Montagsinterview über Frauen und Politik

Sigrid Erfurth: „Politik muss familienfreundlicher werden“

Sigrid Erfurth, Bündnis 90/Die Grünen
 Werra-Meißner
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Sigrid Erfurth, Bündnis 90/Die Grünen

Über die Gründe, wie man die Gleichberechtigung fördern könnte und welche Erfahrungen sie gemacht hat, darüber sprachen wir mit Sigrid Erfurth, Vorsitzende der hessischen Grünen.

Werra-Meißner – Seit den Pionierinnen hat sich in der Politik viel getan, immer mehr Frauen sind engagiert. Doch schaut man sich die Sitzverteilung der Kommunen des Werra-Meißner-Kreises an, wird schnell deutlich, dass Frauen dort noch immer unterrepräsentiert sind. Selbst im Kreistag liegt ihr Anteil bei nur 20 Frauen zu 40 Männern. Am Sonntag, 31. Oktober, spricht Sigrid Erfuth im Cinemagic Eschwege ebenfalls über Frauen in der Politik und die Dokumentation „Die Unbeugsamen“.

Frau Erfurth, was wird in der Dokumentation „Die Unbeugsamen“ deutlich?
Es geht um die ersten Frauen, die in Deutschland überhaupt in die Parlamente gewählt worden sind und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Es geht um öffentliche Herablassungen und Sexismus, was damals noch viel stärker war als heute.
Wie ist das heute?
Es hat sich zum Glück einiges verändert. Aber in vielen Bereichen gibt es ähnliche Rollenzuweisung. Etwa: „Wer passt auf die Kinder auf?“ Frauen bleiben häufiger zu Hause, weil sie oft weniger verdienen als Männer. Es ist ein Teufelskreis. Frauen sind öfter bereit, berufliche Nachteile in Kauf zu nehmen, bis hin zur Rente. Das ist auch in der Politik spürbar.
Frauen sind nicht nur im Bundestag unterrepräsentiert, auch in unserer Region ist das so. Wie kann man dem entgegnen?
Bei den Grünen haben wir schon lange eine feste Frauenquote, unsere Listen sind immer abwechselnd mit Frauen und Männern besetzt. Auf die Plätze der Frauen kann sich kein Mann bewerben. Dadurch haben wir tendenziell mehr Frauen als Männer auf den Listen, durch Kumulieren und Panaschieren kann sich die Verteilung noch ändern. Auch andere Parteien, etwa die SPD und die Linke, haben quotierte Listen.
Manche sind auch gegen eine Quotenregelung.
Wir haben positive Erfahrungen gemacht. Wegen der Quote kümmern wir uns intensiv darum, Frauen für Politik zu begeistern und ihre Sicht dort einzubringen. Für unsere Frauenplätze sprechen wir sie oft gezielt an. Denn Frauen sind erfahrungsgemäß zurückhaltender darin, sich auf solche Posten zu bewerben – dadurch sind sie aber nicht weniger qualifiziert. Wir coachen Frauen, damit sie Bemerkungen wie „Du bist nur die Quotenfrau“ mit Fassung tragen.
Sie sind selbst schon lange politisch tätig. Haben Sie jemals das Gefühl gehabt, dass Frauen nicht ernst genommen werden?
Ja. Das passiert durchaus. Ich selbst bin 1989 ins Kommunalparlament eingestiegen und wurde dafür belächelt. Ich hoffe, dass Frauen das heute nicht mehr so erleben. Es hängt manchmal auch am Alter. Wenn sich ein sehr junger Mensch in einem Parlament voller gesetzter Persönlichkeiten engagiert, dann ist die Haltung bei den Älteren manchmal etwas abschätzig. Solch gönnerhaftes Verhalten ist jungen Frauen gegenüber häufiger zu beobachten als bei jungen Männern.
Geht man mit Frauen auch härter ins Gericht?
In gewisser Weise ja. Wenn ein Mann sich energisch durchsetzt, gilt er als stark und durchsetzungsfähig – eine Frau gilt dagegen oft als zickig. Solche Rollenzuschreibungen sterben offenbar nicht aus.
Was kann man dagegen tun? Das Problem gibt es nicht nur in der Politik.
Die sind nur durch konsequente Aufklärungsarbeit zu überwinden. Aber auch Frauen selbst sollten sich trauen, sich klar und selbstbewusst dagegenzustellen. Ich habe große Hoffnung in die nächste Generation. Wir haben gut ausgebildete Frauen, die viel zu sagen haben. Viele junge Frauen sehen sich auch gar nicht ungleich behandelt.
Das ist nicht bei allen so.
Ich kenne viele Frauen, die einen Knick ihrer Karriere erleben, wenn sie aus der Familienpause zurückkehren, der mit ihrer Leistung gar nichts zu tun hat. Im Bewusstsein der Menschen muss noch viel passieren, um Beruf, Familie und gleiche Rechte zusammenzubringen. Formal haben Männer und Frauen zwar die gleichen Rechte, aber gelebt wird das nicht immer. Das liegt auch an Systemen, die mit Gesetzen nicht greifbar sind.
Zum Beispiel?
Machtnetzwerke sind häufig noch männlich strukturiert, Führungspositionen sind männerdominiert. Man hilft sich auf der Karriereleiter. Da müssen wir Frauen besser werden. Wir sind gut im Vernetzen, bilden aber selten Seilschaften. Auch bei der Bereitschaft der Politik, familienfreundlich zu sein, gibt es noch Luft nach oben: Wann sind die Versammlungen? Wie lang sind die? Was ist in dieser Zeit mit Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen?
Fürsorgearbeit übernehmen meistens eher die Frauen.
Genau. Und wenn sie gleichzeitig ihre Ämter nicht mehr bewältigen können, tun sich viele diesen Stress nicht an. Daher müssen wir Räume schaffen, in denen Familien Platz haben – damit Hürden abgebaut werden, was Frauen ermöglicht, sich neben der Familie für ein politisches Amt zu entscheiden. So ist es im Kreistag überhaupt kein Problem, etwa ein Kleinkind mitzubringen. Im Thüringer Landtag dagegen wurde Madeleine Henfling genau aus diesem Grund vor drei Jahren des Plenarsaals verwiesen. Unmöglich war das und macht deutlich, dass wir längst nicht am Ziel sind.
Welche Erfahrungen haben Sie in der eher von Männern dominierten Politik gemacht?
Ich bin in Eschwege Ende der 1980er-Jahre noch für Frauenrechte demonstrieren gegangen. Gemeinsam mit anderen haben wir uns für ein Frauenhaus und eine Frauenbeauftragte eingesetzt. Zähe Themen, die wir aber durchsetzen konnten. Vor fünf Jahren haben wir endlich die Änderung des Sexualstrafrechts „Nein heißt Nein“ im Bundestag durchbekommen. Das hat nur geklappt, weil Frauen über Parteigrenzen hinweg solidarisch zusammengestanden haben. Oder auch, dass Frauenärzten bisher noch untersagt ist, auf ihren Homepages über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren – ein wichtiges Thema, das sehr mit Vorbehalten gespickt ist. Solche Kämpfe führen Frauen zu einem Großteil allein und aus ihrer weiblichen Perspektive. (Jessica Sippel)

Zur Person

Sigrid Erfurth wurde 1956 in Radolfshausen bei Göttingen geboren. Nach dem Abitur in Kassel machte sie eine Ausbildung zur Finanzbeamtin und arbeitete dann in Göttingen. In ihrer Freizeit liest und wandert sie. 1989 zog die Grünen-Politikerin in ihrem Heimatort Neu-Eichenberg ins Gemeindeparlament ein. Ab 1993 war sie im Kreisausschuss des Werra-Meißner-Kreises und ab 1997 Fraktionsvorsitzende. Seit 1998 war sie mit Unterbrechungen Abgeordnete im Landtag – zuletzt von 2009 bis 2019. Seit 2019 ist sie mit Philip Krämer Parteivorsitzende und seit 2017 frauenpolitische Sprecherin des Landesverbandes. jes

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