das heißt, aber nicht, dass die Erkrankten selbst damit offener umgehen.

Muth: Am Arbeitsplatz fällt es schwer, Kollegen und Vorgesetzten zu beschreiben, wie sich die Krankheit auswirkt, weil viele Symptome nicht greifbar sind.

Mit welchen Vorurteilen haben psychisch Kranke zu kämpfen?

Röth: Nicht nur mit Vorurteilen, auch mit ihrer eigenen Persönlichkeit. ,Ich muss funktionieren‘, denken viele und wollen sich zusammenreißen. Die Störung ist problematisch. Die eigene Sensibilität ist wichtig.

Wie gehe ich als Angehöriger mit psychisch Kranken um?

Muth: Das ist eine schwierige Aufgabe. Ein Hinweis, dass etwas nicht in Ordnung ist, wird von den Betroffenen oft kritisch gesehen. Die Erkrankten haben Angst, dass ihnen ein Stempel aufgedrückt wird. Wichtig ist, dass sich auch Angehörige informieren, welche Hilfen es gibt.

Gibt es klare Symptome, dass ich psychisch erkrankt bin?

Röth: Es gibt vielfältige Erkrankungen mit unterschiedlichen Symptomen. Das muss ein Arzt feststellen.

Muth: Bei Angstzuständen ist ein Problem einfacher zu diagnostizieren, weil es sich körperlich auswirkt. Bei einer Panikattacke tritt beispielsweise oft auch Herzrasen mit auf. Wenn man dem Privat- oder Arbeitsleben nicht mehr gerecht wird, liegt ebenfalls ein Problem vor. Unsere Kontakt- und Beratungsstelle kann schon weiterhelfen, wenn man sich unsicher ist.

Die Kontakt- und Beratungsstelle von Aufwind ist oft der Erstkontakt. Ist sie am stärksten frequentiert?

Röth: Ja, weil sie ein niederschwelliges Angebot für einzelne, Gruppen und auch Angehörige ist. Hier wird keine Diagnose gestellt, sondern weitervermittelt.

Wohin?

Röth: Hauptsächlich an weitere Angebote. Wir kümmern uns um Wohnen und Leben, die Unterstützung und Tagesstruktur sowie Inklusion. Unsere Beratung klärt, welcher Bedarf besteht und unterstützt auch längerfristig in Krisensiuationen.

Wie sehen die Angebote konkret aus?

Röth: Neu ist der ambulante psychiatrische Pflegedienst. Er soll in der Krise stabilisieren und einen stationären Klinikaufenthalt vermeiden. Die Klienten werden intensiv aufgesucht, die
Beratungen finden zu Hause statt. Mit medizinischem Blick gewährleisten wir konkrete Hilfe.

Muth: Mit den Tagesstätten bieten wir Unterstützung bei der Gestaltung des Tages. Durch das betreute Wohnen wird Unterstützung in der eigenen Wohnung gewährleistet. Für die Teilhabe am Arbeitsleben suchen wir die richtigen Möglichkeiten. Das kann in unseren Werkstätten, betriebsintegriert oder in einem Inklusionsbetrieb sein.

Was ist das Ziel dieser Angebote?

Muth: Unser grundsätzliches Ziel ist es, die Klienten am ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Dabei muss man aber behutsam vorgehen. Manchmal war es eben auch dieser erste Arbeitsmarkt, der die Menschen krank gemacht hat. Dann ist es manchmal besser, sie zunächst innerhalb unserer Angebote zu belassen.

Wie sieht die Eingliederung am ersten Arbeitsmarkt aus?

Muth: Das geschieht nicht in einem Schritt. Zunächst müssen Arbeitgeber Plätze zur Verfügung stellen. Anschließend werden sowohl die Arbeitnehmer als auch die Arbeitgeber begleitet. Es gibt Praktika und eine Erprobungsphase. Eine Assistenz von uns unterstützt dabei.

Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, dass Aufwind unterstützt?

Muth: Wir arbeiten im Rahmen der (verstehen und als) Eingliederungshilfe. Die Klienten müssen von der Teilhabe an einem Leben, wie es bislang bekannt war, ausgegrenzt sein. Eine ärztliche Begutachtung ist dabei unerlässlich. Der Hausarzt ist in aller Regel die erste Anlaufstelle.

Die Zahlen der psychisch erkrankten steigen: Könnt ihr alle Anfragen erfüllen?

Röth: Bislang ja. Wenn, dann gibt es nur kurze Wartelisten In unseren besonderen Wohnformen - in den Wohnheimen können die Wartezeiten längerfristig sein. Wenn alle Zimmer belegt sind, können wir niemanden mehr aufnehmen.

Muth: Außerdem wollen wir Hemmschwellen weiter abbauen. Unser (Repair)-Café Brise in Eschwege und das Röstwerk in Witzenhausen bieten beispielsweise gute Möglichkeiten und Räume, wo Begegnung von Menschen mit und ohne psychische Erkrankung stattfinden kann.

Die Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle (PSKB) von Aufwind bietet Menschen mit psychischer Erkrankung und Menschen in Krisen oder mit seelischen Problemen Beratung und Unterstützung an. Sie beraten auch Angehörige und Personen aus dem sozialen Umfeld von Menschen mit seelischer Erkrankung. Die Beratungsstelle hat Standorte in Eschwege und Witzenhausen. (Tobias Stück)

Zu den Personen

Andrea Röth (53) wurde in Eschwege geboren, wuchs in Reichensachsen auf und legte am Eschweger Oberstufengymnasium ihr Abitur ab. Heute lebt sie in Eltmannshausen. Sie studierte Sozialpädagogik und begann beim Diakonieverbund Eisenach. 2003 wechselte Röth zu Werraland – zunächst als Assistentin Geschäftsführung, ab 2008 Mitglied im Vorstand. Seit Dezember 2018 ist sie gemeinsam mit Hartmut Kleiber Vorstand bei Aufwind- Verein für seelische Gesundheit. 

Claudia Muth (57) studierte Sozialpädagogik an der FH Darmstadt. Nach beruflichen Erfahrungen in der Bewährungshilfe, Betreuung von Geflüchteten, Arbeiten in einem erlebnispädagogischen Projekt in Südfrankreich, ABM-Stelle bei Rundfunk Meißner, Arbeit in der Jugendwohngemeinschaft des AKGG in Eschwege, ist sie nun seit 2001 bei Aufwind. Zunächst als Beraterin beim Integrationsfachdienst und dann seit 2011 als Assistenz des Vorstands. ts

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