1. Startseite
  2. Lokales
  3. Witzenhausen
  4. Eschwege

Eschwege: Keiner will ihre Praxis übernehmen

Erstellt:

Von: Tobias Stück

Kommentare

Sucht bereits seit März: Sigrun Kazalla will ihre Hausarztpraxis in Eschwege zum 31. Januar abgeben. Viele Interessenten scheuen aber das Risiko.
Sucht bereits seit März: Sigrun Kazalla will ihre Hausarztpraxis in Eschwege zum 31. Januar abgeben. Viele Interessenten scheuen aber das Risiko. © Tobias Stück

Allgemeinmedizinerin Sigrun Kazalla beschreibt schwierige Nachfolge-Suche

Eschwege – Die Entscheidung, ihre Praxis aufzugeben, ist Sigrun Kazalla nicht leicht gefallen. 18 Jahre lang hat sie jede Menge Herzblut und Arbeit in ihr Unternehmen gesteckt. Gesundheitliche Gründe zwingen die Allgemeinmedizinerin jetzt, ihre Hausarztpraxis abzugeben – doch die 63-Jährige findet keinen Nachfolger. Niemand will die Praxis mit 2500 Patienten haben.

Bereits seit März ist Sigrun Kazalla dabei, die Praxis auf dem Markt anzubieten. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) hat sie eingeschaltet, den Werra-Meißner-Kreis, zahlreiche Kollegen. In Fachmagazinen und auf Onlineportalen hat sie Anzeigen geschaltet. Die Resonanz war mäßig. „Das meiste ging über Mund-zu-Mund-Propaganda“, erzählt die Medizinerin. Zu drei, vier persönlichen Gesprächen sei es gekommen, dazu ein paar Telefonanrufe. Ergeben hat sich daraus nichts. „Ich habe befürchtet, dass eine Nachfolge schwer würden werde. Mit solchen Schwierigkeiten habe ich nicht gerechnet.“

Dabei ist die Praxis in bester Kreisstadtlage attraktiv. Vor der Tür hält ein Bus, die Räume sind barrierefrei, Parkplätze gibt es auch. 2018 wurde zuletzt renoviert, die Geräte in den drei Behandlungsräumen sind auf aktuellem Stand. Zusammen mit ihrem Mann und drei medizinischen Fachangestellten organisiert sie die Praxis. Im Urlaub wird sie von Kollegen vertreten.

1200 Patienten kommen im Quartal zu ihrer Hausärztin an der Augustastraße. Viele sind aus dem Quartier, in den vergangenen Jahren hat sie aber auch Patienten aus Gegenden aufgenommen, in denen Hausärzte abgewandert sind: Sontra, Ringgau, Wanfried und aus Thüringen. Viele sind schon älter. „Für sie tut es mir besonders leid“, sagt Sigrun Kazalla. Sie weiß, dass ältere Patienten es schwer haben, bei anderen Hausärzten unterzukommen. Alle Praxen in der Umgebung arbeiten bereits am Limit. Zum 31. Januar wird sie ihre Praxis schließen. Zurzeit ist keine Nachfolge in Sicht.

Junge Kollegen haben sich auf ihr Angebot – übrigens kostenlos – überhaupt nicht gemeldet. Die meisten waren 40 und älter. Am Ende haben auch sie abgesagt – mit den klassischen Argumenten. „Das Risiko ist allen zu hoch“, berichtet Kazalla aus den Gesprächen. Ihnen fehle betriebswirtschaftliche Erfahrung. Die Mediziner hätten Angst vor der Eigenständigkeit, sich als Arbeitgeber um Mitarbeiter kümmern zu müssen, wenig Freizeit, dafür aber einen hohen Arbeitsaufwand zu haben. Dabei unterstützt die KVH bereitwillige Mediziner. Dazu zählen Niederlassungszuschüsse und eine Honorargarantie für Mediziner, die bereit sind, sich in Gebieten mit besonderem Versorgungsbedarf anzusiedeln. Die KVH unterstütze zudem bei der Kinderbetreuung und gewähre Umzugszuschüsse für angehende Landärzte. Für die Praxis von Sigrun Kazalla werden dem neuen Hausarzt neben der Ausstattung und dem Patientenstamm noch 66 000 Euro in Aussicht gestellt.

Mit dem Werra-Meißner-Kreis ist Sigrun Kazalla schon im Gespräch. „Die Zuständigkeit für die ambulante ärztliche Versorgung liegt bei der KV, der Landkreis kann nur unterstützen“, sagt die zuständige Beraterin beim Kreis, Anja Fett. Mit der Initiative Land.Arzt.Leben bietet der Landkreis jungen Medizinern Stipendien, Praktika und Teilzeitstellen an. In dem Newsletter hat die Ärztin mehrfach kostenlose Anzeigen geschaltet. Mit den Universitäten in Marburg und Göttingen stehen sie in engem Austausch. Über sogenannte Landtage werden jungen Medizinern die Vorzüge der Region nähergebracht.

Ein Modell, wie es seit Jahren schon im Lahn-Dill-Kreis praktiziert wird (siehe Hintergrund), könnte nach Sigrun Kazallas Angaben auch Ärzte in den Werra-Meißner-Kreis lotsen. Von Tobias Stück

Auch interessant

Kommentare