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Nicole Rathgeber ist seit einem Jahr Landrätin des Werra-Meißner-Kreises

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Von: Tobias Stück

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Einer von Hunderten von Terminen im ersten Jahr: Beim Nachbarschaftsfest des Berliner Partnerbezirks Tempelhof-Schöneberg stößt Landrätin Nicole Rathgeber mit Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann am Infostand des Kreises mit einem Mohneierlikör angestoßen.
Einer von Hunderten von Terminen im ersten Jahr: Beim Nachbarschaftsfest des Berliner Partnerbezirks Tempelhof-Schöneberg stößt Landrätin Nicole Rathgeber mit Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann am Infostand des Kreises mit einem Mohneierlikör angestoßen. © Werra-Meißner-Kreis/nh

Im Montagsinterview blickt Landrätin Nicole Rathgeber auf zwölf ereignisreiche Monate zurück.

Eschwege – Exakt ein Jahr ist Landrätin Nicole Rathgeber im Amt. Viel Schonzeit hatte sie nicht. Die vergangenen zwölf Monate waren ereignisreich. Wir sprachen mit ihr über Ukraine-Flüchtlinge, Energiekrise, Zwist in der eigenen Partei, die Umgestaltung der Verwaltungsstrukturen und einem fehlenden Stellvertreter namens Erster Kreisbeigeordneter.

Frau Rathgeber, vor zwei Jahren hatten sie noch überhaupt kein politisches Amt, wurden dann Ortsvorsteherin von Grebendorf, ein halbes Jahr später Landrätin. Gab es schon mal eine Zeit in ihrem Leben, die so schnell verflogen ist?

Nein, noch nie. Aber ich fühle mich jetzt angekommen. Gerade das vergangene Jahr hat dazu beigetragen, weil wir es geschafft haben, für die Krisen Lösungen auf den Weg zu bringen.

Was war die größte Herausforderung in ihrem ersten Amtsjahr?

Ganz klar die Ukraine-Krise und die anschließende Energiekrise. Beides war und ist eine immense Herausforderung. Dass es eine Pandemie gibt, war mir bei meinem Amtsantritt klar. Niemand hat aber geglaubt, dass im Februar mitten in Europa ein Krieg ausbricht, der auch Auswirkungen auf den Werra-Meißner-Kreis haben wird.

Schon im März kamen die ersten Flüchtlinge in den Landkreis. Tag für Tag wurden es mehr. Waren Sie immer Herrin der Lage?

Das Flüchtlingsthema hatte eine unglaubliche Dynamik. 2015 wurden uns die Flüchtlinge beispielsweise zentral zugewiesen, jetzt wurden sie teilweise privat abgeholt, sodass man nicht wusste, wie viel Menschen gerade ankamen. Teilweise waren 1000 geflüchtete Ukrainer im Kreis. Es gab dazu ein Kompetenzgerangel zwischen Kommunen und dem Werra-Meißner-Kreis.

Ich gebe zu, dass wir kurze Zeit hinter der Lage waren. Dann haben wir es aber als Team geschafft, alles zu regeln. Aber ohne die vielen Menschen, die sich ehrenamtlich engagiert haben und dies zum Teil bis heute tun, wäre manches nicht so schnell gelungen und die Ankunft und Integration vieler Flüchtlinge nicht so zügig und gut gelungen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Der Flüchtlingswelle folgte die Diskussion um Energieeinsparungen. Gerade für Sportvereine wurden unpopuläre Entscheidungen, Stichwort: „kalt duschen“, getroffen. Dabei wollten Sie den Sport doch besonders fördern?

Energiesparen fällt uns allen schwer, muss in der aktuellen Lage aber sein. Das gilt auch für die Sportvereine als Teil unserer Gesellschaft. Der Werra-Meißner-Kreis hat genauso Maßnahmen ergriffen, wie alle anderen Landkreise, mit denen ich mich ausgetauscht habe, auch. Wir haben es den Vereinen noch mal persönlich erklärt. Die Wassertemperatur in den Duschen haben wir ja auch wieder hochgesetzt.

Was haben Sie den Vereinen erklärt?

Dass man freiwillige Veranstaltungen reduzieren sollte, Trainingszeiten und Serienspiele zusammenlegen sollte und das Energiesparen auch in Zukunft ein Thema bleiben wird. Wir wollen nichts verbieten, müssen aber sensibilisieren und es im nächsten Jahr noch besser machen.

Die Krisen haben die Umgestaltung der Verwaltungsstrukturen scheinbar in den Hintergrund rücken lassen. Was ist aus dem Wahlversprechen geworden, innovativer und digitaler zu werden?

Wir sind auf einem sehr guten Weg. Im ersten halben Jahr habe ich mir angeschaut, wie hier gearbeitet wird. Im Sommer gab es eine Mitarbeiterbefragung. Anfang Dezember habe ich dann in fünf Mitarbeiterversammlungen im E-Werk alle Kollegen informiert.

Was waren die Ergebnisse?

Wir wollen zunächst einmal besser informieren. Zweimal im Jahr wird es jetzt einen Aus- bzw. Rückblick für die Mitarbeiter geben. Das Intranet wird überarbeitet. In der Digitalisierung wollen wir bis zum Frühjahr einen deutlichen Schritt weiterkommen und die E-Akte eingeführt haben. Ab nächstem Jahr geht es dann weiter. Insgesamt müssen wir die Verwaltung so umstrukturieren, dass wir mehr Synergien schaffen.

Was heißt das konkret?

Wir werden die Dezernate umverteilen. Der Fachbereich Jugend, Familie, Senioren und Soziales, mit 130 Mitarbeitern unsere größte Abteilung, wird beispielsweise aufgeteilt. Ab 1. Januar wird es einen Fachbereich „Soziales und Senioren“ und einen Fachbereich „Jugend und Familie“ geben. Dadurch erhoffe ich mir mehr Fokussierung. Für den Fachbereich „Soziales und Senioren“ suchen wir jetzt noch eine Leitung.

Im Kreistag haben Sie erst 44 neue Stellen gefordert, am Ende wurden es 28. Das hat bei den Abgeordneten für wenig Begeisterung gesorgt.

Weil es ein Novum in der Kreisverwaltung war. Das hat es in den vergangenen Jahren nicht gegeben. Im Vergleich mit anderen Kreisverwaltungen in Hessen haben wir zuletzt deutlich weniger eingestellt. Diese Positionen sind aber keine Spielmasse, sondern werden dringend benötigt. Ohne Neueinstellungen werden wir handlungsunfähig.

Woran liegt das?

Für den Fachbereich Soziales stehen beispielsweise große Reformen an, die wir umsetzen sollen. Das Bürgergeld wurde beschlossen, außerdem gibt es die Wohngeld-Plus-Reform. Es wird eine Flut von Anträgen geben, die wir bearbeiten müssen. Weil wir nach dem Ende des Kalten Kriegs alle von einem friedlichen Zusammenleben in Europa ausgegangen sind, ist 30 Jahre im Zivil- und Katastrophenschutz nur wenig passiert. Der muss jetzt neu aufgebaut werden.

Sie haben die Umverteilung der Dezernate angesprochen: Heißt das, dass der oder die neue Erste Kreisbeigeordnete sich auf andere Aufgaben als Dr. Wallmann einstellen muss?

Ja. Der Erste Kreisbeigeordnete wird sich zukünftig um die Fachbereiche Soziales und Senioren, Revision, Gesundheit und Verbraucherschutz, Bauen und Umwelt sowie Klimaschutz kümmern. Meine Aufgaben sind dann die Verwaltungsleitung, der neue Fachbereich ländlicher Raum, Jugend und Familie, Aufsicht, Personal, Finanzen sowie Bildung.

Die Stelle des Ersten Kreisbeigeordneten ist nach der Wahl-Posse im Kreistag, als es bei der Abstimmung mehrfach zum Patt gekommen war, nach wie vor vakant. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Dass alle Themen des Ersten Kreisbeigeordneten jetzt auch auf meinem Schreibtisch landen. Das war ein enormes Pensum in den vergangenen Wochen, weil man nicht alle Themen delegieren kann. Höchstens an die Mitglieder des Kreisausschusses. Man muss aber daran denken, dass alle ehrenamtlich arbeiten. Sie dürfen auch nicht überfordert werden.

Nicht nur bei Wahl zum Ersten Kreisbeigeordneten herrschte Uneinigkeit, auch in Ihrer eigenen Partei gab es Zwist. Der Partei- und Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, Dr. Claus Wenzel, hatte wegen Unstimmigkeiten mit Ihnen sogar hingeworfen. Hat das von Ihrer eigentlichen Arbeit abgelenkt?

Dieser Streit hat mich persönlich viel Nerven und Kraft gekostet, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht hatte. Das hätte nicht passieren dürfen, dass der innerparteiliche Konflikt öffentlich wird. Für mich ist der Konflikt verarbeitet und ich konzentriere mich wieder voll auf die Kreisverwaltung.

Wenzel hatte Ihnen vorgeworfen, zu wenig eigene Ideen in die Fraktionsarbeit eingebracht zu haben. Müssen Sie sich den Schuh anziehen?

Die Ideen waren da. Sie sind halt nicht in Anträgen gemündet, weil wir uns zu sehr mit innerparteilichen Scharmützeln aufgehalten haben. Wir haben uns in der Fraktion auf einen Neustart geeinigt. Die Arbeit macht jetzt wieder Spaß und es wird auch Ergebnisse geben.

Welche Ergebnisse können Sie denn zum Thema „Wirtschaftsregion sichern“ präsentieren, wie Sie es vor Ihrer Wahl versprochen haben?

Zurzeit machen uns die Unternehmensnachfolgen Sorgen. Hier müssen wir Lösungen auf den Weg bringen. Natürlich hängt das auch mit einem Mangel an Arbeitskräften und Fachkräften zusammen. Das wird uns noch auf Jahre beschäftigen. Deswegen müssen die Betriebe mehr ausbilden.

Dafür muss man aber guten Nachwuchs finden. Wir sind dabei, die Wirtschaftsförderungsgesellschaft zu stärken. Durch das Werra-Meißner-Lab ist uns das schon mal gelungen. Das ist ein echtes Leuchtturmprojekt. Der Branchenmix ist nach wie vor gut, auch Start-Ups siedeln sich an.

Die Digitalisierung auf dem Land schreitet voran. Wie sieht es in den Schulen aus, wo der gute Nachwuchs ja ausgebildet wird.

Die Digitalisierung in den Schulen ist elementar. Deswegen haben wir im Dezember den neuen Fachdienst Schul-IT gegründet. Er sorgt dafür, dass das Geld aus dem Digitalpakt Schule schnell investiert wird. Ich will aber ehrlich sein: Es könnte besser laufen.

21 Schulen sind zwar an das Glasfasernetz angeschlossen, sie können es aber noch nicht richtig nutzen. In den Schulen ist ein Stau entstanden, weil Personal beim Werra-Meißner-Kreis ebenso fehlte, wie Handwerker, die es umsetzen. Durch den neuen Fachdienst wird das Thema jetzt beschleunigt.

Hat sich das Problem der medizinischen Versorgung aus Ihrer Sicht schon verbessert?

Es ist nach wie vor schwierig. Es gibt gute Initiativen wie die neuen Landarztpraxen in Grebendorf oder Altefeld. Bei der Nachfolgeregelung der Praxis Kazalla in Eschwege haben wir beispielsweise intensiv unterstützt. Mit unserem Programm „Land.Arzt.Leben“ fördern wird seit diesem Jahr die erste Medizinstudentin. Derzeit laufen die Auswahlgespräche für die nächsten Kandidaten. Wir haben ein Budget von 40 000 Euro und könnten drei bis vier Studenten gleichzeitig fördern.

Auch die Apotheken beklagen Nachwuchsmangel?

Die pharmazeutisch-technischen Assistenten fehlen. Sie bleiben meist in der Nähe, wo ihre Schule ist. Solch eine Schule fehlt im Kreis. Deswegen würden wir gerne eine hier ansiedeln. Das Einzugsgebiet wäre vorhanden. Aber das dauert.

Was bringt das Jahr 2023 für den Werra-Meißner-Kreis?

Erst mal den Umzug seiner Verwaltung in den Neubau gegenüber. Das komplette Landgrafenschloss wird ab Mitte Februar dort erst mal einziehen. Das ist ein riesiges Projekt. Ab dem Sommer wird dann das Landgrafenschloss saniert. Wenn die Mitarbeiter in das Schloss zurückkehren können, folgen die Mitarbeiter aus den Außenstellen in der Bremer Straße und Oberhone in den Verwaltungsneubau.

Was wünschen Sie sich vom neuen Jahr?

Für den Kreis und seine Mitarbeiter in erster Linie ein ruhigeres Jahr. Ich möchte keine Überforderung der Mitarbeiter. Sie sollen zufrieden nach Hause gehen können. Gleichwohl sehe ich aber eine bevorstehende Sozialkrise durch die Wohngeld- und Bürgergeld-Reform und auch durch weitere Flüchtlinge aus der Ukraine, die durch den Winter leiden müssen, auf uns zukommen. Ich persönlich möchte mir treu bleiben, meinen Weg nicht verlassen und das große Ganze nicht aus dem Blick verlieren.

(Tobias Stück)

Zur Person

Nicole Rathgeber (39) ist in Wanfried aufgewachsen und hat in Marburg Jura studiert. Vor ihrer politischen Karriere war die Volljuristin als Teamleiterin bei der Arbeitsagentur in Kassel für die Berufsberatung von Akademikern zuständig. Bei der Landratswahl am 24. Oktober 2021 konnte sie 29,7 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen. In der anschließenden Stichwahl setzte sie sich mit fast 60 Prozent der Stimmen gegen Friedel Lenze (SPD) durch. Seit dem 1. Januar 2022 ist sie die erste Landrätin im Werra-Meißner-Kreises. Rathgeber ist liiert und lebt in Grebendorf. (ts)

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