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Falsche Liebe lauert online

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Von: Nicole Demmer

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Love- oder Romance-Scamming
Liebes-Betrüger suchen ihre Opfer oft im Internet. © Sebastian Gollnow/dpa

Betrüger ergaunern hohen fünfstelligen Betrag

Werra-Meißner – Regelmäßig berichtet die Polizei über Betrugsversuche per Handy – sei es mit dem Enkeltrick oder durch einen vorgegaukelten Unfall, bei dem für einen nahen Verwandten als Verursacher eine angebliche Kaution gezahlt werden muss. Einer anderen Betrugsmasche ist eine Frau aus dem Werra-Meißner-Kreis aufgesessen: dem sogenannten „Love-Scamming“. Dabei handelt es sich um Betrug durch Heiratsversprechen über das Internet. Die Frau verlor dadurch einen hohen fünfstelligen Betrag. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben.

2021 wurden bei der Polizeidirektion Werra-Meißner sieben Strafanzeigen zu diesem Betrugsfall gestellt, 2020 waren es fünf, berichtet Polizeipressesprecher Alexander Först auf Anfrage. Die Zahlen für 2022 könnten noch nicht genau mitgeteilt werden, es zeichne sich jedoch ein Rückgang ab. Es handele sich um eine Betrugsform, „die sich im Einzelfall über Wochen, Monate teils auch über Jahre hinziehen kann“, so Först.

Allerdings dürfte es auch eine nicht unbeträchtliche Dunkelziffer geben. Denn: Das Thema ist schambesetzt, erklärt Thekla Rotermund-Capar, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises. 80 Prozent der Opfer dieser Betrugsmasche seien Frauen.

Wenn sich Opfer an das Gleichstellungsbüro wenden, werde erst einmal geschaut, wo die individuellen Bedürfnisse sind, so Rotermund-Capar, „wir sind die Einflugschneise“. Opfer würden dann zum Beispiel an eine juristische oder psycho-soziale Beratungsstelle wie Aufwind verwiesen.

Hilfe bekommen Betrugsopfer auch durch die Opferschutzorganisation „Weißer Ring“. Hier erhalten sie einen Beratungsscheck für eine erste kostenlose Rechtsberatung durch einen Anwalt in Deutschland, berichtet Roger Dietrich, Leiter der Außenstelle Werra-Meißner. „Weiterhin werden von uns die Opfer durch Gespräche unterstützt, denn viele Opfer haben nach so einschneidenden negativen Erlebnis einen erhöhten Redebedarf, um die Straftat psychisch verarbeiten zu können.“ Zudem würden die Opfer nach einer gewissen Zeit wieder vom Team des „Weißen Rings“ angesprochen, da sie oft erneut auf den gleichen Betrüger beziehungsweise eine ähnliche Masche hereinfallen würden. „Hierdurch kann ein erneuter Betrug verhindert werden.“

Opfer erreichen Dietrich über den Anrufbeantworter der Nummer 0 56 51/2 25 59. » 

Keinen Cent im Internet verschicken - Opfer schreibt Buch über Online-Bekanntschaft – Polizei gibt Tipps

Werra-Meißner – Ihren wahren Namen möchte sie nicht nennen, aber sie möchte berichten, was ihr geschehen ist. Daher hat eine Frau aus dem Werra-Meißner-Kreis unter dem Pseudonym Ina Nawenka ein Buch darüber geschrieben, wie sie auf einer seriösen Internetplattform einen Mann kennengelernt und durch ihn viel Geld verloren hat.

Der Mann nennt sich Manfred, gibt vor, US-Amerikaner und Arzt sowie für den Geheimdienst im Auftrag der UNO in Krisengebieten unterwegs zu sein. Daher seien die Kontaktmöglichkeiten begrenzt und oft reglementiert. Es wird nur geschrieben, zu Telefonaten oder einem Videogespräch kommt es nie. Damit er aus den Krisengebieten ausreisen kann, verlangen erst eine angebliche korrupte UNO-Unterorganisation, dann vermeintliche syrische Gefängniswärter Geldbeträge.

Der Mann macht ihr Komplimente, schickt Bilder und später einen Koffer, mutmaßlichvoller schwarz gefärbter 100-Dollar-Scheine. Sie ist verliebt, versucht immer wieder, ihm mit Überweisungen an die angeblichen UNO-Organisationen zu helfen. Zum Schluss heißt es „Mann weg – Geld weg“ – und so hat Ina Nawenka auch ihr 780 Seiten starkes Buch benannt, in dem sie schonungslos die Geschichte aufarbeitet und auch die Chats mit dem Mann abbildet. Immer noch ist sich Ina Nawenka nicht sicher, ob es Betrug oder doch eine wahre Geschichte mit einer korrupten Organisation im Hintergrund ist. Für Love-Scammer seien die Handlungen zu umfangreich gewesen.

Sollte sie Betrügern aufgesessen sein, will sie mit dem Buch zeigen, wie diese psychologisch arbeiten und Beziehungen aufbauen, sagt sie. Und: „Man kann alles machen im Internet, aber man darf keinen einzigen Cent verschicken.“

Vorgehen der Täter

Das rät auch Alexander Först, Sprecher der Polizeidirektion Werra-Meißner. Zum Vorgehen der Täter erklärt er, dass diese – Frauen sowie Männern – etwa über Online-Plattformen oder Partnerbörsen Kontakt suchen und eine Vertrauensbasis aufbauen. Sie geben sich ein seriöses Profil mit ungewöhnlichem Beruf im Ausland – bei männlichen Love-Scammern etwa Arzt, Ingenieur oder Soldat, bei Täterinnen Arzthelferin, Betreuerin oder Geschäftsfrau – um Interesse zu erwecken. Dazu kommen gefälschte Fotos, um attraktiv zu erscheinen.

Es folgen erfundene Geschichten rund um Beruf, Hobby und Familie und damit einhergehende Schicksalsschläge. Beim Opfer erzeugen sie so Verständnis und empathische Anteilnahme. „Dadurch gelingt es den Täterinnen und Tätern das Vertrauensverhältnis immer weiter zu festigen“, so Först. Danach bekunden die Täter Gefühle und Liebe, heben dies immer stärker hervor – bis zur vorgespielten gemeinsamen Lebensplanung. Opfer geraten meist in eine Art „Abhängigkeitsverhältnis“.

Zu einem persönlichen Kennenlernen kommt es laut Först in der Regel nicht. Täter schieben zum Beispiel Probleme mit einem Visum, Verlust von Papieren, Krankheit oder einen Unfall vor, warum sie nicht nach Deutschland einreisen können. Verbunden ist das meist mit finanziellen Forderungen an das Opfer, das Geld an ausländische Banken wie die „Western-Union-Bank“ zahlen soll. Denkbar ist auch, so Först, dass Hilfeleistungen für Bekannte erbeten werden – etwa Annahme und Weitergabe von Päckchen oder Einlösen (gefälschter) Schecks. „Letztlich versuchen die Täter mit dieser Betrugsmasche, ihre oftmals ahnungslosen und gutgläubigen Opfer möglichst lange finanziell oder auf andere Weise auszubeuten.“

Betrüger erkennen - Polizei gibt Tipps

Love-Scammer kommunizieren laut Först nach der ersten Kontaktaufnahme in gutem Englisch. Einige haben auch „erstaunlich“ gute Deutschkenntnisse. Sie überhäufen ihre Opfer bereits frühzeitig mit Komplimenten und überschwänglichen Liebesbekundungen. Sie geben an, im Ausland tätig zu sein, und können aus verschiedenen Gründen nicht nach Deutschland reisen. Verschiedene Probleme machen immer wieder die Unterstützung durch die Opfer nötig.

Handeln

Alexander Först rät, nach Profilbildern und E-Mail-Adressen im Internet zu recherchieren. Oft erhalte man weitere Informationen, die den Verdacht bestätigen oder widerlegen können. Für Schriftverkehr mit Unbekannten sollte ein separater Mailaccount genutzt werden. Es sollte kein Geld – auch keine Gutscheincodes und Ähnliches – überwiesen, keine Schecks eingelöst und keine Päckchen oder Schreiben angenommen und weitergeleitet werden. Mails und Chatnachrichten sollten als Beweismittel gesichert werden. Ebenso rät Först, den Kontakt abzubrechen und bei der Polizei Anzeige wegen Betrug zu stellen.

Hilfe

Hilfe erhalten Opfer durch Betreuungs- und Beratungsangebote wie dem Weißen Ring und der Frauenberatungsstelle. Zudem können sie sich über Selbsthilfegruppen für Opfer dieser Betrugsmasche informieren. Dazu gibt es Opferanwälte und, bei finanziellem Schaden die Schuldnerberatung. Für eine emotionale Aufarbeitung und psychologische Betreuung gibt es Fachärzte. (Nicole Demmer)

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