54 Prozent weniger Milchbetriebe

Immer mehr Betriebe geben Milchviehhaltung auf: Landwirte fordern faire Preise

Die Tiere kommen zuerst: Milchbauer Christian Menthe vom Hof Menthe (Bild) sagt, er habe den schönsten Beruf der Welt.
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Die Tiere kommen zuerst: Milchbauer Christian Menthe vom Hof Menthe (Bild) sagt, er habe den schönsten Beruf der Welt.

Immer mehr Landwirte haben in den vergangenen zehn Jahren im Werra-Meißner-Kreis ihre Milchviehhaltung aufgegeben.

Werra-Meißner – Immer mehr Landwirte haben in den vergangenen Jahrzehnten im Werra-Meißner-Kreis ihre Milchviehhaltung aufgegeben. Das geht aus Zahlen des Statistischen Landesamts hervor, ebenso wie aus dem jüngsten Bericht des Landkreises zur Lage der Landwirtschaft.

Demnach sind von 2009 bis 2019 die Milchviehhaltungen im Landkreis um 54 Prozent zurückgegangen. Gab es zum Beispiel einst 30 Betriebe mit 1500 Milchkühen in Sontra, sind es 2019 nur noch 13 Haltungen und 1130 Tiere. So ist es im Meldesystem der hessischen Tierseuchenkasse verzeichnet. Zehn Betriebe mit Milchviehhaltung gab es vor zehn Jahren sogar noch in Witzenhausen, nach und nach hat sich der Bestand verringert, 2015 waren es sieben, 2019 nur noch zwei.

Auch in Ringgau sind die Bestände zurückgegangen: 908 Milchkühe gab es dort 2009 in 22 Betrieben, vor zwei Jahren wurden 566 Kühe in neun Haltungen gezählt. Mit 736 Kühen wurden in Hessisch Lichtenau zuletzt etwa 150 Tiere mehr gezählt, dafür ging aber auch dort die Zahl der Betriebe zurück: 2009 gab es 13 Milchviehhaltungen, 2019 sind es acht.

Der Gesamttierbestand verzeichnet im Landkreis mit rund 5000 gegenüber 6600 Tieren in 2009 einen geringeren Einbruch (25 Prozent).

Stundenlohn der Landwirte liegt meist unter dem Mindestlohn

Einen voranschreitenden rückläufigen Trend im Milchsektor beobachtet auch Uwe Roth, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands. Als Grund nennt der Landwirt zum einen, dass oft die Nachfolge in den Betrieben nicht sicher ist. Dazu kommt die harte Arbeit, verbunden mit einer vergleichsweise zu geringen Entlohnung.

Molkereien zahlen unterschiedliche Preise

Der durchschnittliche Milchpreis lag im Juni 2021 in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bei 35,8 Cent pro Liter Milch. Je nach Region, Geschäftsstruktur und der Inhaltsstoffe der Milch (Eiweiß- und Fettanteil) schwanken die Milchpreise auch. Abzüglich der Unterhaltungskosten, Strom, Futter, Wasser, etc. verdient ein Milchbauer in Deutschland an einem Liter Milch im niedrigen einstelligen Centbereich.

„Der Stundenlohn in der Milchviehwirtschaft liegt statistisch gesehen bei fünf Euro pro Stunde“, sagt er. Die meisten Landwirte – nicht nur die Milchbauern – verdienen unter dem Mindestlohn, sagt auch Christian Menthe, Milchlandwirt in Grebendorf. Großes Problem ist auch, dass der Preis für die Produkte am Ende möglichst gering sein soll. Außerdem stünden die Landwirte unter immer höheren gesellschaftlichen Druck, auch durch Anfeindungen gegen Bauern und deren Tierhaltung, wie Roth erklärt.

Landwirte fordern faire Preise

Die Zeiten, in denen es in jedem Dorf des Landkreises mehrere landwirtschaftliche Betriebe gibt, sind vorbei. Gründe sind laut Uwe Roth, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes, zum einen, dass Landwirte zeitlich stark eingespannt sind, an einen Sommerurlaub ist für viele nicht denken. Die Tätigkeit ist hart, auch wenn Maschinen vieles erleichtern können. Gleichzeitig zeugt die geringe Entlohnung der Landwirte und niedrige Produktpreise auch von geringer Wertschätzung der Arbeit und auch dem Tier gegenüber, findet Roth.

„Es ist ethisch verwerflich, dass ein Liter Selters oft billiger ist als ein Liter Kuhmilch“, sagt Roth. Die Menschen wollen zwar möglichst viel Tierwohl, Weidegang, gutes Futter, viel Platz und frische Luft – aber nicht dafür zahlen, dass den Tieren dies ermöglicht wird.

Lebensmittelhandel schreibt Preise vor

„Der Lebensmittelhandel schreibt vor, wie wir bezahlt werden“, weiß Christian Menthe vom Milchbetrieb Menthe in Grebendorf. Seinen Hof betreibt er gemeinsam mit seinem Sohn Ramon nun in der 15. Generation – und das mit Leidenschaft. Pro Liter Milch bekommt er durchschnittlich rund 33 Cent, nach Abzug von Futter, Strom, Wasser, Tierarztkosten und sonstigen Unkosten bleiben etwa drei bis fünf Cent Gewinn pro Liter Milch übrig. „Der Verbraucher kann nichts für die Preise, aber wir müssen davon leben können.“ Dazu kommt die große Konkurrenz durch Importe aus anderen EU-Ländern, die aufgrund von geringeren Auflagen auch billigere Preise anbieten können.

Auch Umbauten am Stall, etwa für mehr Platz oder weil es neue Auflagen vom Bund gibt, sind nur mit staatlichen Förderungen zu stemmen. Menthe betont hierbei, dass seit Jahrzehnten solche Auflagen immer mehr werden, also auch mehr Kosten anfallen, der Milchpreis aber gleich bleibt. „Ich habe nichts gegen höhere Auflagen, das Wohl meiner Tiere steht über allem“, sagt Menthe. Aber die Mehrkosten für die Einhaltung der Vorschriften, teurer werdendes Futter und Sprit spiegelten sich nicht im Milchpreis wider, sodass er es auffangen könnte. „Der Milchpreis bleibt unten.“ Schon ein Cent könne im Jahr bis zu 6000 Euro ausmachen. Wünschenswert und angebracht wäre laut Menthe ein Milchliterpreis von 45 Cent. Um auch in Zukunft gesetzliche Auflagen erfüllen zu können sogar eher 50 Cent, die beim Milchbauern ankommen.

Mehr Respekt beim Umgang mit Lebensmitteln

„Beim Umgang mit Lebensmitteln brauchen wir viel mehr Respekt und Verstand“, sagt Uwe Roth. Genauso verhält es sich bei Fleischprodukten. „Wer aber 2,90 Euro für ein Kilo Hühnerbrust ausgibt, darf nicht erwarten, dass das Huhn ein gutes Leben hatte“, sagt Roth.

Doch auch, wenn es die Menschen in der Landwirtschaft nicht leicht haben, so stehe man mit Herzblut dahinter. Uwe Roth erzählt, wie Heiligabend einmal die Wasserleitung auf seinem Hof geplatzt ist. „Die Schweine hatten Durst, das musste ich erst reparieren, bevor es zur Familie ging. Der Stall kommt zuerst.“ Und zu diesem Schluss kommt auch Christian Menthe: „Es ist der schönste Beruf der Welt, ich würde nichts anderes machen wollen.“

Von Jessica Sippel

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