Interview mit Polizist Guido Schilling

„Vielen E-Bike-Fahrern fehlen Fahrpraxis und Erfahrung“

Schulen die E-Bike-Fahrer 60 plus: (von links) Andrea Dornieden, Guido Schilling und Stefanie Söder vom regionalen Verkehrsdienst der Polizeidirektion Werra-Meißner.
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Schulen die E-Bike-Fahrer 60 plus: (von links) Andrea Dornieden, Guido Schilling und Stefanie Söder vom regionalen Verkehrsdienst der Polizeidirektion Werra-Meißner.

Zwei Unfälle mit E-Bikes endeten im Werra-Meißner-Kreis in diesem Jahr bereits tödlich. Der Verkehrsdienst der Polizeidirektion Werra-Meißner möchte über die Gefahren aufklären.

Eschwege – Mehr als jedes dritte verkaufte Fahrrad in Deutschland (38,7 Prozent) war 2020 ein sogenanntes E-Bike. Die schnelleren, aber auch schwereren Fahrräder sorgen aber auch für ein erhöhtes Gefahrenpotenzial. Wir sprachen dazu mit Polizeioberkommissar Guido Schilling.

Zur Person

Guido Schilling (51) kümmert sich in der Jugendverkehrsschule der Polizeidirektion Werra-Meißner in Eschwege in erster Linie um Verkehrserziehung. Schilling ist verheiratet und Vater eines Kindes. Der Beamte nennt sich selbst einen leidenschaftlichen E-Bike-Fahrer.  hs

Herr Schilling, sind E-Bikes gefährlich?
Die allgemein genannten E-Bikes, die ja genau genommen Pedelecs sind, sind schwerer und mit ihnen kann man höhere Geschwindigkeiten als mit einem normalen Fahrrad erzielen. Außerdem nimmt ihr Anteil am Markt immer weiter zu. Deswegen kann es häufiger zu Unfällen kommen.
Kann man das statistisch belegen?
Viele Unfälle werden uns überhaupt nicht gemeldet. Die Zahl steigt aber. 2018 gab es im Werra-Meißner-Kreis sechs polizeibekannte Unfälle mit E-Bikes, 2019 sieben und 2020 elf. 2021 sind es im ersten Halbjahr bereits acht Unfälle. Zwei davon, einer bei Gertenbach und einer bei Netra, endeten in diesem Jahr tödlich.
Wo liegen denn die Gefahren beim E-Bike-Fahren?
Die Räder sind schwerer und erreichen eine höhere Geschwindigkeit, die viele Besitzer nicht gewohnt sind. Wer sich ein Bike kauft, ist oft ein Quereinsteiger, der lange nicht mehr auf dem Rad gesessen hat und jetzt wieder anfängt und gleich längere Touren fährt. Außerdem fährt man Berge hoch, die man mit dem normalen Rad nie erklommen hätte. Hinterher muss man allerdings auch wieder bergab fahren. Fahrpraxis und auch Erfahrung auf dem Rad fehlen.
Welche Probleme entstehen beim Fahren mit dem E-Bike?
Das geht schon beim Anfahren los. Wenn von dem letzten Ausflug noch die höchste Stufe eingestellt ist, fährt man schneller los, als man vermutet. Die höhere Geschwindigkeit und das höhere Gewicht machen sich auch in den Kurven bemerkbar. Außerdem sind die E-Bike-Besitzer zum Teil ältere Menschen, bei denen Reaktion und Fitness nachlassen.
Wie kann man die Probleme und Gefahren vermeiden?
Als Erstes gilt: Zurückhaltend fahren. ADFC und die Verkehrswacht bieten für kleines Geld außerdem Fahrsicherheitstrainings an, die man nutzen sollte. Außerdem empfehlen wir Schutzausrüstung – wenigstens einen Helm.
Müsste man die Radhändler mehr in die Pflicht nehmen, Einweisungen zu geben?
Das wäre sicher wünschenswert. Viele verantwortungsbewusste Radhändler machen das ja auch. Allerdings kann man das nicht verpflichtend einführen. Wer sein Rad beispielsweise im Internet kauft, kann keine Einweisung verlangen.
Wie kann die Polizei helfen?
Wir bieten jetzt eine Informationsveranstaltung in Theorie und Praxis an. Anlass ist die steigende Zahl der Unfälle, insbesondere die tödlichen. Unsere Informationen wenden sich gerade an die Altersgruppe 60 plus.
Was wird da vermittelt?
Theoretische Kenntnisse, alles zur Kleidung und Schutzausrüstung, einige wichtige Verkehrsregeln und auch praktische Übungen. Bremsen und Ausweichen gehört dazu, ein Slalom-Parcours, Spur halten, mal mit einer Hand fahren, vielleicht sogar eine Gefahrenbremsung. Jeder, der mit seinem E-Bike vorbeikommt, muss aber nur so viel mitmachen, wie er sich zutraut. (Tobias Stück)

Hier kann man sich für eine Schulung der Polizei Werra-Meißner anmelden

Andrea Dornieden, Guido Schilling und Stefanie Söder vom Verkehrsdienst der Polizeidirektion Werra-Meißner bieten am 17. und 19. August zwei Informationstage an. Sie beginnen jeweils um 9 Uhr und dauern drei bis vier Stunden. Treffpunkt ist die Geschwister-Scholl-Schule auf dem Heuberg in Eschwege. Pro Kursus sind maximal 15 Teilnehmer zugelassen. Sollten sich mehr Teilnehmer anmelden, denken Andrea Dornieden, Stefanie Söder und Guido Schilling, die das Training anbieten, über Zusatztermine nach. Mitbringen muss man sein eigenes E-Bike und einen Fahrradhelm. Vor Ort unterschreibt man einen Haftungsausschluss. Anmelden kann man sich ab sofort unter 0151/70 32 45 86 oder per E-Mail unter jvs-werrameissner.ppnh@polizei.hessen.de  ts 

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