Mann sollte Zeche des Chefs zahlen: Angestellter wegen offener Rechnung vor Gericht

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Abwicklung dauert an: Mehr als zwei Jahre, nachdem die Witzenhäuser Baufirma Insolvenz angemeldet hat, beschäftigt der Fall immer noch die Gerichte.

Eschwege / Witzenhausen. Eine ungewöhnliche Güteverhandlung gab es jetzt vor dem Amtsgericht Eschwege: Die Parteien einigten sich, dass ein Ex-Mitarbeiter einer Witzenhäuser Baufirma 1000 Euro zahlt, weil er 2012 eine Lieferung Dämmstoffe für seinen früheren Arbeitgeber beauftragt hatte.

Der Lieferwert von 3600 Euro wurde aber von der Baufirma nie bezahlt.

Die Witzenhäuser Baufirma meldete 2013 Insolvenz an. Im November 2014 wurden ihr letzter Geschäftsführer und sein Vorgänger wegen gewerbsmäßigen Betrugs verurteilt. Da das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, musste der 67-jährige Vorgänger seine Haftstrafe von über vier Jahren noch nicht antreten.

Weil die Baufirma insolvent ist, wollte der Händler, die ausstehende Summe nun vom Mitarbeiter zurückholen. Möglich wurde das, weil der Mann sein persönliches Baustoffkonto zur Verfügung gestellt hatte, um überhaupt ein Angebot einholen zu können. Wie der Mann vor Gericht erklärte, habe er das nur getan, weil der Händler der Baufirma kein Konto habe einräumen wollen. Er habe stets deutlich gemacht, dass die Lieferung für die Baufirma sei und den Händler gebeten, die Abwicklung mit der Firma zu regeln. Die tatsächliche Abwicklung sei ohne sein Wissen erfolgt. Der Händler argumentierte dagegen, es sei nicht klar gewesen, dass die Lieferung für die Baufirma gewesen sei.

Wenige Monate nach der Dämmstoff-Lieferung meldete die Baufirma Insolvenz an. Nicht nur deshalb wurde die Geschäftspraxis ein Fall für das Amtsgericht Eschwege. Richter Alexander Wachter kam zu der Einschätzung, dass in der Firma gewerbsmäßiger Betrug betrieben wurde.

Bis heute ist der Mann, den das Amtsgericht für den gewerbsmäßigen Betrug verantwortlich macht, auf freiem Fuß - obwohl er im November 2014 deshalb zu vier Jahren und vier Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt worden war. Dabei handelt es sich um einen heute 67-Jährigen aus Witzenhausen. Sein 59-jähriger Geschäftspartner, der laut Amtsgericht als Geschäftsführer nur vorgeschoben wurde, war zu 15 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden.

Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig, weil sowohl der 67-Jährige als auch die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt haben. Wie Recherchen unserer Zeitung ergaben, liegen die Akten derzeit noch bei der Staatsanwaltschaft Kassel. „Derzeit verfassen wir noch die Begründung für die Berufung“, teilt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Dr. Götz Wied, auf Anfrage mit. Demnächst sollen die Akten ans Landgericht Kassel weitergegeben werden. Aktuelle Ermittlungen gegen Prozessbeteiligte gibt es nach seiner Aussage nicht mehr.

Bis das Verfahren tatsächlich neu aufgerollt wird, kann es dauern, erklärt Landgerichts-Sprecher Dr. Jan Blumentritt. Die Akten müssten erst geprüft werden, es werde mindestens ein bis zwei Monate dauern, bis ein Termin für eine Berufungsverhandlung angesetzt werden kann. Zudem müsse geklärt werden, ob gegen das gesamte Verfahren oder nur gegen Teile - etwa das Strafmaß - Berufung eingelegt worden sei. Bis das Urteil rechtskräftig ist, muss der 67-Jährige die Haft nicht antreten.

Neue Firma gegründet

Wie aus dem Handelsregister hervorgeht, wurde auf den Namen seines Geschäftspartners, der zuvor nicht polizeilich in Erscheinung getreten war, bereits am 19. April 2013 eine neue Unternehmergesellschaft für den Vertrieb und die Montage von Betonfertigteilen eingetragen. Der Gesellschaftsvertrag ist auf den 7. März 2013 datiert. Das Amtsgericht Eschwege hatte nur eine Woche vorher, am 1. März 2013, das Insolvenzverfahren gegen die Vorgängerfirma eröffnet.

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