MONTAGSINTERVIEW Pfarrerin Sieglinde Repp-Jost über besondere Zeremonien

Konfirmation in Coronazeiten, die keiner vergessen wird

Die Pfarrerin in der Marktkirche Sieglinde Repp-Jost vor der Marktkirche in Eschwege.
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Maske und Kirche gehören in diesen Tagen zusammen: Die Pfarrerin in der Marktkirche Sieglinde Repp-Jost berichtet von ihren Erfahrungen mit Konfirmationen während der Pandemie.

Konfirmationen sahen in den vergangenen Monaten ganz anders aus als sonst. Aber sie haben stattgefunden. Sieglinde Repp-Jost, Pfarrerin der Stadtkirchengemeinde in Eschwege, berichtet im Montagsinterview von ihren Erfahrungen in dieser besonderen Zeit.

Frau Repp-Jost, die ersten Corona-Konfirmationen sind über die Bühne. Sind Sie erleichtert?

Ja, schon, wobei ich es mir noch schwieriger vorgestellt habe. Wir haben die Konfirmationen von über 20 Jugendlichen aber in zwei Zyklen eingeteilt.

Das bedeutet?

Wir haben mehrere kleine Konfirmationsgottesdienste vor den Sommerferien und zwar in beiden Kirchen, der Marktkirche und der Neustädter Kirche angeboten. In diesen Gottesdiensten wurde eine bis max. vier Jugendliche konfirmiert.

Das waren eher familienbezogene Konfirmationsgottesdienste, bei denen der einzelne Jugendliche im Mittelpunkt stand. Am Reformationstag, dem 31. Oktober, geht es eher um die Gruppe. Die Konfirmanden und ihre Eltern konnten den Termin, die Form und die Kirche entscheiden.

Die Familien hatten dabei ganz unterschiedliche Intentionen. Die einen wollten einen zeitnahen Termin nach den abgesagten Konfirmationen, die anderen hatten darauf gehofft, dass sich die Situation zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr normalisiert. Jeder Konfirmand durfte maximal zwölf Familienmitglieder und Freunde mitbringen.

Wo lagen die Herausforderungen bei den Konfirmationen?

Der Akt der Konfirmation hat ja auch viel mit Körperlichkeit zu tun. Wie segne ich die Konfirmanden beispielsweise? Hier hatten wir die Idee, Bänder zu nutzen: „Wie das Band in deiner Hand, so hält Gott dich fest.“ Das Band als Symbol der Verbindung zu Gott. Jeder bekamen ein Band umgelegt, und durfte es mitnehmen.

Gab es ein Abendmahl?

Nein, darauf mussten wir leider verzichten. In unserem Fall war es aber so, dass wir zusammen mit Eltern und Paten beim Vorstellungsgottesdienst kurz vor dem Lockdown ein heiliges Abendmahl gefeiert haben. Die Konfirmanden haben also nichts verpasst.

Wie haben die Konfirmanden diese besondere Situation erlebt?

Alles war persönlicher, dichter und näher, wenn man nur zwei oder drei Konfirmanden konfirmiert. Sie fühlten sich direkt angesprochen.

Waren sie nicht enttäuscht, dass lange geplante Feiern ausgefallen sind?

Das spielte natürlich für viele eine Rolle. Wo bekomme ich kurzfristig noch einen Termin im Restaurant, wie viele Freunde und Verwandte dürfen teilnehmen. Aber auch ganz praktische Fragen bei Jugendlichen im Wachstum: Passt der Anzug noch, wenn ich später feiere.

Was haben die Konfirmanden aus dieser Coronazeit gelernt?

Gerade in den Monaten März bis Juni haben sie erfahren, dass sich Kirche nicht zurückgezogen hat. Wir waren da. Nicht nur digital. Sie konnten von ihren Sorgen und Ängsten erzählen, blieben im Gespräch mit der Kirche. Außerdem wurden sie enger in die Entscheidungen rund um ihre Konfirmation mit einbezogen. Das hat die Bedeutung der Konfirmation erhöht.

Kann diese Krise eine Chance sein, die Jugendlichen eher an die Kirche zu binden?

Das weiß ich nicht. Aber wir haben über den Segen gesprochen und dass er in herausfordernden Zeiten Kraft und Mut gibt. Ich hoffe, dass wir positive Erfahrungen mit Kirche vermitteln konnten, an die man später wieder andocken kann. Deswegen haben wir auch viele Mitmachaktionen angeboten.

Die Kirche zeigte sich in der Coronakrise auch überraschend spontan und flexibel. War Corona ein Imagegewinn?

Wichtig war, dass wir uns nicht zurückgezogen haben. Wir waren immer präsent. Digital und auch vor Ort. Unsere beiden Kirchen waren immer offen. Obwohl es keine Gottesdienste gab, war ich jeden Sonntag in der Kirche, um zu beten und ansprechbar zu sein. Wir haben vor und in der Kirche kleine Aktionen zum Mitmachen oder zum Nachdenken vorbereitet. Außerdem hatten wir man mehr Zeit. Wir haben beispielsweise Gemeindemitglieder angerufen. Da waren sie sehr überrascht. Ich denke, das waren wichtige Signale.

Was wird beibehalten?

Wir verschicken beispielsweise weiterhin per Post und per Mail unseren ,Gruß zum Sonntag’ an etwa 80 – hauptsächlich ältere – Gemeindemitglieder. Außerdem veröffentlichen wir kurze Ansprachen über den Radiosender RFM.

Und die Gottesdienste?

Die neuen, kleinen Gottesdienstformate haben sich bewährt – unseren Wandergottesdienst bieten wir jetzt zum zweiten Mal an. Es herrscht eine Atmosphäre der Offenheit: Mitzumachen ist niederschwelliger, die Menschen kommen eher zu Wort. Ich persönlich schätze jetzt vielmehr kleine Gruppen. Im Außenblick geht es nicht um Quantität, sondern um Intensität. Es fordert aber auch die Kreativität.

Werden die Konfirmanden diese Konfirmation 2020 vergessen?

Mit Sicherheit nicht.

Von Tobias Stück

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