Aktion Kornblume

Faulunger Familie wurde vor 60 Jahren zwangsumgesiedelt

Die Nachfahren: Daniel Kaufhold und Vater Werner Kaufhold fragen sich, warum die Eltern und Großeltern umgesiedelt wurden. Die rudimentäre Stasiakte gibt dazu keinen klaren Hinweis.
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Die Nachfahren: Daniel Kaufhold und Vater Werner Kaufhold fragen sich, warum die Eltern und Großeltern umgesiedelt wurden. Die rudimentäre Stasiakte gibt dazu keinen klaren Hinweis.

Vor 60 Jahren wurde die gesamte Familie Kaufhold aus Faulungen unangekündigt in die Nähe von Sömmerda umgesiedelt. Was der Staatssicherheit an der Familie ein Dorn im Auge war, ist bis heute nicht bekannt.

Faulungen/Eschwege – Der Enkel Daniel Kaufholf will der Geschichte seiner Großeltern, die in der Fünf-Kilometer-Zone lebten, auf die Spur kommen.

Es ist ein Dienstag vor fast genau 60 Jahren. In der Hauptstraße Nr. 8 des kleinen thüringischen Dorfes Faulungen (Unstrut-Hainich-Kreis), etwa anderthalb Kilometer hinter dem Wanfrieder Kalkhof, steht Rosa Kaufhold an jenem 3. Oktober 1961 als erste ihrer Familie in aller Frühe auf. Sie wird sich um die zwei Kühe und zwei Schweine im Stall kümmern.

Rosa hat heute ihren 48. Geburtstag. Eine eigenartige Ruhe schwebt über dem Ort Faulungen, der wunderschön im Tal liegt. Rosas Mann Wendelin Kaufhold, die drei Kinder Theo, Doris und Werner sowie ihre Schwiegermutter schlafen noch. Währenddessen fährt eine ungewöhnlich große Anzahl an Lastwagen an zwei Straßen des Ortsrandes vor.

Die Ausweisung

Etwas später macht sich der 17-jährige Sohn Theo Kaufhold mit weiteren Arbeitskollegen zu Fuß in das drei Kilometer entfernte Diedorf auf, um dort zu arbeiten. Seine zwei Jahre jüngere Schwester Doris verlässt ebenfalls das Haus und will zur Lehre mit dem Bus nach Mühlhausen fahren. Gegen 7 Uhr klopft jemand mit Nachdruck an die Haustür. Es ist ein mit einer Kalaschnikow bewaffneter Offizier. Der Hausherr Wendelin – ein freier Händler (zu DDR Zeiten etwas Ungewöhnliches) öffnet im Nachthemd gekleidet. Der Offizier klärt die Personalien der Familie, konfisziert die Ausweise wegen Fluchtgefahr und verkündet, dass er den Parteiauftrag habe, Familie Kaufhold von Faulungen nach Mannstedt im Kreis Sömmerda umzusiedeln. Sie sollen unverzüglich ihre Sachen packen. Außerdem stehen fremde Genossen zum Anfassen bereit und eben ein Lkw.

Die Nachfahren

So muss sich die Zwangsaussiedlung „Aktion Kornblume“ für Daniel Kaufholds Großeltern 1961 abgespielt haben. Heute 60 Jahre danach steht der Musiklehrer der Eschweger Anne-Frank-Schule als Enkel von Rosa und Wendelin Kaufhold an dem Punkt, diese Familiengeschichte zu verstehen und aufzuarbeiten. Seine Großeltern sind mittlerweile verstorben. Als sie noch lebten war er zu jung, um Fragen zu stellen.

Sein Vater Werner und dessen Geschwister können noch aus ihren Jugend- und Kindheitserinnerungen berichten. Was sie aber nicht können, ist, über die damaligen Gefühle und Gedanken ihrer Eltern etwas zu sagen. Auch sie können heute nur vermuten. Was mag Rosa und Wendelin Kaufhold in einer solch surrealen Situation wohl durch den Kopf gegangen sein? Innerhalb von Minuten wird ihnen klar, sie werden gegen ihren Willen weggebracht. Das gewohnte Leben wird sich nun abrupt ändern. Ein Abschied von Freunden, Verwandten und dem Ort ist nicht mehr möglich. Jetzt gilt es, die Familie zusammenzuhalten.

Ohne Begründung

Gründe für die Evakuierung werden ihnen zu keiner Zeit genannt, lediglich wiederholt man den Parteiauftrag. Der älteste Sohn Theo sieht mit seinen Arbeitskollegen die vielen Laster am Ortsrand. Er ahnt noch nicht, dass er mit einem dieser Fahrzeuge heute den Heimatort für Jahre verlassen muss. Aus Sorge und Angst kehren alle um. Doris Kaufhold und alle anderen Faulunger müssen aus dem Arbeiterbus nach Mühlhausen aussteigen. Alle Schüler des Dorfes bekommen schulfrei. Keiner soll das Dorf verlassen.

Bei Kaufholds zu Hause versteht man die Welt nicht mehr. Man erinnert sich an die erste Zwangsaussiedlung 1952 vor neun Jahren (Aktion „Ungeziefer“). Damals wurde die Bevölkerung massiv mit Waffengewalt verängstigt. Diese Erinnerungen werden wieder wach, daher läuft 1961 alles relativ ruhig und ohne größeren Widerstand ab. Das verhindert aber nicht, dass sehr viele Tränen fließen. Wendelin Kaufhold bittet die Verantwortlichen mehrfach und eindringlich: „Wenn ich etwas verbrochen habe, dann stellt mich vor Gericht oder sperrt mich ein. Aber lasst meine Familie in Ruhe!“ Eine Reaktion bleibt weiterhin aus. In allem Trubel ist unklar, ob die ebenfalls im Haus wohnende Mutter von Wendelin auch umgesiedelt werden soll. Kaufhold geht in sein Schlafzimmer, um sich anzukleiden und Wertsachen zu sichern. Ein leitender Parteigenosse folgt ihm und will ihn beim Anziehen bewachen. „Anziehen kann ich mich noch alleine!“ soll er dem Genossen gesagt haben. Wenigstens das zeigte Wirkung und Wendelin hatte ein paar Minuten für sich.

Weitere Betroffene

Heute versucht Daniel Kaufhold sich fassungslos in die Menschen von damals hineinzuversetzen: Wie fühlte man sich? Was dachte man? Nicht nur seinen Großeltern erging es am 3. Oktober 1961 so: Rund zehn Familien sind aus dem 600 Seelen Dorf Faulungen an diesem Tag ausgesiedelt worden. In keinem anderen Ort des Eichsfeldes traf es so viele Menschen. Zum Vergleich: Im 1500 einwohnerstarken Nachbarort Lengenfeld unterm Stein traf es nur zwei Familien.

Der Umzug

Mittlerweile ist das ganze Dorf in Aufruhr. In der Hauptstraße 8 herrscht nun Klarheit, was die Mutter von Wendelin angeht. Sie steht nicht mit auf der Liste und darf als einzige in Faulungen bleiben. Nun wird im Akkord gepackt. Es werden große Kisten gebracht, alles wird aus den Schränken genommen und dort einfach reingeworfen. Da Wendelins Mutter in Faulungen bleiben darf, muss nun auch für viele Gegenstände – beispielsweise das Besteck und Geschirr – entschieden werden, was bleibt für sie in Faulungen und was wird mitgenommen. Die Zeit drängt, und der eigentliche vorgesehene Plan ist nicht mehr zu schaffen. Die Genossen erlauben, dass Verwandte der Familie zum Helfen kommen dürfen. Der jüngste Sohn, Werner Kaufhold, wird losgeschickt, um Hilfe zu holen. Am frühen Nachmittag ist man fertig und der Laster beladen.

Wendelin und die drei Kinder kommen hinten auf die Pritsche des Anhängers. Rosa Kaufhold muss vorne im Lkw zwischen einem Fahrer und einem Stasi-Offizier sitzen. Die Angst der Familie Kaufhold ist groß. Wendelin flucht und sagt: „Das sind russische Methoden.“ Ein paar Stunden später kommen sie in dem Dorf Mannstedt bei Buttstädt im damaligen Kreis Sömmerda an. Dort weist man ihnen eine Wohnung über einem Tante-Emma-Laden zu, in ihr wimmelt es von Mäusen.

Suche nach Antworten

Auch 60 Jahre nach dieser in seinen Augen unrechten „Aktion Kornblume“ bleibt für Daniel Kaufhold als Nachfahre immer noch die Frage: Warum mussten seine Großeltern von ihrem Heimatdorf zwangsweise ausgesiedelt werden?

Die rudimentäre Stasiakte gibt dazu keinen klaren Hinweis. Wendelin war gewähltes Gemeinderat Mitglied und bekannt für seine direkte, offene und ehrliche Art. Vielleicht war sie zu direkt und zu offen?

Vielleicht war er als freier Händler der SED zu kapitalistisch? Eine befriedigende und eindeutige Antwort gibt es für die Familie Kaufhold bislang nicht. Das Haus in der Faulunger Hauptstraße steht heute im Oktober 2021 noch fast so da, wie vor 60 Jahren. Der letzte Mieter ist bereits ausgezogen. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Ein eingebautes Bad und eine Toilette gibt es immer noch nicht.

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