Vor 160 Jahren starb Wilhelm Ludwig von Eschwege

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Eschwege. Er war Geologe, Abenteurer, baute ein Prachtschloss und ritt die Kasseler Oberschicht in den Ruin. Doch nach Millioneninvestitionen hatte er gerade mal 330 Gramm Gold.

Vor 160 Jahren starb der Freiherr Wilhelm Ludwig von Eschwege. In Brasilien und Portugal ist er ein berühmter Mann - schließlich verdanken ihm die Brasilianer die genausten geologischen Karten des 19. Jahrhunderts. Den Portugiesen hinterließ er ein Märchenschloss, das mit Neuschwanstein mithalten kann. Nur die Oberschicht seiner Heimat Hessen-Kassel hat Eschwege mit einer wahnwitzigen Unternehmung auf Lebzeiten verärgert.

Wilhelm Ludwig von Eschwege wurde am 17. November 1777 auf der Wasserburg Aue (Wanfried) geboren. Er genoss die Ausbildung der Bergmänner in Marburg, Göttingen und nahm seine erste Stelle als Beamter in Richelsdorf an. Es hätte ein beschauliches Leben werden können.

Doch gleichzeitig krönte sich Napoleon Bonaparte in Frankreich zum Kaiser und überfiel nach und nach die umliegenden Länder. Das kleine Königreich Portugal modernisierte deshalb schleunigst seine Rüstungsindustrie und holte dazu die besten Handwerker und Bergmänner. Da Kassel in ganz Europa bekannt war für seinen Kohlebergbau, erreichten die portugiesischen Gesuche auch den Freiherrn von Eschwege. 1803 zog er nach Portugal, um dort als Hauptmann der Artillerie eine Eisenhütte zu leiten.

Doch die Portugiesen hatten gegen Napoleon keine Chance - so musste der Freiherr von Eschwege mit ansehen, wie Lissabon kampflos in die Hände der Franzosen fiel. Der portugiesische König floh über den Atlantik in seine Kolonie Brasilien, um von Rio de Janeiro aus sein Weltreich zu regieren - und der Freiherr von Eschwege wurde auch dort dringend gebraucht.

Er sollte die brasilianisch-portugiesischen Bergleute nach deutschem Vorbild ausbilden. Also erstellte er die ersten Karten und Profile der Gesteinsschichten, die je in Brasilien gemacht wurden, und stellte fest, dass Schmuggler und Schwarzhändler tiefer in das Gebirge vorgedrungen waren, als staatliche Expeditionen. Von Eschwege schreibt dazu: „Man schränkte sich ein zu erfahren, welche Flüsse Diamanten hielten, ohne zu untersuchen, woher diese wohl gekommen sein möchten.“ Er fand heraus, dass die Geologen nur die Flüsse untersucht hatten - nicht aber die Gebirge. Schnell wurde der Freiherr zum gefragten Experten für die Edelsteine. Er hatte sein brasilianisches Eldorado gefunden.

Mit dem Ende der napoleonischen Kriege kehrten der portugiesische Hof nach Lissabon und Wilhelm von Eschwege in die Heimat zurück. Doch sein Abenteurergeist sollte auch in Kassel nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder hat man im Flüsschen Eder südlich von Kassel Gold gefunden. „Und das wollte von Eschwege mit einem neuen Verfahren, das er entwickelt hatte, gewinnen“, sagt der Kasseler Historiker Friedrich Waitz von Eschen. Der Freiherr versprach der Kasseler Oberschicht Goldnuggets in ungeahnter Größe. Alles durch einen feinen Goldflitter in der Eder: „Und damit ist er grandios gescheitert.“ Mit Millioneninvestitionen reicher Kasseler und drei Jahren harter Arbeit brachte er trotzdem nur 330 Gramm Gold hervor.

Der Freiherr zog 1835 wieder nach Lissabon. In der Heimat hatte er alles verspielt, was er in Jahrzehnten aufgebaut hatte. Doch in Portugal knüpfte er an alte Erfolge an. Ohne, dass Historiker wirklich wissen, warum, baute er für den portugiesischen König das Märchenschloss „Pena“ in den Bergen Lissabons - obwohl Wilhelm von Eschwege kein Architekt, sondern Bergmann war. Es ist heute ein Touristenmagnet. Erst 1850 kehrte er in die Heimat zurück. Am 1. Februar 1855 starb der Abenteurer, Geologe und Universalgelehrte in Kassel-Wolfsanger. (nh)

Von Niklas Rudolph

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