Denkmal in Eschwege

Warum steht seit 110 Jahren im Park an den Oberen Anlagen ein Jahn-Denkmal?

Der von der Stadt Eschwege gestiftete Jahn-Gedenkstein in den Anlagen wurde am 11. Juni 1911 eingeweiht. Im Bild die festlich gekleideten Mitglieder des TV 1861, der sein 50-jähriges Vereinsjubiläum beging. Rechts auf dem Tellgmann-
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Der von der Stadt Eschwege gestiftete Jahn-Gedenkstein in den Anlagen wurde am 11. Juni 1911 eingeweiht. Im Bild die festlich gekleideten Mitglieder des TV 1861, der sein 50-jähriges Vereinsjubiläum beging.

Vor 110 Jahren wurde Turnvater Jahn in den Oberen Anlagen in Eschwege ein Denkmal gewidmet. Der Sport befand sich auf seinem Höhepunkt. Doch der Fußball kam mit großen Schritten.

Werra-Meißner – Die Chroniken der Region berichten in vielen interessanten Kapiteln darüber, wie sich im 18. und 19. Jahrhundert in Eschwege und im Werratal die Menschen immer mehr für die damals immer schneller wachsenden Sportbewegung begeisterten, viele neue Vereine gründeten und den Sport als neuen wichtigen Teil ihres Lebens akzeptierten. Zwischen Turnern und Fußballern kam es zu Eifersüchteleien und Streitgesprächen kam. Warum? Wir haben nachgeforscht.

Turnen kontra Fußball

Unbestritten ist, dass die Turnbewegung in Eschwege und in der Region schon Mitte des 18. Jahrhunderts hohes Ansehen in der Bevölkerung genoss. Das heute so beliebte Fußballspiel fasste im heimischen Raum erst ab 1907 Fuß. Aber die Fußballer hatten es gegen die schon seit 1848 in Eschwege aktiven Turner sehr schwer, die die neue aus England importierte Sportart Fußball recht kritisch betrachteten. Um ihre Mitglieder und führende Stellung fürchtend, wiesen die Turner laut der Aufzeichnungen, dabei etwas einseitig argumentierend, in vielen Streitgesprächen auf die längere Tradition und den „erzieherischen Wert des Turnens“ hin, gingen mit dem Fußballsport recht kritisch um. Sie bezeichneten ihn als „Pöbelsport“ und „Kriegsersatz“ und degradierten die Aktiven zu „hirnlosen Fußstoßkünstlern“, wie in einer Chronik zu lesen ist. Es dauerte einige Zeit, ehe sich die Turner von dieser Ausdrucksweise verabschiedeten, auch den Fußball akzeptierten.

Die Fußballer ließen sich aber nicht einschüchtern. Die Entwicklung beider Sportarten in der Vergangenheit spricht außerdem eine andere, eine deutliche Sprache. Fußball hat sich auch in der Region zum Volkssport entwickelt, die Turnerei im eigentlichen Sinne an Reck und Barren hingegen läuft im Rückwärtsgang. Eine Ausnahme in Eschwege: In den Jahren 1969 bis 1985 gehörten die von Herbert Fritsche trainierten ETSV-Kunstturnerinnen zur hessischen Spitze, erkämpften sogar auf Bundesebene Titel und Medaillen.

1848 erster Turnverein

Im Werratal ist die Kreisstadt Eschwege Vorreiter in der Turnbewegung. Durch Turnvater Friedrich Ludwig Jahn und den 1811 von ihm gegründeten ersten deutschen Turnplatz in der Berliner Hasenheide ermutigt, breitete sich die Turnbewegung trotz politischer Verfolgung schnell in allen deutschen Teilstaaten aus. In Eschwege gründete sich bereits 1848 die „Turngesellschaft zu Eschwege“, die schon 1849 ein Turnfest auf dem Leuchtberg ausrichtete. Nach Konflikten mit der kurhessischen Regierung wegen eines politischen Flugblattes musste sich der Club aber auflösen. Einige Jahre später, am 5. Juni 1861, dann die Gründung des Turnvereins 1861 Eschwege, der unter dem Vorsitzenden Friedrich Wilhelm Döhle seine erste Blütezeit erlebte. Aber auch in Bad Sooden-Allendorf, Witzenhausen und Wanfried (1862) gründeten sich Turnvereine. Der TV 1861 ist somit Vorgängerverein des nach einigen Fusionen entstandenen heutigen Eschweger TSV 1848.

Ab 1907 Fußball

Am 20. Juni 1907 endete die fußballlose Zeit auch in Eschwege, als sich im FC Borussia Eschwege die Sportler sammelten, die sich trotz der negativen Stimmen aus dem Turnerlager für das neuartige Ballspiel begeisterten. Der FC Adler Eschwege (1909) war der zweite Verein, der auf dem Spielplatz Werdchen dem Leder nachjagte und sogar der zweite Eschweger Turnverein, der TV Jahn, gründete eine Fußballabteilung. Nach dem 1. Weltkrieg waren es dann schon acht Fußballclubs in Eschwege, die sich 1920 zur Spielvereinigung 07 zusammenschlossen. Rasant die Entwicklung des Fußballs in den folgenden Jahren.

Bernhardt Engelhardt brachte das Turnwesen voran

Ein Mann hat in der Turnbewegung der Region bleibende Spuren hinterlassen und sich in der hessischen Turngeschichte einen Ehrenplatz gesichert: Bernhard Engelhardt (geb. 1865 in Kassel, gest. 1956 in Eschwege). Als Turn- und Schwimmlehrer unterrichtete Engelhardt zunächst an der Knabenbürgerschule, von 1895 bis 1930 als Elementar- und Turnlehrer an der FWS. Engelhardt war 34 Jahre (1899-1933) Vorsitzender des TV 1861. Als Vorsitzender des Turngaus Werra (1894-1919) gründete er das Meißner-Bergturnfest. In seiner 25-jährigen Amtszeit stieg die Zahl der Vereine im Werragau von vier auf 57.

Landesweit bekannt wurde Engelhardt aber als Vorsitzender des VII. Deutschen Turnkreises Oberweser (1914-1933), dem Vereine von Göttingen bis Fulda angehörten. Auch Eschweger Vereine. Unumstritten war Engelhardt aber nicht. In die Kritik geraten war Engelhardt wegen seiner politischen Tätigkeiten während des Nationalsozialismus. Er vertrat offen NS-Gedankengut – so auch in der 1938 erschienenen Schrift „Geschichtliches über den 7. Deutschen Turnkreis“. In Eschwege wurde 1950 eine Straße nach ihm benannt. (sf)

Das Jahn-Denkmal von 1911

Für die Eschweger Turnvereine war das Jahr 1911 ein ganz besonderes. Vor 110 Jahren, am 11. Juni, feierte der TV 1861 sein 50-jähriges Stiftungsfest. Der TV 1861 war aber auch Ausrichter des 16. Kreisturnfestes der VII. deutschen Turnkreises Oberweser und weihte am 11. Juni das Jahn-Denkmal in den Oberen Anlagen ein, wo es heute noch steht. Dieser Tag jährte sich in der vergangenen Woche zum 110. Male. Die Stadt stiftete den Gedenkstein zur Erinnerung an die Begründung des Turnens auf der Berliner Hasenheide durch Friedrich Ludwig Jahn.

Das Jahn-Denkmal heute: Auf der Rückseite des Gedenksteines stehen das Turner-Kreuz und der Hinweis der Stiftung durch die Stadt Eschwege und den TV 1861.

Bei einer Vorfeier im Stadtpark begrüßte Vorsitzender Bernhard Engelhardt Bürgermeister Vocke und viele Gäste aus dem Turnkreis Oberweser und aus den Eschweger Vereinen. Am Sonntag bewegte sich die festlich gekleideten Turner in einem stattlicher Festzug zum Jahnstein, wo Superintendent Hocke die Weiherede hielt. Auch Vorsitzender Engelhardt würdigte Jahns Wirken und übergab den Gedenkstein der Stadt Eschwege, den Bürgermeister Vocke übernahm. Gemeinsamer Gesang und niedergelegte Kränze beendeten die Feier.

Bernhardt Engelhardt, Vorsitzender des Turngaus Werra (1894-1919)

Im großen Festzug am Nachmittag zum Leuchtberg wurden die drei Fahnen des TV 1861 mitgeführt. Die älteste, die schwarz-rot-goldene Fahne, trug das Vereinsmitglied Fr. Mangold, der schon Mitglied im ersten Verein TV 1848 war. (Siegfried Furchert)

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