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Essen aus dem Müll: 20-Jähriger containert im Werra-Meißner-Kreis

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Von: Marius Gogolla

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Die Suche im Abfall: Beim Containern werden vornehmlich Lebensmittel aus den Müllbehältern geborgen, um diese zu verwerten.
Die Suche im Abfall: Beim Containern werden vornehmlich Lebensmittel aus den Müllbehältern geborgen, um diese zu verwerten. (Symbolbild) © marius gogolla

Ein 20-Jähriger stiehlt Abfall von Supermärkten gegen Lebensmittelverschwendung. Wir haben ihn dabei im Werra-Meißner-Kreis begleitet.

Werra-Meißner – Es ist Samstagabend, 22.30 Uhr. Irgendwo im Werra-Meißner-Kreis, auf dem Hinterhof eines Supermarktes. Ab und zu werfen vorbeifahrende Autos einen Lichtschein in die ansonsten vollkommene Dunkelheit, die hier herrscht. Ich bin mit einer Person verabredet, die täglich im Verborgenen agiert, um ihre Lebensmittelvorräte aufzufüllen: Stefan (Name von der Redaktion geändert) betreibt das sogenannte „Containern“, sucht also in Abfalltonnen von Supermärkten vornehmlich nach Nahrungsmitteln, aber auch nach Gebrauchsgegenständen.

Um kurz nach halb elf sehe ich jemanden in dunkler Kleidung auf mich zukommen. Wir begrüßen uns kurz mit gedämpften Stimmen, schließlich soll keine Aufmerksamkeit auf das nächtliche Treiben gelenkt werden. „Komm mal mit“, sagt Stefan. „Da hinten stehen meist drei bis vier Mülltonnen, in denen gut was zu holen ist.“

Ich folge ihm durch die Dunkelheit, bis wir an besagten Abfallbehältern, die in einem offenen Gitterverschlag stehen, ankommen. Stefan hat extra eine Kopflampe dabei, um zu sehen, was an diesem Tag alles im Abfall gelandet ist. Handschuhe trägt er nicht. „Mal sehen, was wir heute finden“, sagt Stefan. „Samstagabend ist normalerweise der beste Tag, um eine ordentliche Ausbeute zu machen.“ Als der Deckel der ersten Mülltonne geöffnet ist, kommt die Ernüchterung: Nur wenige Lebensmittel, die noch verwertbar sind, liegen darin.

Bei der zweiten Tonne sieht es schon besser aus. Hier findet er mehrere Gemüse- und Fruchtsorten, unter anderem Zwiebeln, Tomaten, Paprika, Auberginen, Äpfel und Pflaumen. Auch verpackte Waffeln mit Puderzucker, Aufbackbrötchen sowie mehrere Packungen Schokolade und ein Blumenstrauß werden aus dem Müll geborgen und in eine große Tasche verfrachtet. Die beiden anderen Tonnen sind leer. „Ich bin ein bisschen enttäuscht“, äußert sich Stefan. „Ich habe erwartet, dass wir heute mehr finden. Aber Obst und Gemüse sind immer zu holen.“

Containern - eine nachhaltige Straftat?

Das Thema Containern wird in Deutschland kontrovers diskutiert. Zwar können strafrechtliche Schritte gegen diejenigen eingeleitet werden, die dabei erwischt werden. Allerdings haben Staatsanwälte die Möglichkeit, die Verfahren einzustellen. Wenn man bedenkt, dass es sich bei den Dingen um weggeworfene Produkte handelt, scheint die Debatte darum absurd. Schließlich wird der Müll mit der Absicht, diesen loszuwerden, außerhalb des Marktes abgestellt.

Eine Entkriminalisierung ist jedoch nicht in Sicht, da im Falle des Containerns die entwendeten Sachen als Eigentum gelten. Laut Bürgerlichen Gesetzbuches beschreibt das Eigentumsverhältnis das Recht, mit einer Sache „nach Belieben zu verfahren“. Dabei ist es egal, ob der Umgang falsch, unmoralisch und unvernünftig erscheint.

Paprika ist der Klassiker

Meine Kontaktperson schreckt eine potenzielle Strafe nicht ab. „Ich fühle mich moralisch wohl bei der Sache. Ich tue meinen Teil gegen diese sinnlose Verschwendung von Nahrung.“ Es komme nur noch äußerst selten vor, dass Stefan in Supermärkten einkauft, sei doch sein Bedarf an Lebensmitteln durch das Containern gedeckt.

Gerade Obst und Gemüse habe er im Überfluss, sogar so viel, dass Teile davon im Gefrierschrank landen. Der Klassiker unter den Funden seien Paprikas im Dreierpack, von denen nur eine faulige Stellen oder sonstige geringfügige Mängel aufweise, während die beiden anderen unbeschädigt seien.

Ausbeute: Das alles fand sich im Müll.
Ausbeute: Das alles fand sich im Müll. © Privat/NH

Da Stefan unzufrieden mit der letzten Ausbeute war, treffen wir uns eine Woche später wieder, dieses Mal an einem anderen Supermarkt. Hier stehen keine Mülltonnen, sondern große Abfallcontainer im Hof. Stefan zieht die Kopflampe auf und öffnet die Abdeckung eines Containers.

„Ja, man muss auch mal in den Müll reinklettern“, teilt er mir lachend mit. „Ohne Bemühungen verpasst man sonst die Chance auf den großen Fund.“ Und tatsächlich: Einige Minuten später taucht er wieder auf und präsentiert mir seine Tasche, die prall gefüllt ist. Doch das ist nicht alles.

Sogar ein Kaffee-Vollautomat landet beim Container

„Schau mal“, ruft Stefan. „Ich habe hier was Besonderes entdeckt.“ Neben dem Container steht die Verpackung eines Kaffee-Vollautomaten einer bekannten Marke, mitsamt Inhalt. „Ich probiere ihn zu Hause aus und sage dir dann Bescheid, ob der noch geht“, freut sich Stefan.

Am nächsten Tag erhalte ich die Nachricht: Der Automat funktioniert und der Cappuccino sei vorzüglich. Stefan nimmt an, dass das Gerät im Müll landete, weil einige Klebereste daran nicht entfernt werden konnten. Zwar sei der Fund ungewöhnlich, allerdings komme es öfter vor, dass Elektroartikel zu finden sind, die noch funktionieren.

Außerdem seien viele der Lebensmittel, die im Müll landen, nicht abgelaufen, sondern würden nur geringfügige Mängel aufweisen. Die Entsorgung erfolge dabei meist nicht getrennt. So würden Lebensmittel zusammen mit Plastik und anderen Materialien in der Tonne landen.

Auf die Frage, aus welcher Motivation heraus Stefan dem Containern nachgehe, gibt er an, über Bekannte herangeführt worden zu sein. Da er schon immer umweltbedacht gehandelt habe, sei das Mülltauchen, wie Containern auch genannt wird, ein sinnvoller Schritt, um Lebensmittel zu verwerten, die ansonsten vernichtet würden. „Es ist einfach traurig, wie viel weggeworfen wird, obwohl es noch verwertbar ist. Das liegt nur daran, dass immer alles in großen Mengen verfügbar sein muss.“

Elf Millionen Tonnen Abfall

In Deutschland betrug laut des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft im Jahr 2020 die Menge von Lebensmittelabfällen zirka elf Millionen Tonnen. Allerdings sind dabei auch nicht essbare Bestandteile wie Nuss- und Obstschalen, Kaffeesatz oder Knochen.

Hinweis: Containern ist in Deutschland illegal. Wer dabei erwischt wird, kann wegen Diebstahls und Hausfriedensbruches angeklagt werden. Von Marius Gogolla

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