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Extremsportler balanciert zwischen zwei Felsen in den Dolomiten

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Von: Florian Hagemann

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In Aktion: Jens Decke beim Slacklinen zwischen den Drei Zinnen.
In Aktion: Jens Decke beim Slacklinen zwischen den Drei Zinnen. © Valentin Rapp Instagram: @valentinrappfilm

Es gehört zu den Trends unserer Zeit, über ein Band zu balancieren. Slacklinen nennt sich das Ganze, und ein Kasseler hat das nicht irgendwo gemacht, sondern im Gebirge. Ein Bericht über ein Abenteuer.

Kassel – Dass Jens Decke an Ostern ein großes Abenteuer verwirklicht hat, verdankt er auch seiner Oma. Früher verbrachte sie ihren Urlaub immer an den Drei Zinnen und damit in den Dolomiten. Sie schwärmte von dem Gebiet, was auch dadurch zum Ausdruck kam, dass sie zu Hause in Waldkappel jede Menge Fotos und Postkarten für jedermann sichtbar platzierte – das Motiv: die Drei Zinnen.

Jens Decke kam also schon in jungen Jahren mit dem Gebirge in Berührung. Nach und nach reifte in ihm der Gedanke, auch dort seiner Leidenschaft nachzugehen: dem Bergwandern, dem Bergsteigen, dem Klettern und – ja, auch – dem Slacklinen.

Dabei wird ein Band gespannt, über das es zu balancieren gilt. Normalerweise geschieht das zwischen zwei Bäumen. Auch auf Spielplätzen und in Parks gibt es eigene Anlagen, um dem Trendsport nachgehen zu können. Aber ein Band zwischen zwei Felsen in 2999 Metern Höhe? Das ist dann doch außergewöhnlich.

Manche würden es wohl auch als verrückt bezeichnen, aber bei dem Wort hakt Jens Decke gleich ein. Er verweist auf die hohen Sicherheitsvorkehrungen, auf die Perfektion der Vorbereitung und auf das hohe Verantwortungsbewusstsein, mit dem er und seine Mitstreiter agieren. Der 30-Jährige sagt: „Ich brauche kein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Mutter zu haben. Mittlerweile hat auch sie verstanden, dass wir keine leichtsinnigen Sachen machen.“

Mit dem Wort spektakulär kann der gebürtige Eschweger schon mehr anfangen. Und es trifft auch auf die Tour zu, die er und vier Freunde an Ostern absolvierten, um sich Jens Deckes Traum von den Drei Zinnen zu erfüllen. Das war kein spontaner Trip, sondern ein lang geplantes Projekt von fünf Extremsportlern. Immer wieder schalteten sich Jens Decke und seine Mitstreiter, die aus anderen Gebieten in Deutschland kommen, online zusammen.

„Die Quote der Zoomkonferenzen war sehr hoch“, berichtet er. Denn: Vorbereitung ist die halbe Miete. Es ist ja nicht so, dass ein Extrem-Slackliner morgens aufwacht, aus dem Fenster schaut und sich sagt: Heute laufe ich mal über ein Band, das auf dem höchsten Berg des Ortes gespannt wird. Hinter dem Hobby, wie es Jens Decke betreibt, steckt viel Logistik.

Die Ausrüstung muss stimmen, das Wetter, die Strecke. Jens Decke und seine Kollegen hatten den Vorteil, dass auf ihre Idee schon andere gekommen sind, die 2011 Pionierarbeit geleistet haben und entsprechende Vorrichtungen an den Felsen getroffen haben, um Bänder für das Slacklinen zu spannen. Jens Decke nennt sie seine Idole. Ihnen wollten es er und sein Team nachtun – allerdings in abgewandelter Form.

Die Pioniere benötigten vor elf Jahren fast einen Monat, um das Projekt zu verwirklichen. Seitdem traute sich niemand mehr daran. Nun nahmen sich Jens Decke und die anderen vor, es an drei Tagen zu schaffen: Drei Zinnen, drei Tage. Als sie losfuhren, wussten sie noch nicht, ob das funktionieren würde, was sie sich vorgenommen hatten.

Sie richteten ihr Lager in der Auronzohütte auf 2320 Metern ein, die um diese Jahreszeit leer steht. Sie beobachteten die Lage. Das Wetter spielte mit, und so machten sie sich auf mit ihrem Gepäck, was wohl dosiert sein muss. Die Regel ist: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Das betrifft die Ausrüstung, das betrifft die Verpflegung.

Schließlich ist der Aufstieg beschwerlich: Mehrere Hundert Meter bei Eis und Schnee, auf Kletterpassagen und Wegen, die lange niemand mehr gegangen ist und die mitunter schwer zu finden sind, weil der Schnee die Markierungen überdeckt hat.

Für den Aufstieg zur ersten Zinne an Tag eins brauchen Jens Decke und seine Kollegen acht Stunden. Am frühen Nachmittag erreichen sie ihr Etappenziel: die erste Line, wie sie das nennen. Jetzt dürfen sie das machen, worauf sie lange hingearbeitet haben: balancieren dort, wo die Freiheit grenzenlos zu sein scheint. 60 Meter auf einem kleinen Band, fünf Minuten Erlebnis, das Jochen Schweizer nicht im Angebot hat. Jens Decke nennt es die Sahne auf der Torte. Ganz für sich, ganz oben. Bei voller Konzentration.

Momente intensiven Erlebens. Es bleibt sogar auch Zeit, sich umzuschauen, auch mal nach unten zu blicken. „Da waren sogar Wanderer zu sehen“, sagt Jens Decke. Und er fragt sich, was die Wanderer wohl gedacht haben, als sie nach oben geschaut haben.

Trotz dieser emotionalen Extremsituation ganz allein in luftiger Höhe sagt Jens Decke: „Es kommt auf das Team an, da kannst du noch so der tollste Individualsportler sein.“ Die anderen helfen, unterstützen. Das Team muss sich kennen, sich gegenseitig einschätzen, sich vertrauen. Sollte die Line mal reißen, gibt es eine Ersatzline, sollte sich der Slackliner einen Fehltritt leisten, ist auch er gesichert. Dann fällt er, aber wird sofort aufgefangen.

Es geht alles gut. An Tag eins. An Tag zwei, an dem es vom Basislager zu Zinne zwei geht.

An Tag drei, der eigentlich der einfachste werden sollte zu Zinne drei, aber dann doch der beschwerlichste wird, weil es wegen des vielen Schnees kaum ersichtlich ist, wo die Route verläuft. Aber auch dieses Problem meistern Jens Decke und seine Freunde.

Jetzt ist Jens Decke dankbar für die tolle Zeit und vor allem stolz auf das, was in der Form niemand zuvor geleistet hat. Seine mittlerweile gestorbene Oma wäre es sicher auch.

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