Lockdown schon im 17. Jahrhundert

REZENSION: Eschweger Geschichtsblätter thematisieren frühere Pandemien

Titel der 32. Ausgabe der Eschweger Geschichtsblätter
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Die 32. Ausgabe der Eschweger Geschichtsblätter beschäftigt sich mit Pestausbrüchen und zeigt, dass Pandemien eher normal als die Ausnahme sind.

In der neuesten Ausgabe der „Eschweger Geschichtsblätter“ zeigt der Historiker und Archäologe Dr. Karl Kollmann, dass Pandemie eigentlich keine Ausnahme ist, sondern der Normalzustand.

Eschwege/Wanfried – Im November 1682 wurde in Wanfried ein Lockdown verhängt, um die weitere Ausbreitung der grassierenden Pest-Epidemie zu verhindern. Wer infiziert war, durfte nicht an Gottesdiensten teilnehmen, für Beerdigungen galt das Abstandsgebot, wobei sich Gesunde ganz davon fernhalten sollten. Auch öffentliche Versammlungen waren verboten wie „weitläufige Gesellschaften, Hochzeiten, Taufen, Saufgelage, Gastmähler, Zusammenkünfte in Garküchen, Wirts-, Wein-, Branntwein-, und Bierhäusern.“

Bis vor ein paar Jahren glaubte die Mehrzahl der Menschen, dass die großen Infektionskrankheiten inzwischen ausgerottet sind. Heute kommen uns solche Bestimmungen wie die aus Wanfried im 17. Jahrhundert wieder nur allzu bekannt vor.

In seinem Aufsatz „Ist allhier ein großes Sterben gewesen“ in der neuesten Ausgabe der „Eschweger Geschichtsblätter“ zeigt der Historiker und Archäologe Dr. Karl Kollmann, dass Pandemie eigentlich keine Ausnahme ist, sondern der Normalzustand.

Regelmäßige Pestausbrüche

Seit 1350 tauchen in den Chroniken die Nachrichten von Pestausbrüchen regelmäßig alle zehn Jahre auf. Und dabei hat der Autor nur den Bereich unserer näheren Umgebung untersucht – zwischen Mühlhausen und Kassel. In Wanfried gingen die Bestimmungen 1682 noch weiter: Die Verkehrswege einschließlich des Hafens wurden abgeriegelt. Bis 1683 mussten die Bürger mit diesen Einschränkungen leben. Laut des Chronisten Ernst Hollstein seien dort über 200 Menschen im Herbst 1682 an der Epidemie gestorben, Karl Kollmann kommt über die Kirchenbücher nur auf 127 Tote. Darin werden jedoch etwa die jüdischen Mitbürger nicht mitgezählt. Interessant: Die Krankheit breitete sich vor allem unter der armen Bevölkerung aus. Den wohlhabenden Familien gelang es offenbar, sich zu schützen. Und das war nur die Pest. Kollmann hat in den Quellen Nachrichten über ein Dutzend weiterer Krankheiten gefunden: Cholera, Lepra, Tuberkulose, Pocken, Typhus, Ruhr, Grippe und viele mehr. Immer starben Dutzende bis Hunderte Menschen an einem Ort. Immer wurde versucht, die Pandemie durch Maßnahmen einzudämmen. Schnell wird also deutlich: Was wir gerade erleben ist gar nichts Besonderes.

Bunter Strauß an Themen

Außer diesem aktuellen Thema wartet die 32. Ausgabe der Eschweger Geschichtsblätter wieder mit einem bunten Strauß unterschiedlichster Themen auf. So sucht Dr. Karl Kollmann nach dem verschwundenen Dorf Kratindorf, das 1362 irgendwo zwischen Aue und Niederdünzebach gelegen haben muss. York-Egbert König ist bei einer Kunstausstellung in Erfurt auf den Landschaftsmaler Barholomäus Bellermann gestoßen, der um 1811 eine Darstellung Wanfrieds und Umgebung malte. Dieses Bild ziert auch den Titel des Heftes. Günter Homeier und Stefan Koch erinnern in ihrem Aufsatz an die Firma Keller und Prahl, die von 1923 bis 1976 in Eschwege Spezialmaschinen herstellte.

Nachruf für Wolfram Brauneis sowie seine Chronik der Weißstörche

In seinem letzten naturkundlichen Aufsatz entwirft der kürzlich verstorbene Vogelkundler Wolfram Brauneis eine Chronik der Weißstörche im Hessischen Werratal. Dr. Karl Kollmann würdigt den unermüdlichen Einsatz von Brauneis für den Naturschutz sowie den Eschweger Geschichtsverein in einem Nachruf. Neben diesen und weiteren Aufsätzen bietet der Band einen Überblick über die Veröffentlichungen mit lokalem Bezug. Der 32. Band der Eschweger Geschichtsblätter trägt die ISSN-Nummer 2197-6163 und ist im Buchhandel erhältlich. Kaufen kann man das Buch auch im Eschweger Stadtarchiv auf dem Schulberg. Von Kristin Weber

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