Fastenzeit: In Ringgauer Kindergärten wird auf vorgefertigtes Spielzeug verzichtet

Mit vollem Elan: (von links) Ben, Linus und Felix aus der Schneckengruppe des Kindergartens Kleine Hände in Netra räumen die Puppenecke aus. Sieben Wochen lang werden sie auf ihr gewohntes Spielzeug verzichten und sich Alternativen suchen. Foto: Spanel

Werra-Meißner. Sieben Wochen lang - von Aschermittwoch bis Ostern - werden sich alle Kinder der beiden Ringgauer Kitas in Netra und Datterode ohne vorgefertigte Spielsachen beschäftigen.

Zoes Winnie-Puuh-Figur hat in den kommenden 40 Tagen Urlaub. Diesen verbringt der Plüschbär in einem Koffer, der im Eingangsbereich des Kindergartens „Kleine Hände“ im Ringgauer Ortsteil Netra aufgestellt ist. Etwas skeptisch ist Zoe schon, als sie persönlich den besten Platz für ihren heißgeliebten Bären auswählt - aber sie stellt sich, wie alle Ringgauer Kindergartenkinder, dem neuen Abenteuer „spielzeugfreie Zeit“.

Sieben Wochen lang - von Aschermittwoch bis Ostern - werden sich alle Kinder der beiden Ringgauer Kitas in Netra und Datterode ohne vorgefertigte Spielsachen beschäftigen. „Stattdessen lassen sie ihrer Fantasie freien Lauf“, erklärt Leiterin Carina van der Willik.

Eines der Ziele der ungewöhnlichen Aktion sei es, den Kindern die Grundidee des Spielens aus einer völlig veränderten Perspektive näherzubringen. Auch der aus der Bibel bekannte Zeitraum sei ganz bewusst ausgewählt worden: „Die Fastenzeit wurde vom Team des Kindergartens gemeinsam als spielzeugfreie Zeit bestimmt“, sagt Carina van der Willik.

Warum plötzlich Puppen, Bauklötzchen und Bücher aus den Gruppenräumen verschwinden, ist den Kindern selbst jedenfalls schnell klar: „Fastenzeit bedeutet Verzicht“, weiß Kaya - „und zwar für einen bestimmten Zeitraum.“ Und ganz so überraschend kam das Verschwinden der vielen schönen Sachen dann doch nicht: Die Jüngsten wurden von den Erzieherinnen in den vergangenen Tagen sorgfältig auf die neue Situation vorbereitet. Im morgendlichen Stuhlkreis schmieden sie nun gemeinsam Pläne, was sie denn so ohne Spielzeug anstellen könnten. Außerdem werden jeden Tag andere Spielzeuge in geräumige Umzugskisten verabschiedet - in einer Woche werden die Gruppenräume dann ausgeräumt sein.

„Für jedes abgegebene Spielzeug aber“, erläutert Carina van der Willik, „bekommen die Kinder etwas anderes dazu.“ Das können Naturmaterialien sein, Papprollen, Wolle, Tücher oder Kartons. „Durch das Projekt sollen die Lernerfahrungen der Kinder inhaltlich vertieft und verändert werden“, so die Leiterin. Durch den Umgang mit Natur- und Alltagsmaterialien etwa könnten die Sinne neu entdeckt und entfaltet werden.

Zuhause übrigens kann für die Kinder alles unverändert bleiben. „Es ist nicht nötig, aber dennoch möglich, das Spielzeug auch daheim zu reduzieren“, so van der Willik. „Kinder sind gut in der Lage, zwischen zwei verschiedenen Systemen unterscheiden.“

Das Konzept „Spielzeugfreie Zeit im Kindergarten“ gibt es seit rund zehn Jahren. Als Präventionskonzept zielt es darauf ab, den Gefahren der Sucht vorzubeugen. Vorausgesetzt wird die Annahme, dass die zunehmend vorstrukturierte und vorgeplante Freizeit sowie die Welt der Konsumgüter das Suchtverhalten fördern. Demgegenüber sollen Freiräume und Lücken geschaffen werden, innerhalb derer Kinder andere Erfahrungen machen können. Ebenso müssen dabei auch Freiräume für Scheitern, Frustrationen und die daraus entstehenden Alternativen und Lernprozesse freigehalten werden.

Ziel ist es, die Kinder etwas Neues aus sich selbst heraus schaffen zu lassen. Die Förderung zählt außerdem auf die Stärkung des Selbstvertrauens ab.

Das Konzept „Spielzeugfreie Zeit im Kindergarten“ gibt es seit rund zehn Jahren. Als Präventionskonzept zielt es darauf ab, den Gefahren der Sucht vorzubeugen. Vorausgesetzt wird die Annahme, dass die zunehmend vorstrukturierte und vorgeplante Freizeit sowie die Welt der Konsumgüter das Suchtverhalten fördern. Demgegenüber sollen Freiräume und Lücken geschaffen werden, innerhalb derer Kinder andere Erfahrungen machen können. Ebenso müssen dabei auch Freiräume für Scheitern, Frustrationen und die daraus entstehenden Alternativen und Lernprozesse freigehalten werden.

Ziel ist es, die Kinder etwas Neues aus sich selbst heraus schaffen zu lassen. Die Förderung zählt außerdem auf die Stärkung des Selbstvertrauens ab.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.