INTERVIEW

Pfingsten ist in diesem Jahr anders: Interview mit dem Eschweger Pfarrer Sebastian Werner

In de Neustädte Kirche steht Pfarrer Sebastian Werner auf der Kanzel. Unten stehen von links Harald Nolte, Annemarie und Heinrich Mihr.
+
Im Innenraum der Neustädter Kirche: Auf der Kanzel Pfarrer Sebastian Werner sowie (unten, von links) Harald Nolte, Annemarie und Heinrich Mihr.

Deshalb feiern wir Pfingsten und so blickt der Pfarrer auf das Fest: Eschweger Pfarrer Sebastian Werner im Interview.

Eschwege – An diesem Wochenende ist Pfingsten. Sebastian Werner, Pfarrer der Stadtkirchengemeinde Eschwege kennt die Geschichte des ursprünglich jüdischen Feiertages und erklärt im Interview, ob der kirchliche Feiertag in Gefahr ist und wie Musik zurück in die Kirche führt.

Herr Werner, warum haben an Weihnachten alle einen Baum im Wohnzimmer, aber an Pfingsten keinen Pfingstbaum vor der Tür?

Also der Weihnachtsbaum ist nicht explizit christlich. Alle süßen Plätzchen, die wir an Weihnachten backen, sollen natürlich etwas mit dem Fest zu tun haben. Zu Pfingsten ist das den Menschen scheinbar nicht mehr so präsent. Man hat nach den anderen beiden Festen nicht mehr das Bedürfnis, sich ein so starkes Symbol reinzuholen. An Weihnachten sind wir eher drinnen und es ist die dunkle Jahreszeit, an Pfingsten wollen wir lieber wegfahren.

Herr Werner, haben Sie ein Lieblingsritual an Pfingsten?

Ich grüße die Leute. So wie ich schöne Ostern und Weihnachten wünsche, wünsche ich frohe Pfingsten. Das ist aber nicht so geläufig, besonders in Nordhessen schauen manche irritiert.

Was machen Sie an Pfingsten?

Ich feiere erst einmal zwei Gottesdienste. Wir begrüßen unsere neuen Konfirmanden.

Ist Pfingsten in diesem Jahr anders?

Pfingsten ist in der Coronakrise immer nicht so richtig wie das, um was es da eigentlich geht. Es ist ja der Geburtstag der Kirche und soziale Kontakte sollen reduziert werden – und das steht konträr zu dem, was an Pfingsten passiert – da will man eigentlich zusammen sein. Wir feiern, dass wir miteinander Gott zelebrieren und in uns spüren. Das ist auch immer so ein bisschen die Schwierigkeit an Pfingsten.

Was bedeutet das Wort Pfingsten und wo kommt der Feiertag her?

Pfingsten kommt von dem Wort Pentekoste und bedeutet der 50. Tag nach Ostern. Das passt in die jüdische Tradition. Das Schawuot, das Wochenfest, findet parallel zu Pfingsten statt und die Überlieferung der Bibel sagt, dass am Wochenfest die Jünger und Jüngerinnen zusammenkommen und etwas Neues beginnt. Der Heilige Geist kam wie ein Feuer über die Jünger und sie konnten in allen Sprachen der Welt sprechen und hinausgehen und von Jesus und der Auferstehung berichten. Das bildet die Grundlage der Kirche. Das ist natürlich eine unglaubliche Geschichte, die hat so etwas Ungreifbares und eigentlich wird damit die Idee der Auferstehung weitergetragen. Wenn das Unverfügbare uns ergreift, fasst das die Bibel als dieses Feuer auf.

Wurde das Fest vor Jahrhunderten schon genauso gefeiert wie heute?

Zu den großen Feiertagen wurde eigentlich immer gedacht. Jeder christliche Feiertag wird an zwei Tagen gefeiert, weil man an zwei Tagen ruht. In Amerika hat Pfingsten auch heute noch einen höheren Stellenwert. Da wird der Heilige Geist, der über die Menschen kommt, in freien Kirchen auch noch mehr zelebriert. Bei uns ist es ein klassischer Sonntagsgottesdienst und man stellt die Geschichte in den Mittelpunkt.

Werden die Menschen Pfingsten in Zukunft noch feiern, oder ist das Fest in Gefahr?

Ich glaube, das Interesse an Festen ist nach wie vor da. Wir merken in der Kirche natürlich, dass individuelle Feste wie Hochzeiten in den Fokus rücken. Der Kirchenkalender ist da nicht mehr so zentral. Ich glaube aber nicht, dass das Pfingstfest gefährdet ist. Eher ist es so, dass das Interesse und die Notwendigkeit nicht mehr so greifbar sind. Das ist bei uns in der Gemeinde auch der Grund, die Konfis in die Kirche zu Pfingsten einzuladen und zu sagen, wir gründen jetzt Gemeinden. Wir machen uns auf den Weg mit der christlichen Botschaft. Also wir wollen anknüpfen und nichts produzieren, was für die Menschen keinen Nutzen hat.

Macht es Sie betroffen, dass an Feiertagen wie Pfingsten immer weniger Menschen in die Kirche kommen?

Also ich finde Quantität kann man nicht gegen Qualität aufwiegen. Es ist natürlich schön, wenn viele Menschen kommen. Wenn sie nur aus Pflichtbewusstsein kommen, ist das auch nicht das Richtige. Wenn Menschen von einem Gottesdienst angesprochen sind, ist es egal, ob das fünf oder 500 sind. Was mich betroffen macht, ist, dass viele gar keine Anknüpfungspunkte mehr suchen. Also das finde ich schlimm, dass Leute sagen, es ist mir egal. Dass sie Religiosität woanders suchen. Da muss man sich auch fragen, ob man sich dagegenstellt, oder sagt, okay wir finden da vielleicht auch andere Verknüpfungen, wie über individuelle Feste, die wichtiger werden.

Was sagen Sie jemandem, der sich nicht mit Pfingsten verbunden fühlt?

Wenn sie gerne Musik hören, Gespräche mit Menschen führen, dann ist das Pfingstfest super lebendig. Wenn wir sorglos feiern können, da weht doch der Geist. Da zeigt diese unglaubliche Geschichte doch auch, dass es mehr braucht, als nur gegenüber zu sein. Wir brauchen diesen Spirit, der das Leben lebenswert macht. (Von Kim Hornickel)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.