Die Lösung liegt häufig beim Kunden

Fast jeder dritte Beschäftigte im Kreis arbeitet für Niedriglohn

Symbolfoto Floristin mit Blumenstrauß in der Hand
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Ein Handwerk, das häufig schlecht bezahlt wird: In der Floristik müssen sich viele Beschäftigte mit einem Gehalt unterhalb der Niedriglohnschwelle zufriedengeben.

Leeres Portemonnaie trotz 40 Stunden Arbeit pro Woche: So ergeht es immer mehr Beschäftigten. Im Werra-Meißner-Kreis arbeiten 27 Prozent der Vollzeitbeschäftigten im Niedriglohnsektor.

Werra-Meißner – Das geht aus einer Pressemitteilung der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) hervor. Demnach sollen rund 4100 Menschen trotz Vollzeitbeschäftigung ein Einkommen unterhalb der Niedriglohngrenze erhalten. Für Westdeutschland liegt die Schwelle laut IG Bau bei einem monatlichen Einkommen von 2350 Euro brutto.

„Dass selbst eine Vollzeitstelle häufig nicht ausreicht, um finanziell halbwegs abgesichert zu sein, ist alarmierend“, sagt Klaus Michalak, Bezirksvorsitzender der IG Bau Nordhessen.

Betroffen von den geringen Löhnen sind vor allem Landwirte, das Baugewerbe, Reinigungskräfte und Floristen. „Diese Berufe werden nicht leistungsgerecht bezahlt“, erklärt Hans-Joachim Rosenbaum, Regionalleiter der IG Bau, auf HNA-Anfrage. „Im Baugewerbe gehen öffentliche Aufträge häufig an Unternehmen, die ihre Angestellten nur mit dem allgemeinen Mindestlohn von 9,35 Euro bezahlen. Damit werden automatisch Löhne gedrückt.“ Als Lösung sieht Rosenbaum eine gesetzlich festgehaltene Tariftreue für solche Aufträge. Allgemein sieht er die Politik in der Pflicht.

Die Situation wurde für viele Berufe durch die Corona-Pandemie weiter verschärft. Handwerker konnten ihren Tätigkeiten häufig nicht nachgehen, so Michalak. Zusätzlich habe die Krise außerdem gezeigt, wie unverzichtbar die Arbeit der Reinigungskräfte ist. Das spiegele sich aber nicht in der Bezahlung wieder. Ein Großteil der Beschäftigten in der Branche verdient laut IG Bau deutlich unter der Niedriglohnschwelle. Dort liegt das Einstiegsgehalt bei 10,80 Euro pro Stunde.

Als positives Beispiel wird das Maler- und Lackiererhandwerk genannt: Dort haben Gesellen Anspruch auf 13,50 Euro pro Stunde. „Für die Floristen zum Beispiel, ist ein solcher Tariflohn jedoch schwierig zu realisieren“, sagt Rosenbaum.

„Bei einem tariflich festgelegten Einstiegslohn von 11,30 Euro für gelernte Floristen ist es natürlich schwierig, über diese Niedriglohnschwelle zu kommen. Auch bei einer Vollzeitstelle mit 39-Stundenwochen“, sagt Ulrike Linn, Geschäftsführerin des Fachverbands Deutscher Floristen (FDF) Hessen/Thüringen.

„Die Unternehmer werden dann häufig als Ausbeuter hingestellt, die sich auf Kosten ihrer Angestellten die Taschen vollmachen“, sagt Linn. „Aber da lebt garantiert keiner der Arbeitgeber in Saus und Braus.“

Witzenhäuser Blumenladenbesitzer beklagt Kundenverhalten

„Wie gern würde ich meinen Angestellten deutlich mehr bezahlen“, sagt Gerhard Kulle. Ihm gehört der Blumenladen „Blumen Kulle“ in Witzenhausen. Dort beschäftigt er zwei gelernte Floristinnen. „Die Frage ist doch: Was ist der Kunde bereit zu zahlen? Wenn es Blumen sehr günstig beim Supermarkt gibt, will natürlich nicht jeder ein Vielfaches für die Sträuße im Blumenladen zahlen“, beklagt Kulle.

Die Bau- und Supermärkte würden die Preise so stark drücken, dass Kulle manchmal im Einkauf mehr bezahlt, als dieselben Blumen im Supermarkt kosten. „Im Baumarkt bekommt man Geranien schon für 99 Cent das Stück, ich zahle schon 20 Cent mehr, wenn ich sie kaufe“, erklärt Kulle. Und ergänzt: „Ändern kann nur der Kunde etwas.“ Auch die IG Bau sieht wenig Handlungsspielraum für die Floristen. „Dort fehlt uns die Durchsetzungskraft“, sagt IG Bau Regionalleiter Hans-Joachim Rosenbaum. „Das sind häufig kleine Betriebe, bei denen wir als Gewerkschaft wenig tun können.“

Es hänge natürlich auch einiges vom Standort des Blumengeschäfts ab, sagt Ulrike Linn. Doch in manchen Regionen, und dazu zählt Linn den Werra-Meißner-Kreis, gebe die Kaufkraft und die allgemeinen Lebensunterhaltungskosten keine hohen Löhne her. „Im Extrembeispiel Frankfurt sieht das anders aus. Da können natürlich höhere Löhne gezahlt werden. Das Leben ist dort aber auch teurer.“

Einig sind sich alle: Es steht außer Frage, dass die Floristen meist nicht leistungsgerecht bezahlt werden.

Was genau bedeutet „Niedriglohnschwelle“?

Wer als Vollzeitbeschäftigter unter der Niedriglohnschwelle verdient, befindet sich im Niedriglohnsektor. Dafür wird das mittlere Einkommen ermittelt. Bei diesem Wert gibt es genauso viele Menschen, die ein höheres und ein niedrigeres Einkommen haben. Beschäftigte, die zwei Drittel oder weniger des mittleren Einkommens verdienen, gehören zum Niedriglohnsektor. Aktuell liegt das mittlere Einkommen in West-Deutschland bei 3133 Euro brutto Monatsgehalt.

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