MONTAGSINTERVIEW

Interview zum Abschied von Stefan Reuß: „Selbstbestimmt zu gehen ist am besten“

Verlässt das Landgrafenschloss: Stefan Reuß gibt sein Amt als Landrat des Werra-Meißner-Kreises auf und wird im neuen Jahr geschäftsführender Vorsitzender des Sparkassen-Giroverbands Hessen-Thüringen.
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Verlässt das Landgrafenschloss: Stefan Reuß gibt sein Amt als Landrat des Werra-Meißner-Kreises auf und wird im neuen Jahr geschäftsführender Vorsitzender des Sparkassen-Giroverbands Hessen-Thüringen.

Über Höhen, Krisen, Hass und Stolz: Stefan Reuß ist nur noch vier Tage Landrat des Werra-Meißner-Kreises. Im Interview mit unserer Zeitung blicken wir auf seine 15,5 Jahre im Amt zurück.

Eschwege – Reuß spricht zum Abschied über seine Funktion als Krisenmanager, warum der Landkreis und seine Menschen stolz sein sollen und wie sich die Gesellschaft in seiner Amtszeit verändert hat.

Herr Reuß, wissen Sie, was Sie mit Angela Merkel gemeinsam haben?

Nein, weiß ich nicht. Als Bundeskanzlerin hat sie auf jeden Fall vor mir angefangen, aber auch vor mir aufgehört.

Das stimmt. Sie beide mussten aber auch eine Vielzahl an Krisen managen – teilweise auch die selben.

Ja, richtig. Mit der Bankenkrise, Flüchtlingskrise und Coronakrise hatten wir beide zu tun.

Welche dieser Krisen war für Sie die Schwerste?

Eigentliche keine dieser großen Krisen. Sie waren ein globales Problem, das wir zwar auch vor Ort lösen mussten, wir konnten uns aber auf Hilfe und ein Netzwerk verlassen. Meine größte Krise war die Schieflage des Kreiskrankenhauses 2006.

Warum diese?

Weil es um die Menschen aus dem Kreis ging. Teilweise kannte man sie, begegnete sich immer wieder. Jede Entscheidung, die man traf, hatte konkrete Auswirkungen auf die Menschen und die Familien, die dahinter stehen. Das war sehr belastend – auch weil ich noch nicht lange im Amt war.

Und es gab auch im Kreistag massiven Gegenwind.

Ja, viele Abgeordnete waren der Meinung, dass ein Verkauf des Klinikums die beste Lösung sei. Ich war überzeugt davon, dass wir das Klinikum alleine retten können – wenn wir konsequent umorganisieren. Dass das Klinikum so wirtschaftlich zu führen war, hat sich glücklicherweise bestätigt.

Zwischen ihrem Amtsantritt 2006 und ihrem Ende 2021 liegen gesellschaftlich Welten. Hat sich die Welt seitdem schneller gedreht?

Manchmal empfinde ich das so. Als ich angefangen habe, war ich der erste Landrat im Landgrafenschloss, der einen Computer auf dem Schreibtisch hatte und seine E-Mails selbst beantwortet hat. Früher bin ich mit Taschen voller Akten zu Terminen gefahren, heute habe ich alles im Tablet. Gerade in meiner zweiten Amtszeit haben Digitalisierung und die ständige Erreichbarkeit noch mal zugenommen.

Welche Rolle spielen soziale Medien in ihrer Arbeit?

Eine Erhebliche. Durch sie bin ich ständig erreichbar, muss immer Rede und Antwort stehen. Durch die sozialen Medien haben sich die Umgangsformen allerdings auch radikal gewandelt. Es macht Leuten Spaß, andere aus der Anonymität heraus zu beschimpfen. Respekt, Vertrauen und soziale Kompetenzen sind dadurch auf der Strecke geblieben.

Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen?

Seit Beginn der Pandemie habe ich die Lageentwicklung durch aktuelle Zahlen auf meiner Facebook-Seite veröffentlicht. Am Ende haben sich unschöne Diskussionen unter den Posts abgespielt. Zuletzt habe ich die Kommentarfunktion abgeschaltet.

Hetze im Netz war auch der Ausgangspunkt für den Mord an Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke, der in einer ähnlichen Position wie Sie war. Was macht so eine Tragödie mit dem Menschen Stefan Reuß?

Ich bin nachdenklicher, vielleicht auch dünnhäutiger geworden. Ich habe begonnen, stärker zu hinterfragen.

Haben Sie ans Aufhören gedacht?

Nein.

Wie reagiert die Familie auf so eine Situation?

Ich habe ja immer versucht, meine Familie abzuschotten, den Landrat Stefan Reuß abzutrennen. Meine Kinder sollten so normal wie möglich aufwachsen. Manche, die meine Kinder kennen, haben nicht zugeordnet, dass ich ihr Vater bin. Für meine Frau und meine Kinder haben meine Entscheidungen keine Rolle gespielt.

Wurden Sie auch bedroht?

Ja, hauptsächlich durch Schreiben über das Internet, aber auch in der Realität. Im Frühjahr hatte ich Polizeischutz zu Hause, nachdem herausgekommen war, dass ich die Impfung angenommen hatte.

Bereuen Sie es heute, die Impfung angenommen zu haben?

Ich habe mich dafür entschuldigt. Ich glaube heute, dass es ein moralischer Fehler war. Es war in der damaligen Situation eine schnelle Entscheidung, die ich heute nicht mehr zurückdrehen kann.

Zur Person

Stefan Reuß (51) studierte nach dem Abitur 1990 in Hessisch Lichtenau Wirtschaftspädagogik in Göttingen. Er war erst wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann Dozent in Kassel. Reuß war Vorsitzender der Jusos im Kreis, von 1997 bis 2001 Mitglied in der Stadtverordnetenversammlung von Hess. Lichtenau und von 2001 bis 2006 im Kreistag. Von 2003 bis 2008 war er Unterbezirksvorsitzender der SPD Werra-Meißner. 2006 wurde er Landrat des Werra-Meißner-Kreises, 2012 und 2017 wiedergewählt. Außerdem ist er Präsident des hessischen Fußballverbands (HFV) . Am 1. Januar wird er geschäftsführender Vorsitzender des Sparkassen Giroverbands Hessen-Thüringen. Reuß ist verheiratet und Vater einer Tochter und eines Sohnes.

Stichwort Digitalisierung: Der Werra-Meißner-Kreis treibt die Digitalisierung massiv voran. Ist sie das Allheilmittel oder birgt sie auch Gefahren für die Gesellschaft?

Ich glaube, dass die Digitalisierung gesellschaftlich notwendig ist. Wir können sie nicht aufhalten. Sie hat viele positive Einflüsse, wie wir in der Pandemie gesehen haben. Auch die Verwaltung profitiert davon. Aber es lauern auch Gefahren. Negative Auswirkungen könnte sie für den Einzelhandel vor Ort haben. Das Internet kann süchtig machen. Digitalisierung ist auch eine Gefahr für die Gesellschaft. Wir müssen Bedarf und Nutzen gut abwägen.

Wie kann man entgegensteuern?

Ich glaube, dass die Vereine ein wichtiger Baustein sind. Auch sie müssen zweigleisig fahren. Sportvereine können zum Beispiel E-Sport anbieten, um die, die gerne vor der Konsole sitzen, zu erreichen und dann im gleichen Verein auch zum körperlichen Sport zu bewegen.

Hätten Sie bei Ihrem Amtsantritt 2006, als gerade das erste Teilstück der A 44 zwischen Kassel und Eisenach eingeweiht war, gedacht, dass Sie bei Ihrem Amtsende die Autobahn immer noch nicht durchgängig befahren können?

Leider ja.

Hätte eine fertige A 44 Ihre Arbeit erleichtert?

Ich denke schon. Das wirtschaftliche Leben wäre leichter geworden. Es hätte den Arbeitsmarkt entlastet. Mehr Unternehmen hätten sich in unserem Kreis niedergelassen. Früher wäre es beispielsweise einfacher gewesen, Logistik anzusiedeln. Andere Regionen wie Bad Hersfeld und Kassel haben uns vorgemacht, wie es geht. 2006 hatte auch Kassel mit Bevölkerungsrückgang zu kämpfen. Heute herrscht dort Wohnungsknappheit. Und wir können auch hier nicht profitieren, weil die Autobahn in Richtung Kassel bis zur Fertigstellung noch Jahre braucht. Nur Hessisch Lichtenau bekommt etwas von dem Boom ab.

Auch ohne Autobahn: Ihr Ziel war es immer, das Selbstbewusstsein des Kreises zu stärken. Ist Ihnen das gelungen?

Davon bin ich fest überzeugt. Das Negative musste aus den Köpfen raus. Die Menschen treten heute anders auf, sie reden nicht mehr schlecht, sondern gut über unseren Kreis. Und die, die den Mund aufmachen – im Job, im Urlaub – sind die besten Werbebotschafter.

Hat die Pandemie dem Werra-Meißner-Kreis genutzt?

Der ländliche Raum erlebt ein Revival. Das ist schön zu sehen, dass sich Menschen vorstellen können, auf dem Land zu leben, zu arbeiten. Auch touristisch haben wir in den vergangenen Monaten profitiert.

Sie wagen den entgegengesetzten Schritt und verlassen beruflich den Werra-Meißner-Kreis, um geschäftsführender Vorsitzender des Sparkassen Giroverbands Hessen-Thüringen zu werden. Werden Sie in der Kommunalpolitik weiter mitmischen?

Ich möchte jetzt erst mal Abstand gewinnen. Es ist gut, dass in nächster Zeit keine Wahlen anstehen. Aber auch eine Mitgliedschaft im Kreistag käme für mich nicht infrage. Ich würde immer nach meiner Meinung gefragt werden. Aber ich möchte keine Ratschläge erteilen. Man soll mir nicht nachsagen, ich sei ein Besserwisser. Nichtsdestotrotz bleibe ich ein politischer Mensch.

Glückwunsch an die Nachfolgerin: Noch-Landrat Stefan Reuß übergibt das Amt am 1. Januar an Nicole Rathgeber, Kandidatin der Freien Wähler.

Welchen Ratschlag geben Sie Ihrer Nachfolgerin Nicole Rathgeber mit?

Keinen. Das verbietet sich. Jeder muss seine eigene Persönlichkeit entwickeln. Sie kann mich aber immer fragen. Das haben wir bei der Einarbeitung in den vergangenen Wochen auch so gemacht.

Welchen Eindruck haben Sie in dieser Zeit von Ihrer Nachfolgerin gewonnen?

Sie ist motiviert und engagiert. Sie wird das gut machen. Wir haben einen guten Draht zueinander gefunden.

Sie waren in den vergangenen Wochen ja auf Abschiedstour und haben viele lobende Worte über sich gehört. Was hat Ihnen am besten gefallen?

Häufig wurde gesagt, dass ich sachlich-ruhig bin, nicht aufbrausend und immer gut vorbereitet. Das hat mir gefallen. Eine Mitarbeiterin bedankte sich jetzt, dass man sich immer an mich wenden konnte. Mir war es wichtig, alle 600 Mitarbeiter mit Namen ansprechen zu können.

Nach so viel Lob: Bereuen Sie Ihre Entscheidung zu gehen?

Der Zeitpunkt jetzt ist richtig. Selbstbestimmt zu gehen, und nicht abgewählt zu werden ist am besten. 84 Prozent bei der letzten Wiederwahl sind eine gute Bestätigung. Viele finden es schade, können meine Entscheidung aber verstehen. Das ist gut so.

Von Tobias Stück

Stefan Reiß blickt auf sein Amt als Landrat zurück. Er blickt auch positiv in die Zukunft und hofft auf Normalität, wie er gegenüber unserer Zeitung erklärte.

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