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Ralf Ruhl berät Männer, die schlagen oder geschlagen werden

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Von: Stefanie Salzmann

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Täter und Opfer: Gewalttätige Männer haben nicht selten eine eigene Opfergeschichte. Den Teufelskreis zu lösen versucht Männerberater Ralf Ruhl.
Täter und Opfer: Gewalttätige Männer haben nicht selten eine eigene Opfergeschichte. Den Teufelskreis zu lösen versucht Männerberater Ralf Ruhl. © IMAGO

Als Männerberater bei der Awo in Eschwege hat Ralf Ruhl sowohl mit Gewalt ausübenden als auch von Gewalt betroffenen Männern zu tun.

Eschwege – Fotos misshandelter Frauen, die Ralf Ruhl in Täterakten zur Verfügung gestellt bekommt, schaut er sich nicht an. „Wenn ich das Bild einer Frau sehe, deren Gesicht aussieht, als sei ein Bus drüber gefahren, dann kann ich nicht mehr mit dem Mann sprechen, der das getan hat“, sagt Ralf Ruhl. Aber das ist beinahe auch das Einzige, wovor Ruhl sich schützt.

Ralf Ruhl ist Männerberater bei der Awo in Eschwege. Die Regale in seinem Beratungszimmer sind voller Infomaterial für werdende Eltern und zu Schwangerschaft und Verhütung. Das Sofa und die beiden Sessel sind mit rotem Kunstleder überzogen, eine Grünpflanze führt ein offenbar gepflegtes Dasein in dem hellen Raum.

Gewalttätige Männer sind meist nicht freiwillig in Beratung

Die Männer, die zu Ralf Ruhl kommen, um in Einzelgesprächen und Gruppensitzungen mit ihm zu arbeiten, sitzen größtenteils zunächst mal nicht freiwillig auf den roten Möbeln. Die Gerichtshilfe schickt sie oder Verfahren wegen Gewalt gegen Frauen wurden unter der Auflage eingestellt, dass sie ein sogenanntes Sozialtraining absolvieren. „Echte Selbstmelder sind Einzelfälle“, sagt Ralf Ruhl.

Und die Männer, die zuschlagen, kommen aus allen Ebenen der Gesellschaft. Es sind Geschäftsführer, Lehrer, Pfarrer, Arbeiter, Hartz-IV-Empfänger. „Der Unterschied besteht darin, dass in bildungsferneren Schichten häufigere und schwerere Taten verübt werden“, weiß Ralf Ruhl. „Identisch sind aber die Gründe, warum Männer Frauen schlagen.“

Ruhl will mit Tätern herausfinden, warum sie zuschlagen

Warum Männer Frauen schlagen – das will Ralf Ruhl mit den Tätern gemeinsam ergründen und eins muss immer klar sein: „Ich verurteile die Tat, aber nicht den Täter.“ Gesprochen wird über die Mechanismen, die zur Gewalt führen. „Was treibt mich hoch?“, „Ist es vielleicht nicht die Frau, sondern hat es eine ganz andere Geschichte?“, „Wo spielte in der Biografie Gewalt eine Rolle?“. „Viele Männer habe eine eigene Opfergeschichte“, weiß Ruhl. Erkenne man diese Seite an, seien Männer deutlich bereiter, an ihrem Problem zu arbeiten.

Praktikabler Notfallplan für potentielle Gewaltsituationen

Schritt eins ist die Rekonstruktion des Tattages. „Auch wenn sie erst mal das Gegenteil behaupten, die Männer erinnern sich an jede Minute“, weiß Ruhl aus Erfahrung. Morgens auf einer Skala bis zehn ist der Wutpegel schon bei vier und schaukelt sich dann hoch und irgendwann schlagen sie zu. „Einige legen sich nach so einer Tat schlafen, den Notruf wählt kaum einer.“ Da tun meist andere Angehörige oder Nachbarn. „Kommt die Polizei dann, wird diese fast wie ein Retter gesehen, weil die Männer dann loslassen können.“ Aber: „Als dauerhafte Stressreduktion empfiehlt sich das nicht.“

Und an genau der arbeitet Ruhl mit den Männern, entwickelt einen praktikablen Notfallplan, wenn droht, die Sicherung durchzubrennen. Dazu gehört: Nichts in die Hand nehmen, bei einem Streit nah an der Tür platzieren (nicht selten liegen Frauen, die „beiseitegeschoben“ wurden, plötzlich blutend am Boden), einen Freund anrufen. Und da wird das nächste Problem sichtbar: „Es gibt viele Männer, die keine Freunde haben.“

Ralf Ruhl Männerberater bei der Awo
Ralf Ruhl Männerberater bei der Awo © Salzmann, Stefanie

21 Sitzungen können die Männer bei Ruhl machen. „Solange braucht es für Verhaltensänderungen, bis diese sich gefestigt haben“, sagt Ruhl. „Es ist Millimeterarbeit, kein Treiben.“ Danach gibt es ein Zertifikat über Verantwortungstraining.

Es gibt auch Frauen als Täter

Ralf Ruhl und auch die Statistik wissen, dass 80 Prozent der Gewalttaten von Männern gegenüber Frauen ausgeübt werden. Aber es gibt auch Fälle, wo das genau andersherum ist. Allein in diesem Jahr haben sich sechs Männer an den Männerberater gewandt, die Opfer häusliche Gewalt sind und von ihren Frauen misshandelt werden. Und wer glaubt, dass Frauen ohne Körpereinsatz quälen, irrt. Eins der männlichen Opfer, die bei Ruhl Hilfe suchen, berichtet von Ohrfeigen, Kinnhaken und Stürzen mit schweren Verletzungen. Anzeige habe der Mann nicht gegen seine Partnerin erstattet. Denn oft drehen die Frauen den Spieß um, drohen mit Selbstverletzung oder dem Entzug der gemeinsamen Kinder.

Frauen setzen seltener körperliche Gewalt ein

Ruhl räumt ein, dass Frauen seltener körperliche Gewalt einsetzen. Aber sie keifen, demütigen und erniedrigen ihre Männer, sperren sie ein, verbieten ihnen Kontakt zu Kumpels und isolieren sie. „Das ist etwas, was Männer sehr trifft und das Fass zum Überlaufen bringt.“ In Hessen gibt es inzwischen eine Initiative für Männerschutzwohnen analog den Frauenhäusern. Zudem sind in einem neu aufgelegten Programm gegen Gewalt Männer als Täter und Opfer benannt. Ein Fortschritt, wie Ruhl findet.

In seine Beratungsstunden kamen in den vergangenen Jahren im Schnitt 35 Männer, in diesem Jahr sind es mit 50 deutlich mehr geworden. Und nach den 21 Sitzungen beim Männerberater? „Ein Drittel schlägt weiter, ein Drittel pausiert etwa ein Jahr und ein Drittel hört für immer damit auf.“

(Stefanie Salzmann)

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