Besondere Vorsicht ist am Waldrand geboten

Jetzt aufpassen: Wildunfälle häufen sich im Herbst - Wie verhält man sich im Falle des Falles?

Warnschilder weisen oft darauf hin, wenn ein erhöhter Wildwechsel besteht. Bei der Morgen- und Abenddämmerung sowie an Wald- und Feldrändern sollten Autofahrer besonders aufmerksam sein.
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Warnschilder weisen oft darauf hin, wenn ein erhöhter Wildwechsel besteht. Bei der Morgen- und Abenddämmerung sowie an Wald- und Feldrändern sollten Autofahrer besonders aufmerksam sein.

Entgegen Bundestrend ist Zahl der Wildunfälle im Werra-Meißner-Kreis leicht rückläufig, trotzdem sollten Autofahrer auf den Straßen besonders im Herbst aufpassen.

Werra-Meißner – Im Herbst steigt auf den Straßen die Gefahr für Wildunfälle. Auffällig ist das insbesondere, wenn die Uhren umgestellt werden und sich die Zeiten des Wildwechsels mit dem Berufsverkehr überlappen, wie Sprecher Jörg Künstler von der Polizeidirektion Werra-Meißner erklärt. Dann sei noch einmal erhöhte Vorsicht geboten, denn Wildtiere orientierten sich am Tageslicht. „Die Morgenstunden werden so zur Falle für Tier und Mensch“, sagt Künstler.

Nach den aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2020 gab es 671 Wildunfälle im Landkreis – 413 davon allein mit Rehwild. Im Zuständigkeitsbereich der Polizeistation Eschwege haben sich die Unfälle erhöht. Dort gab es 331 Wildunfälle, knapp 30 mehr als 2019. Um Hessisch Lichtenau gab es insgesamt 110 Wildunfälle, 46 weniger als im Vorjahr, in Sontraer Bereich waren es 147 und damit zwei mehr als 2019 und im Gebiet Witzenhausen wurden 83 Unfälle mit Wild gezählt – neun weniger als zuvor. Die Wildunfälle im Bereich Eschwege machen damit fast 50 Prozent aus. Jörg Künstler betont aber: „Im Werra-Meißner-Kreis muss man grundsätzlich überall damit rechnen, an einem Wildunfall beteiligt zu sein.“

Gesamtschaden von über eine Million Euro

1 025 000 Euro Schaden sind insgesamt im Jahr 2020 auf den Straßen des Werra-Meißner-Kreises alleine durch Wildunfälle entstanden. Im Jahr davor waren es mit 16 000 Euro mehr geringfügig mehr. Die 671 Wildunfälle eingeschlossen gab es nach dem aktuellsten Verkehrsbericht der Polizeidirektion Werra-Meißner insgesamt 2147 Unfälle mit einem Gesamtschaden von fast sechs Millionen Euro. Die Unfallzahl ist damit um rund 12 Prozent zu 2019 gesunken. 

Die Anzahl der Wildunfälle im Landkreis ist nun im zweiten Jahr in Folge leicht rückläufig: 2018 gab es noch 705 Wildunfälle, 2019 waren es 695 und 2020 waren es noch einmal 24 Wildunfälle weniger – eine Tendenz entgegen des Bundestrends.

Denn nach dem Deutschen Jagdverband (DJV) steigt die Zahl der Wildunfälle in Deutschland Jahr für Jahr. Im vergangenen Winter gab es 237 760 solcher Unfälle in Deutschland – zwei Jahre zuvor waren es knapp 10 000 weniger. Mit fast 200 000 Tieren in 2020 ist Rehwild am häufigsten beteiligt. Unfälle mit Wildschweinen nehmen aber zu. Das konnte die Polizei auch im Werra-Meißner-Kreis beobachten. Man müsse jedoch bedenken, dass es auch eine Dunkelziffer gebe, die um ein Vielfaches höher sei. Nicht alle Wildunfälle würden gemeldet. Komme es zum Zusammenstoß, sollten Wildunfälle aber in jedem Fall gemeldet werden, betont Künstler.

Wie verhalte ich mich beim Wildunfall? Antworten auf wichtige Fragen

Mit dem Herbst steigt für die Verkehrsteilnehmer das Risiko von Unfällen auf der Straße – nicht nur die früher einsetzende Dunkelheit, das Wetter und rutschiges Laub auf den Straßen halten ihre Tücken bereit, auch ist zu Hauptverkehrszeit mehr Wild unterwegs, als sonst. Die Folge sind mehr Wildunfälle als im Rest des Jahres. Wir geben Tipps, was es im Falle eines Wildunfalls zu beachten gibt.

Warum kommt es im Herbst vermehrt zu Wildunfällen?

Grundsätzlich können Wildunfälle jederzeit und überall passieren. Insbesondere aber zur Zeitumstellung ist das Risiko noch einmal erhöht, wie Polizeisprecher Jörg Künstler der Polizeidirektion Werra-Meißner erklärt. Denn Rehe, Wildschweine und Co. orientieren sich am Tageslicht: Während sie zuvor die Straße noch gefahrenlos überqueren konnten, begegnen sie nach der Zeitumstellung plötzlich dem Berufsverkehr, sagt er.

Wie kann ich Wildunfällen vorbeugen?

Vor allem vorausschauend fahren und Geschwindigkeit anpassen, lautet die Devise. Denn die Geschwindigkeit sei ein entscheidender Faktor bei der Vermeidung von Wildunfällen. „Je geringer die gefahrene Geschwindigkeit ist, desto größer ist die Chance, noch rechtzeitig vor dem Wildtier zum Stehen zu kommen“, sagt auch Künstler. Ab 80 Kilometern pro Stunde werde der Bremsweg gefährlich lang. Wer Tempo 80 statt 100 fährt, verkürze den Bremsweg bereits um 25 Meter, so Künstler.

Wo muss ich besonders aufpassen?

Insbesondere an Waldabschnitten und an Feldrändern ist Vorsicht geboten. Das gilt laut dem Deutschen Jagdverband besonders auch bei neuen Straßen, die durch Wälder führen, denn Tiere halten ihre gewohnten Routen bei, egal, ob dort nun eine Straße ist. Die größte Gefahr drohe in der Morgen- und Abenddämmerung sowie bei Nacht und bei Nebel. Und: Tiere sind selten allein unterwegs.

Wie verhalte ich mich, wenn ich als Autofahrer Wild am Straßenrand sehe?

Abblenden, abbremsen und hupen – das rät die Polizeidirektion Werra-Meißner. Denn die Augen der Wildtiere seien deutlich lichtempfindlicher als als die der Menschen. Fernlicht blendet die Tiere, nimmt ihnen die Orientierung. Das Hupen helfe dabei, dass sich die Tiere zumindest akustisch orientieren und dadurch flüchten können. Falls ein Zusammenstoß nicht vermeidbar ist, sollte der Fahrer aber auch keine riskanten Ausweichmanöver versuchen, denn so kommt man leicht in den Gegenverkehr oder von der Straße ab. Besser das Lenkrad festhalten, die Spur halten und bremsen.

Was, wenn es zum Zusammenstoß mit Wild kam?

Ruhe bewahren und die Unfallstelle absichern, betont Polizeisprecher Künstler. Das heißt: Warnblinkanlage einschalten, Warndreieck aufstellen und an die Warnweste denken. Sind Personen verletzt, Erste Hilfe leisten und den Rettungsdienst rufen. Auch ohne Verletzte sollten Wildunfälle gemeldet werden – bei der Polizei oder dem zuständigen Jäger. Hat man das Tier mit dem Auto erwischt, ist es aber in den Wald gelaufen, sollte man die Fluchtrichtung markieren – mit einem Taschentuch oder Kreide. Der Jäger sucht das Tier und erlöst es von seinem möglichen Leid. Verletzte oder tote Tiere nicht anfassen und totes Wild nicht mitnehmen. „Das Mitnehmen von getötetem Wild nach einem Unfall ist strafbar“, sagt Künstler.

Versicherung: Die meisten Schäden sind gedeckt, Polizei und Jäger stellen Wildschadensbescheinigung aus

Inwiefern greift meine Versicherung, wenn ich einen Wildunfall hatte? Denn nicht jeder Unfall mit Tieren ist versichert.
„Die Schäden am eigenen Fahrzeug können beachtlich sein“, betont Ulrich Zander aus Eschwege, Vizepräsident im Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK).

Die meisten Unfälle seien aber über die Teil- oder Vollkaskoversicherung gedeckt. Um Schwierigkeiten zu vermeiden sollten Betroffene Wildschäden jedoch unverzüglich bei der Polizei oder der zuständigen Forstbehörde melden, ebenso wie bei der jeweiligen Kfz-Versicherung oder dem betreuenden Versicherungsvermittler.

Nachdem es auf der Straße zum Zusammenstoß mit einem Wildtier kam, benötigt die Versicherung eine sogenannte Wildschadensbescheinigung, die von der Polizei oder dem zuständigen Jäger ausgestellt werden. Lediglich bei Kleinschäden könne darauf verzichtet werden, so Zander. Im Rahmen der Teilkasko werden aber nur Schäden ersetzt, die durch einen Zusammenstoß mit Haarwild – etwa Wildschwein, Rehe, und Hirsche – entstanden sind. Unfälle etwa mit Vögeln, Pferden oder Ziegen sind dagegen oftmals nicht mit eingeschlossen.

Was tun bei einer Schreckreaktion?

Wird der Schaden aber nicht direkt durch das Tier verursacht, sondern durch ein Ausweichmanöver wegen einer Schreckreaktion des Fahrers, kann der Betroffene immerhin noch versuchen, so genannte Rettungskosten über die Leistung mancher Teilkaskoversicherungen einzufordern. Dann muss der Fahrer aber beweisen, dass ein Tier seinen Weg gekreuzt hatte und somit die unmittelbare Gefahr eines Zusammenstoßes bestand, erklärt Zander.

Dies setze voraus, dass Zeugen oder Fotos für den Schadenshergang beziehungsweise – im Falle einer Berührung mit dem Tier – Spuren wie Haare und Blutreste vorhanden sind. Darüber hinaus muss die Rettungshandlung auch objektiv sinnvoll gewesen sein. Bei kleineren Tieren wie Hasen, oder Füchsen ist laut Zander nach der geltenden Rechtsprechung ein selbstgefährdendes Ausweichen nicht zulässig.

Anders sei es dagegen bei Vollkasko-Versicherten, die sogar Schäden über andere Tiere wie Federvieh geltend machen können. Das könne aber wiederum zu einer höheren Prämienzahlung führen. „Bei Klein- oder Bagatellschäden, sollte man daher vorher durchrechnen, ob sich eine Schadensanzeige bei der Versicherung überhaupt lohnt“, betont der Versicherungsexperte.

Von Jessica Sippel

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