1. Startseite
  2. Lokales
  3. Witzenhausen
  4. Eschwege

17 Jahre in Ägypten: Rückkehrerin aus Eschwege berichtet von ihrem Leben in Nordostafrika

Erstellt:

Von: Eden Sophie Rimbach

Kommentare

Mehr als eine Handvoll Geschichten hat Simone Wiechern in 17 Jahren erlebt. Nun lebt sie wieder im Altkreis Eschwege. Von ihren Erlebnissen zeugen zwei Bücher, die aufeinander aufbauen.
Mehr als eine Handvoll Geschichten hat Simone Wiechern in 17 Jahren erlebt. Nun lebt sie wieder im Altkreis Eschwege. Von ihren Erlebnissen zeugen zwei Bücher, die aufeinander aufbauen. © Eden Sophie Rimbach

Simone Wiechern lebte 17 Jahre lang auf dem Sinai in Ägypten und berichtet von ihren Erfahrungen.

Eschwege – „Geduld und Vertrauen habe ich da gelernt“, sagt Simone Wiechern, wenn sie auf ihre Zeit auf dem Sinai in Ägypten blickt. Eine gewisse innere Gelassenheit und Zufriedenheit habe sie von den Beduinen erfahren und auch nach ihrer Rückkehr in 2011 bewahren können.

28 Jahre ist es her, dass für die damals 25-Jährige aus einem Semester in Ägypten 17 Jahre wurden. „Ich hatte auch schon immer Sehnsucht“, verrät die gebürtige Eschwegerin, die ihre Kindheit und Jugend in Bad Sooden-Allendorf verbrachte. Mit 18 Jahren zog sie aus, machte ihr Abitur in Berlin, studierte Arabistik und verliebte sich bereits knapp zwei Jahre vor der Reise in Land und Kultur. Vor Ort war es schließlich der Kauf eines Kamels, der die halbjährige Auszeit verlängerte. Das Tier kaufte sie von ihrem letzten Geld, reiste vorerst nicht zurück.

Dass sie ihre Geschichte eigentlich lieber mit Fokus auf das Thema „Aussteiger“ erzählt oder in einem Abend über andere Kulturen davon berichtet hätte, sagt Wiechern mit Blick auf ihren Fernsehauftritt Ende April. Im Nachtcafé, einem Format des SWR, hatte sie ihre Geschichte geteilt.

Nach 17 Jahren in Ägypten ist die Eschwegerin zurück in der Heimat

Lebendig und sehr präsent berichtet sie in der Sendung von ihren Erlebnissen. Auch im Interview auf dem Schulberg in Eschwege ist ihre Begeisterung für die Menschen und das Leben auf dem Sinai durchgängig spürbar.

Was sie an dem Land fasziniere: „Dass die Menschen da so wenig haben und so glücklich sind.“ Das Leben auf dem Sinai sei einfacher, was man zum Leben brauche, sei unter anderem mit Fisch aus dem Meer da. „Sie leben in dem Moment“, sagt Wiechern über die Menschen, die sie kennenlernte. Pläne für die nächsten Jahre werden nicht gemacht. In westlichen Ländern sei dieser Stress dagegen schon in der Schule präsent.

Veränderungen erlebte Wiechern allerdings auch auf dem Sinai: Mit den Fernsehern zogen gegen Ende ihrer Zeit dort ägyptische Serien in das Leben der Beduinen ein. Das habe dazu geführt, dass dort gezeigte Möbel gekauft wurden, erstmals Neid unter den Menschen entstand.

Eschwegerin lebt 17 Jahre auf dem Sinai

Wie stark sich ihre Kindheit in Nordhessen von der ihrer Söhne unterschied, weiß Wiechern. „Die hatten den größten Sandkasten der Welt“, erklärt sie mit einem Lächeln. Die Familie lebte direkt am Meer. Unterwegs waren die Söhne in Gruppen von fünf bis 15 Kindern, die aufeinander aufpassten.

Die Erfahrungen mit der Schule ihrer Söhne schildert Wiechern anders. Körperliche Strafen standen an der Tagesordnung. Wenn ein einzelner Schüler etwas getan hatte, wurde die gesamte Klasse bestraft. „Ich hatte das Gefühl, die kommen überhaupt nicht zum Lernen“, erinnert sich die Mutter. Ein Schulleiter erlaubte es, dass sie die Kinder zuhause unterrichtete, sie nur die Prüfungen in der Schule absolvieren mussten. Sein Nachfolger erkannte dies nicht an: Ihre Söhne mussten alle ein Schuljahr wiederholen.

Wiechern war die Bildung ihrer Kinder wichtig. Doch nach sieben Jahren auf dem Sinai wurde ihr die Ausreise erschwert. Sie konnte nie mit allen Söhnen ausreisen. Zehn Jahre lang versuchten sie, das Land zu verlassen. Am 21. Juni 2011 gelang es schließlich.

Aus Auslandssemester wurden 17 Jahre: Eschwegerin lebte in Ägypten

„Das Zurückkommen war wesentlich schwerer“, erinnert sie sich, wenn sie die Übergänge in 1994 und 2011 miteinander vergleicht. Das einfache Leben habe ihr sehr gut gefallen. Bei ihrer Ankunft in 1994 lernte sie, dass alltägliche Aufgaben wie Fischen und Holzholen viel länger dauern, als man es erwarten würde. Frisch aus Berlin kommend erlebte sie das als Entschleunigung.

Vertrauen habe sie vor allem durch ihre Schwangerschaften und die Geburten ihrer Söhne gelernt. Ohne, um Hilfe zu bitten, wurde sie nach diesen plötzlich von Frauen aus der Nachbarschaft umsorgt, die ins Haus kamen, sich um sie und den Haushalt kümmerten. Ein offenes Kommen und Gehen habe es generell gegeben. Wiechern erklärt das mit dem arabischen Gastrecht, nach dem man dazu verpflichtet ist, jemanden für mindestens drei Tage aufzunehmen.

Gastfreundlicher und freigebiger sei sie durch diese Einflüsse geworden. Auch berichtet sie von den Beduinen als sehr gute Geschichtenerzähler, sagt, dass sie die Toleranz gegenüber andersdenken Menschen am meisten fasziniert habe. Auch viel altes Wissen werde dort weitergegeben. So ist Wiecherns Schwiegermutter eine Heilerin, erziele mit einer speziellen Form der Akupunktur große Erfolge.

Zurück in der Heimat: Eschwegerin lebte auf dem Sinai

Auf die Frage, ob sie wieder auf dem Sinai leben würde, sagt sie sofort: „Definitiv.“ Und sie fügt nachdenklich hinzu: „Ich weiß nicht, ob ich wieder nach Deutschland kommen würde danach.“ Mit ihren Kindern würde sie nicht wieder ganz nach Ägypten gehen. Zu groß sei die Angst, wieder nicht mit ihnen ausreisen zu können.

Ihre Erfahrungen hat Wiechern, die schon immer Tagebuch schreibt, in den Büchern „Fliegende Teppiche“ und „Zwischen Wüste und Meer“ festgehalten.

Das erste Buch hatte auch die Frau gelesen, mit der sie in einem Park ins Gespräch kam und die sie schließlich zur Sendung anmeldete. Wiechern lächelt und fügt hinzu: „Sie wurde nachher zu eine Freundin.“

Nachtcafé, „Paare, die an Grenzen gehen“

Auch interessant

Kommentare