Psychologie des Menschen

Faszination Katastrophe: Psychologin erklärt, warum uns das Unglück reizt

Wenn in Zeitung oder Fernsehen über Unfälle berichtet wird, im TV der Tatort läuft oder im Kino eine Neuauflage von Titanic über die Leinwand flimmert, zieht das viele in den Bann.
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Wenn in Zeitung oder Fernsehen über Unfälle berichtet wird, im TV der Tatort läuft oder im Kino eine Neuauflage von Titanic über die Leinwand flimmert, zieht das viele in den Bann.

Täglich sterben Menschen auf den Autobahnen oder werden auf dem Fahrrad zu Tode gefahren. Eigentlich können wir es nicht mehr hören, dennoch ziehen uns Katastrophen magisch an.

Werra-Meißner – Warum wir uns so von Unfällen, Katastrophen oder Krisen angesprochen fühlen, darüber sprachen wir mit Psychologin Gesa Heiten vom Eschwege Institut. Sie sagt: „Je mehr ich weiß, desto mehr kann ich mich gegen das wappnen, was passiert.“ Je mehr Grenzerfahrungen jeder Einzelne mache, desto besser wisse er, was zu tun sei, um die Gefahrensituation das nächste Mal zu lösen. „Das ist also Neugierde und Forscherdrang“, sagt Heiten.

Drang nach Katastrophen ist mittlerweile zu groß: Gesetz gegen das Fotografieren von Unfallopfern erlassen

Der werde schon im Alltag geweckt. „Wenn ein Autounfall passiert und ich aussteige, um Bilder zu machen, ist das aus Neugier und spricht etwas in uns an“, sagt die Expertin. Diesem Drang zu folgen sei allerdings nicht immer moralisch richtig, fügt sie hinzu. Der Drang nach Katastrophen ist mittlerweile so groß, dass die Bundesregierung im Jahr 2019 ein Gesetz gegen das Fotografieren von Unfallopfern erlassen musste.

Nicht geringer sei die Sensationslust und gefühlte Sicherheit, wenn wir gemütlich im Wohnzimmer sitzend, bei einer Schüssel Popcorn der dramatischen Romanze zwischen Kate Winslet und Lenardo DiCaprio im Film „Titanic“ mitfieberten. Denn obwohl uns hier eher kein Unglück auf einem Kreuzfahrtschiff drohe, merke sich das Unterbewusstsein, was bei einer Havarie zu tun sei.

„Und ich kann mir das ja auch für eine Fahrt mit der Werranixe einprägen“, sagt die Psychologin. „Wenn dabei ein Motorboot vorbeikommt und das Schiff schaukelt, kann ich mir ins Gedächtnis rufen, dass der Untergang der Titanic schlimmer war.“ Das sorge für ein Gefühl von Sicherheit. Wenn sich Wissen aus Katastrophenschilderungen mit dem Unwissen, wie man sich auf dem Wasser verhalte, mische, entstehe etwas, woraus wir Sicherheit generierten, so Heiten.

Psychologin aus Eschwege erklärt: Es besteht ein Unterschied zwischen Katastrophen und Krisen

Gesa Heiten unterscheidet dabei zwischen Katastrophen und Krisen. „Krisen deuteten sich an, während Katastrophen über uns hereinbrechen.“ Auch bei den Menschen gäbe es Unterschiede. „Manche suchen die Spannung und andere unterdrücken sie.“ Denn eine andere Art von Sicherheit sei es, sich durch Verdrängung zu schützen. „Dem Sensationslüsternen steht der Repressor gegenüber“, sagt Heiten. Diese Unterscheidung sei nicht negativ zu werten.

In der Corona-Pandemie gehörten zu den Repressoren auch jene, die die Katastrophe verdrängten, Menschen, die die Infektionszahlen nicht hören wollten. „Das verbreitet dann gefühlte Sicherheit und ist das gleiche Motiv, wie bei den Sensationsbegeisterten“, so Heiten.

Die Corona-Pandemie stellt die Gesellschaft vor große Herausforderungen, die zu Dauergereiztheit und Aggressionen führen. Ein Psychologe aus Kassel gab dazu ein Interview. (Kim Hornickel)

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