Pflegekinderdienst sucht Familien für Kinder in Not

Eine Bauch- und eine Herzmama

Das Kindeswohl steht an erster Stelle: (v.l.) Karin Meissner-Erdt, Ariane Zengerling und Steffen Meinl vom Pflegekinderdienst des Werra-Meißner-Kreises suchen Pflegefamilien.
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Das Kindeswohl steht an erster Stelle: (v.l.) Karin Meissner-Erdt, Ariane Zengerling und Steffen Meinl vom Pflegekinderdienst des Werra-Meißner-Kreises suchen Pflegefamilien.

Pflegekinder aufzunehmen ist eine herausfordernde Aufgabe, aber sie kann auch bereichernd sein. Im Kreis werden Pflegefamilien gesucht.

Eschwege – „Manche Kinder brauchen zwei Mamas und zwei Papas“ – zu diesem Schluss kommen Ariane Zengerling, Karin-Meissner-Erdt und Steffen Meinl vom Pflegekinderdienst des Werra-Meißner-Kreises. Zu ihrem Berufsalltag gehört es, Ersatzfamilien für Kinder zu finden, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können, eben weil diese nicht in der Lage sind, ihre Verantwortung wahrzunehmen.

Situation im Kreis

Derzeit sind im Werra-Meißner-Kreis etwa 140 Kinder dauerhaft in gut 100 Pflegefamilien, aber auch in der Verwandtenpflege (Tante, Großeltern) untergebracht. Durchschnittlich zehn bis 15 Kinder werden pro Jahr in Dauerpflegestellen vermittelt, diese Anzahl ist in den vergangenen Jahren weitestgehend konstant geblieben. Zusätzlich werden zirka 35 Kinder jährlich akut in sogenannte Bereitschaftspflegestellen aufgenommen.

Kind in die Pflege?

Es gibt zwei Wege, wie die zuständige Stelle, also der Pflegekinderdienst, auf die betroffene Familie aufmerksam wird. „Manchmal wenden sich die Eltern selbst an uns und bitten um Hilfe“, erklärt Ariane Zengerling. „In anderen Fällen sind es Nachbarn, Lehrer, Erzieher oder Verwandte, die eine Gefährdungsmeldung abgeben.“ Je nach Situation würde zunächst geprüft, ob und inwieweit man die Familie unterstützen und stärken kann. „Das oberste Ziel ist, dass das Kind dort bleiben kann, wo es hingehört, nämlich in seiner eigenen Familie“, ergänzt Karin Meissner-Erdt.

Ist dies aber nicht möglich, stellen die leiblichen Eltern entweder selbst einen „Antrag auf Hilfe zur Erziehung“ oder das Familiengericht bestimmt einen Vormund für das Kind.

Ist dies erfolgt, wird der Pflegekinderdienst aktiv und sucht nach einer geeigneten Pflegefamilie, deren Auswahl erfolgt nach einigen Parametern. Das Alter und der Wohnort seien entscheidend, aber auch die Frage, ob die Geschwisterreihenfolge eingehalten werden könne. „Das Pflegekind sollte immer das jüngste Kind in der Familie sein“, so Steffen Meinl. „Es ist davon auszugehen, dass das Pflegekind ein besonders hohes Maß an Aufmerksamkeit benötigt.“

Auch, ob es noch Geschwister gibt, sei entscheidend. In der Regel würden die Kinder getrennt voneinander untergebracht. „Auf diese Weise werden die Pflegefamilien einerseits nicht zu sehr belastet, andererseits legen wir großen Wert darauf, dass das Kind als Individuum aufgenommen wird. In einer Geschwisterkonstellation kommen die Kinder oftmals nicht aus der Rolle, die sie in ihrer Ursprungsfamilie innehatten, heraus“, so Meinl weiter.

Es sei wichtig, dass die Pflegefamilie eine Chance auf einen Neuanfang für das betroffene Kind böte. Selbstverständlich würde der Kontakt untereinander, sowohl zu den Geschwistern, aber auch zu den Eltern, sofern möglich, bestehen bleiben. Die Beziehung zu den leiblichen Eltern sollte im Idealfall während der gesamten Pflegezeit erhalten werden, denn auf diese Bezugspersonen sind Kinder von Natur aus geprägt – auch dann, wenn gerade diese sie nicht adäquat versorgen können. „Die Kinder lernen schon früh, dass sie zwei Mamas haben. Eine Bauch- und eine Herzmama“, wissen die Mitarbeiter.

Leben in Pflegefamilie

Ein Kind aufzunehmen, stellt für die ganze Familie eine große Herausforderung dar. „Man darf nicht vergessen, dass das Kind ein schweres Päckchen mit sich trägt“, so Karin Meissner-Erdt. Kinder, die in ihrer Ursprungsfamilie Erfahrungen wie Sucht, Gewalt oder Vernachlässigung erlebt haben und die von ihren leiblichen Eltern getrennt werden, haben oftmals ein erschüttertes Urvertrauen.

Derlei Erfahrungen wirken sich auf das ganze Leben aus. Dementsprechend ambivalent verhalten sich Kinder. Neben Wut, Verunsicherung, Isolation, extremer Anhänglichkeit oder überladener Energie reagieren die Kinder, selbst wenn sie mit offenen, Armen empfangen werden. „Es braucht seine Zeit, bis das Kind in der neuen Familie seinen Platz findet, manchmal geht es schneller, manchmal funktioniert es gar nicht und wir müssen eine neue Familie finden“, erklärt Ariane Zengerling.

Auch die Integration in Schule oder Kindergarten sei nicht immer einfach. Die Familien werden vom Team begleitet, je nach Bedarf können Therapien oder sozialpädagogische Hilfen oder auch Mediationen und Supervisionen in Anspruch genommen werden, aber man müsse dem Kind auch viel Akzeptanz entgegenbringen. „Man kann nicht alles wegtherapieren oder den Anspruch haben, dass das Kind schulische Erfolge erzielt, obwohl man ihnen den Weg bereitet.“

Natürlich gebe es Kinder, die trotz Startschwierigkeiten einen erfolgreichen Weg einschlagen. Andere darf man wiederum nicht überfordern, die Aufgabe der Pflegeeltern sei es, die Kinder auf ihrem Weg zu begleiten. Und selbst wenn die Integration in die Pflegefamilie gut verläuft, kann es zu Rückschlägen kommen.

Insbesondere in der Pubertät, einer Zeit, in der Jugendliche ihre Identität suchen, stellen Kinder, deren Herkunft nicht unproblematisch ist, vieles in Frage. „Generell sind innerhalb der Pflegefamilien Regeln und Strukturen immens wichtig“, so Steffen Meinl.

Pflegefamilie werden

Der Werra-Meißner-Kreis sucht Familien, die sich bereit erklären, Kinder aufzunehmen. Bevor dies so weit ist, durchlaufen die Familien eine Qualifizierungsphase, bestehend aus Informationsgesprächen, Bewerbungsverfahren, Seminaren und einem Hausbesuch. In dieser Zeit wird den potenziellen Pflegeeltern ein realistisches Bild von der Aufgabe vermittelt, denn sie müssen wissen, dass sich das ganze Leben ändert mit allen positiven und negativen Aspekten, dass sie aber auch eine Verantwortung eingehen, die über viele Jahre andauern kann.

„Wir wollen auch niemanden entmutigen. Im Gegenteil: Es kann eine sehr erfüllende Erfahrung sein, wenn das Kind in der Familie voll aufblüht und ein fester Bestandteil im Gefüge wird.“

Daher sucht die Pflegekinderstelle Menschen mit Geduld, Empathie, Durchhaltevermögen und Kraft. Dabei kommt es nicht auf pädagogische Vorkenntnisse an, gesucht würden ganz normale Familien, auch gleichgeschlechtliche und nicht verheiratete Paare.

Wichtig sei, dass die Menschen im Leben auf soliden Beinen stehen, eine gesunde Portion Pragmatismus realität und Humor hätten. Ganz wichtig sei Vertrauen in sich selbst, aber vor allem auch in das Kind. „Manchmal muss man mit der Liebe erst mal in Vorleistung gehen“, sagt Karin Meissner-Erdt abschließend.

Infoabend

Wer sich mit dem Gedanken trägt, eine Pflegefamilie zu werden, kann am 13. Oktober zum Info-Abend kommen. Ab 19 Uhr können sich Interessierte in den Räumlichkeiten der VHS Witzenhausen über die Pflegschaft, rechtliche Hintergründe und den Qualifizierungsprozess informieren. Das Angebot ist niedrigschwellig, eine Anmeldung ist nicht notwendig.

Ansprechpartner

Ariane Zengerling, Telefon 0 56 51/3 02 14 66, ariane.zengerling@werra-meissner-kreis.de

Karin Meissner-Erdt, Telefon, 0 56 51/30 25 46 07, karin.meisser-erdt@werra-meissner-kreis.de

Steffen Meinl, Telefon 0 56 51/3 02 14 69

steffen.meinl@werra-meissner-kreis.de

Von Maren Schimkowiak

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