Jeden Tag ein Marathon

Sascha Privitera wandert 1000 Kilometer durch Deutschland – Station im Werra-Meißner-Kreis

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Seine Geschichte spornt ihn zu Höchstleistungen an: Sascha Privitera, hier auf der Werrabrücke zwischen Herleshausen und Lauchröden. Den Jakobsweg ging er schon, pilgerte nach Rom und an den Gardasee. Seine Reise durch Deutschland begann am 1. Mai. 

Herleshausen. Sascha Privitera ist unterwegs. Einmal quer durch Deutschland, aber vor allem zu sich selbst.  Station macht er auch im Werra-Meißner-Kreis.

Insgesamt 1000 Kilometer legt er derzeit zurück; zu Fuß und völlig auf sich allein gestellt. Gestartet ist der 36-Jährige vor zwei Wochen in List auf Sylt, nördlichste Gemeinde der Bundesrepublik; gestern machte der Oberbayer Station in Herleshausen.

Sein Ziel liegt noch rund 14 Tagesmärsche, je nach körperlicher Verfassung und Streckenverlauf, weit entfernt: „Zuhause“. In der Gemeinde Hausham (Landkreis Miesbach), den Tegernsee in unmittelbarer Nähe, will er seine Liebsten wieder in die Arme schließen: Familie, gute Freunde und vor allem seine kleine Tochter. „Das Heimweh wandert immer mit, Meter für Meter“, sagt Privitera, als Bergführer des Gesundheitszentrums Lanserhof bei bester körperlicher Kondition.

Kurz vor Göttingen sei es gewesen, als er zum ersten Mal ernsthaft ans Aufgeben dachte: Zu groß war die Sehnsucht nach der Heimat; zu unaushaltbar schienen ihm die körperlichen Blessuren der Mammuttour: die Füße voller Blasen, der Körper ausgelaugt von den kilometerlangen Tagesmärschen und den Nächten auf dem Boden seines Zelts, aufgeschlagen dort, wo immer es gerade passt. „Man lernt kleine Annehmlichkeiten des Lebens wie eine Dusche sehr zu schätzen“, sagt Sascha Privitera und schmunzelt. Ausschließlich herzliche und aufgeschlossene Leute seien ihm auf seinem Weg quer durch Deutschland begegnet, die ihm auch schon einmal mit Wasser, Lebensmitteln und einem guten Gespräch weitergeholfen hätten. Und aufgegeben hat er so selbstverständlich nicht; jeden Tag aufs Neue motiviert er sich, die Tour zu sich selbst fortzuführen.

Enorm viel Zeit zum Nachdenken bleibt auf den Streckenabschnitten von bis zu 50 Kilometern pro Tag, vorbei etwa an Eschwege und den Ringgau-Orten, „die Gedanken kreisen ausschließlich um sich und sein Innerstes“, sagt der 36-Jährige. Sicher erinnert sich der gelernte KfZ-Mechaniker auch an den folgenschweren 10. Dezember 2005: Auf der Straße verliert er die Kontrolle über seinen Wagen, überschlägt sich mehrfach; das Cabrio zerschellt. Sascha Privitera selbst wacht wenige Tage später aus dem Koma auf, kann sich nicht mehr bewegen. Diagnose: Inkomplette Querschnittlähmung; eine vollständige Heilung nahezu ausgeschlossen.

Doch Sascha Privitera kämpft sich zurück – und nimmt zunächst den Jakobsweg in Angriff. Zu Fuß, mit einer 60-prozentigen Körperbehinderung. „Am Ziel angekommen“, sagt Sascha Privitera, „war ich der glücklichste Mensch der Welt. Komplett mit mir im Reinen“. Genau wie nach der Halbzeit seiner Tour durch Deutschland.

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