Ein Opa erstickte elend auf der Feier zu seinem 80. Geburtstag

"Man braucht Nerven wie Drahtseile": So hart ist der Alltag eines Notarztes

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Im Ernstfall muss es schnell gehen: Weil Patienten oft den Unterschied zwischen Notaufnahme und ärztlichem Bereitschaftsdienst nicht kennen, kommt es laut Dr. Daniel Kersten immer wieder zu Fehleinschätzungen, an wen sie sich wenden sollten. 

Dr. Daniel Kersten, Chefarzt der Notaufnahme am Klinikum Werra-Meißner und Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Kreis, erklärt, wie schwierig die Arbeit von Notärzten ist. 

Was glauben Sie, wie es dazu kommt, dass viele Patienten in die Notaufnahme gehen, die eigentlich den ärztlichen Bereitschaftsdienst hätten aufsuchen müssen?

Dr. Daniel Kersten: Die im Volksmund übliche, aber sachlich falsche Benennung des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes als „Notdienst“ oder „Notarzt“ führt dazu, dass vielen Patienten der Unterschied zwischen ärztlichem Bereitschaftsdienst und echtem Notarzt des Rettungsdienstes gar nicht klar ist. Unter anderem deshalb wird von vielen Patienten der Notarzt gerufen, obwohl dieser gar nicht erforderlich wäre.

Umgekehrt kommt es zu Situationen, in denen Patienten mit allen Anzeichen eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls den ärztlichen Bereitschaftsdienst anfordern und deshalb erst mit teilweise stundenlangem Zeitverzug festgestellt wird, wie ernst die Lage ist. Beide Varianten sind nicht gut.

Welche Momente sind für Sie als Notarzt besonders hart, welche wiederum besonders schön?

Kersten: Für mich ganz persönlich sehr hart sind Momente, in denen ich Eltern mit plötzlichem Kindstod konfrontieren muss oder in denen Kinder lebensbedrohlich krank beziehungsweise verletzt sind. Auch Fälle, in denen ich junge Menschen, die vielleicht noch kleine Kinder haben, ohne Erfolg reanimiere und Einsätze, bei denen ich anfangs noch mit Patienten spreche und diese am Ende des Einsatzes tot sind, sind hart. All diese Situationen sind glücklicherweise sehr selten.

Besonders schön sind für mich ganz persönlich Momente, in denen ich zum Beispiel einen jungen Familienvater retten konnte und wenn Patienten zu mir kommen und sich persönlich für die Hilfe bedanken. Auch diese Situationen sind selten.

Dieser Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

Hatten Sie während Ihrer Tätigkeit als Notarzt mal einen besonders außergewöhnlichen Vorfall, der Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Kersten: Vor einigen Jahren habe ich eine absolut skurrile Situation erlebt, die mir im Gedächtnis geblieben ist: Ich wurde alarmiert zu einem Patienten mit Atemnot. Bei Eintreffen am Notfallort traten wir in eine Gastronomie, in der eine Familienfeier zum 80. Geburtstag des Opas stattfand. Der Opa saß am Tisch, hatte sich an einem großen Bissen verschluckt, hatte minutenlang gewürgt und war bereits elend erstickt, als wir eintrafen. 

Die Familienmitglieder saßen alle seelenruhig am Tisch drum herum und ließen sich dadurch nicht bei ihrem Essen stören. Der Opa saß tot mittendrin. Diese Situation war wie von einer anderen Welt. Unsere Aufforderung, endlich das Essen zu beenden und das Feld zu räumen, damit wir arbeiten können, wurde mit völligem Unverständnis quittiert.

Die Geschichte ist wirklich unfassbar. Warum würden Sie jungen Arztanwärtern dennoch empfehlen, sich für die Arbeit als Notarzt zu entscheiden?

Kersten: Ich würde nicht jedem Arzt empfehlen, als Notarzt tätig zu sein. Zwar sind echte Notfälle mit lebensbedrohlichen Situationen nur ein sehr kleiner Anteil an der Notarzttätigkeit, aber wenn eine solche Situation vorliegt, braucht man eine hohe Stressresistenz, manchmal Nerven wie Drahtseile und auch eine hohe notfallmedizinische Handlungs- und Entscheidungskompetenz. Zudem braucht man sowohl für den Patienten als auch oft für die Angehörigen eine besondere Portion Empathie und Menschlichkeit. Beides zusammen ist nicht jedermanns Sache. 

Aber wem das liegt, der kann als Notarzt viele spannende Situationen erleben und seine Persönlichkeit durch Meistern von Krisensituationen stärken. Zudem führt das Erlernen, wie man schwierige Situationen beherrscht, zu einer persönlichen Sicherheit, die in jedem medizinischen Fachgebiet und bei jeder Tätigkeit hilfreich ist. Wer schwierige Notfallsituationen beherrschen kann, braucht vor nichts mehr Angst zu haben.

Der ärztliche Bereitschaftsdienst im Werra-Meißner-Kreis

Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist in Hessen rund um die Uhr unter der Telefonnummer 116117 erreichbar – ohne Vorwahl und kostenlos. Im Werra-Meißner-Kreis ist er an folgenden Orten zu finden: 

  • Werra-Meißner-Süd an der Elsa-Brändström-Straße 1 in Eschwege, offen mittwochs und freitags von 17 bis 20 Uhr, samstags, sonntags, an Feier- und Brückentagen von 11 bis 19 Uhr
  • Werra-Meißner-Nord an der Steinstraße 18-24 in Witzenhausen, offen montags, dienstags und donnerstags von 19 bis 21 Uhr, mittwochs von 14 bis 19 Uhr, freitags von 15 bis 19 Uhr sowie samstags, sonntags, an Feier- und Brückentagen von 8 bis 19 Uhr 

Lesen Sie auch: Er ist der jüngste Notarzt im Team des Kasseler Rettungshubschraubers

Mehr zu dem Thema - unter anderem zum Unterschied zwischen Notaufnahme und ärztlichem Bereitschaftsdienst - lesen Sie in der Mittwochausgabe der Witzenhäuser Allgemeinen.

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