Ehrenamt

Tod als Teil des Lebens betrachten: Hospizbegleiter sprechen offen über ihr Ehrenamt

Sie sind für die Menschen da, bei denen der Tod gewiss ist: Die Hospizbegleiter Gabriele Boschen (64) und Michael Kruse (66) sprachen im Sophiengarten in Eschwege mit uns über ihr Ehrenamt.
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Sie sind für die Menschen da, bei denen der Tod gewiss ist: Die Hospizbegleiter Gabriele Boschen (64) und Michael Kruse (66) sprachen im Sophiengarten in Eschwege mit uns über ihr Ehrenamt.

Die letzten Schritte des Lebens muss niemand alleine gehen. Zwei Hospizbegleiter sprechen über ihr Ehrenamt und ihren Umgang mit dem Tod.

Eschwege – Der Tod ist etwas, mit dem die wenigsten Menschen konfrontiert werden wollen. Man meidet das Thema, will am liebsten nicht einmal darüber nachdenken, wie es ist, wenn es bei Nahestehenden oder einem selbst einmal so weit sein sollte – im Idealfall erst im hohen Alter, nach einem glücklichen Leben, friedlich einschlafend zu Hause, umgeben von den Liebsten, die in Ruhe Abschied nehmen.

Dass dies aber nicht immer so abläuft, wissen die Hospizbegleiter Gabriele Boschen und Michael Kruse. In ihrem Ehrenamt stehen die beiden jenen Menschen zur Seite, die im Sterben liegen. Zum Beispiel, wenn es bei einer Krankheit keine Chance mehr auf eine Heilung gibt. „Wenn wir kommen, ist der Tod gewiss. Wir machen einander nichts mehr vor“, sagt Michael Kruse nüchtern. Die meisten Patienten haben bereits ein höheres Alter erreicht.

Aufbau einer tiefen Vertrauensbasis

Manchmal werden die Hospizbegleiter erst kurz vor dem Sterbefall gerufen, berichten sie. Oft begleiten sie die Menschen aber auch über mehrere Wochen, manchmal Monate. In einem Fall sind es sogar bereits mehrere Jahre. In jedem Fall aber versuchen sie, eine Bindung zu den Menschen aufzubauen. Es entsteht eine Vertrauensbasis, wo man sich einander öffnet. Es geht einfach um das Dasein. Um die Fürsorge. „Auch wir nehmen aus jeder einzelnen Betreuung viel mit und können von den Menschen lernen“, sagt Kruse.

Vor allem geht es den Hospizbegleitern darum, das Sterben so zu gestalten, wie es sich die Menschen wünschen. Den Sterbenden soll ein selbstbestimmter und würdevoller Abschied ermöglicht werden.

„Wenn man weiß, wie jemand gelebt hat, kann man auf die Bedürfnisse eingehen“, erklärt Gabriele Boschen, die seit 15 Jahren Hospizbegleiterin ist. Sei es ein gemeinsamer Spaziergang im Wald, ein Brettspiel, Rätselraten oder nette Gespräche. „Wenn jemand gar nicht mehr sprechen kann, lese ich oft etwas vor oder spiele die Lieblingsmusik“, erzählt Gabriele Boschen. Manchmal reiche es auch, einfach die Hand zu halten, weiß sie. Im Awo-Seniorenzentrum arbeitete die 64-Jährige zuvor bereits als Betreuungsassistentin.

„Wir versuchen, die letzte Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten“, erklärt Michael Kruse. Der Urologe im Ruhestand hatte durch seine Tätigkeit auch beruflich mit Krankheit und dem Sterben zu tun. „Man lernt, mit dem Tod umzugehen und sich davon abzugrenzen“, weiß er. Wichtig beim Begleiten Sterbender ist, die Waage zu halten: „Man muss aufpassen, das bei Sterbefällen nicht auch ein Stück von uns selbst mitgeht“, ergänzt Gabriele Boschen. Gleichzeitig darf man aber auch nicht abstumpfen, sondern muss für jeden Menschen viel Mitgefühl aufbringen.

Schmerzen und Ängste nehmen die Hospizbegleiter ernst. Dazu gehöre auch, wenn es zwischen dem zu Begleitenden und dem Begleiter mal nicht passt und ein Wechsel gewünscht wird. Die Koordinatorinnen im Vorfeld versuchen, stets einzuschätzen, wer zu wem gut passt.

Hospizbegleiter helfen auch angehörigen - und einander

Die Hospizbegleiter sind aber nicht nur für die Sterbenden da. „Den Angehörigen hilft es oft sehr, wenn sie einfach mal für eine Stunde Auszeit nehmen können, wenn es zu viel wird. In der Zeit, wenn wir da sind, können sie neue Energie schöpfen“, sagt Michael Kruse. Ist der geliebte Mensch gegangen, spenden die Hospizbegleiter den Hinterbliebenen Trost. „Keiner muss allein bleiben“, sagt Kruse.

Alle vier Wochen trifft sich das ganze Team der Hospizbegleiter. Denn auch sie müssen die Ereignisse immer wieder verarbeiten. „Auch wir trauern um die Menschen“, sagt Kruse.

Für jeden Verstorbenen zünden sie eine Kerze an, der jeweilige Begleiter spricht ein letztes Mal ein paar Worte über den Menschen, der gegangen ist. Dann nehmen sie gemeinsam Abschied. „Und dann ist das auch okay“, sagt Michael Kruse schlicht. „Wir müssen den Tod als Teil des Lebens betrachten und akzeptieren, dass er dazugehört. »  TEXT UNTEN

Von Jessica Sippel

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