Was im Leben wirklich zählt

„Bevor ich sterbe“-Projekt: Hospizgruppe und Künstler wollen zum Nachdenken anregen

„Bevor ich sterbe, möchte ich“: Mit dem Tafel-Kunstprojekt will die Hospizgruppe Eschwege zusammen mit den Künstlern Stephan Küster und Erhard Scherpf (von rechts) die Menschen zum Nachdenken über ihr eigenes Leben anregen.
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„Bevor ich sterbe, möchte ich“: Mit dem Tafel-Kunstprojekt will die Hospizgruppe Eschwege zusammen mit den Künstlern Stephan Küster und Erhard Scherpf (von rechts) die Menschen zum Nachdenken über ihr eigenes Leben anregen.

Mit dem interaktiven Kunstprojekt „Bevor ich sterbe, möchte ich“, wollen die Hospizgruppe Eschwege mit zwei Künstlern die Menschen zum Nachdenken anregen.

Eschwege – „Bevor ich sterbe, möchte ich sorgenfrei sein. Bevor ich sterbe, möchte ich mir verzeihen. Bevor ich sterbe, möchte ich meine Enkel aufwachsen sehen.“ Über seinen eigenen Tod möchten die meisten Menschen eigentlich gar nicht erst nachdenken. Gerade das ist aber sehr wichtig. Ein interaktives Kunstprojekt mitten in der Eschweger Fußgängerzone soll dazu anregen, über das Leben und die eigene Endlichkeit nachzudenken.

„Bevor ich sterbe, möchte ich“ ist der zentrale Satz, den viele Passanten auf den schwarzen Tafeln seit der Eröffnung am Mittwoch bereits vervollständigt haben. Immer wieder sind Menschen zu beobachten, die interessiert an dem Werk stehen bleiben, sich die Worte der Vorgänger durchlesen und selbst etwas hinzufügen. Viele wünschen sich zum Beispiel Gesundheit für die Familie, Frieden auf der Welt oder auch Kleinigkeiten, wie Reisen oder einen bestimmten Konzertbesuch.

Kunstprojekt derzeit im Stad

Bis zum 29. September bleibt das Projekt in der Eschweger Fußgängerzone vor der Deutschen Bank bestehen.

„Es geht darum, innezuhalten und zu überlegen, was einem im Leben wirklich wichtig ist“, erklärt Lena Sickmann vom Vorstand der Hospizgruppe Eschwege, die seit ihrer Gründung im Schnitt 60 Menschen pro Jahr am Ende ihres Lebens begleitet. „Unsere Hospizbegleiter versuchen stets herauszufinden, was die Menschen sich wünschen, bevor sie sterben“, sagt Sickmann. Dass man sich nicht erst mit diesem Gedanken beschäftigen sollte, wenn der Tod bevorsteht, soll das Kunstprojekt in Erinnerung rufen.

Deswegen hat der Verein sein 25-jähriges Jubiläum zum Anlass genommen, die beiden Künstler und Projektmanager des Tafel-Konzepts, Erhard Scherpf aus Bad Zwesten und Stephan Küster aus Homberg/Efze, nach Eschwege zu holen. Die Menschen sollen den Blick dafür entwickeln, dass sie ihre Träume, Wünsche und Vorhaben nicht in eine ferne Zukunft aufschieben sollten.

„Bevor ich sterbe, möchte ich, dass sich alle Menschen vertragen“: Jeder darf an die Tafel schreiben.

Denn ehe man sich versieht, kann ein einziger Moment über Leben und Tod entscheiden. So war es auch bei dem Künstler Erhard Scherpf, dessen Leben sich am 14. März 2003 schlagartig änderte, wie er erzählt.

Nach einem schweren Motorradunfall habe er tagelang im künstlichen Koma gelegen, es folgten zahlreiche Operationen und Reha-Aufenthalte. Nach anderthalb Jahren im Rollstuhl schaffte Scherpf es jedoch wieder auf die Füße. Seit dem sei er ein anderer Mensch. Auch sein an Krebs erkrankter Kollege Stephan Küster berichtet, wie er seit seiner Diagnose die Welt mit anderen Augen sieht.

Ihre eigenen Schicksalsschläge treiben die beiden Künstler an, die Menschen inspirieren zu wollen. „Verwirkliche deine Vorhaben jetzt, verschwende deine Zeit nicht“, betont Scherpf. Der Gedanke an den Tod soll aber keine Angst machen, sondern eher als heilsamer Schrecken dienen. Er soll wachrütteln.

Zweimal am Tag werden die Tafeln abfotografiert, bevor sie gesäubert werden, um für neue Wünsche wieder Platz zu machen. Seine Herzenswünsche kann man außerdem kostenlos auf einer Postkarte notieren und in den aufgestellten Briefkasten an der Deutschen Bank in Eschwege einwerfen. Diese werden dann auch im Schaufenster ausgestellt.

Kunstprojekt „Before I die“ in 78 Ländern umgesetzt

Das Kunstprojekt „Before I die“ (übersetzt: „Bevor ich sterbe“) hat die US-amerikanische Künstlerin Candy Chang im Jahr 2011 in New Orleans ins Leben gerufen. Anlass war damals für sie der Tod eines ihr nahestehenden Menschen. Sie setzte sich mit ihrem eigenen Leben und dem Tod auseinander und verarbeitete alles in einem Kunstprojekt: Sie bestrich in der Nachbarschaft ihrer Heimatstadt ein verlassenes Haus mit Tafelfarbe, schrieb ihre Gedanken auf und ließ Platz für die Gedanken anderer. Das Projekt zieht seine Kreise, 5000 mal wurde es bisher auf sechs Kontinenten in 78 Ländern umgesetzt: unter anderem in China, Indien, Kenia, Australien, Frankreich und Österreich. In Deutschland standen solche Tafeln etwa in Berlin, München, Kassel, Göttingen und nun in Eschwege. 

Von Jessica Sippel

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