Der erste Segelflug: Federleicht durch die Luft

Witzenhausen. Wir steigen. Höher und höher. Innerhalb von Sekunden erscheinen Bäume und Häuser bereits winzig. Das Auge - durch das Objektiv einer Kamera schauend - ist überfordert. Mit dem Schaukeln des Flugzeugs torkelt auch der Blick hin und her.

Plötzlich scheint sich ein Loch in der Luft aufzureißen und wir fliegen mitten hinein. Ein kurzes Schleudern, der Kopf knallt leicht gegen die Scheibe, das Mittagessen gegen die Magenwand. Ein Schwindelgefühl breitet sich aus. Zum Glück ist die nötige Höhe erreicht und wir kreisen von nun an gemächlich über Witzenhausen, von der Luft getragen wie eine Feder.

Zwei Eindrücke bleiben von meinem ersten Segelflug: ein Gefühl der Leichtigkeit und ein flaues Gefühl im Magen. Dass die Leichtigkeit viel stärker nachwirkt als der Magen, liegt an Günther Grundmann, dem erfahrenen Flieger, mit dem ich im Segelflugzeug des Typs ASK 13 mitfliege.

Naturphänomene für sich nutzen - diese Herausforderung fasziniert Günther Grundmann am meisten am Segelfliegen. Der 69-Jährige fliegt seit 43 Jahren im Luftsportverein Münden-Staufenberg. Seit 39 Jahren ist er Fluglehrer. Seinen Schülern bringt Grundmann nicht nur das Handwerk bei. „Ich versuche auch zu zeigen, was für tolle Erlebnisse damit verbunden sind“, sagt er.

Solche Erlebnisse häufen sich im Fliegerlager, den die Luftsportvereine Witzenhausen und Münden-Staufenberg noch bis Sonntag 12. August ausrichten. Dort wird geflogen, es werden Erfahrungen ausgetauscht - und Interessenten mit in die Luft genommen.

Ein Propellerflugzeug zieht uns an einem Seil auf eine Höhe von 500 Metern. Danach geht es in kreisförmigen Bahnen weitere 300 Meter aufwärts, allein durch das Ausnutzen der Aufwinde.

Mit Hilfe der Thermik wird geflogen: Günther Grundmann sitzt im Cockpit eines Segelflugzeugs und dreht seine Kreise hoch über Witzenhausen und Umgebung. Ohne Motor muss ist er beim Fliegen auf die Luftbewegungen angewiesen.

Mit jedem Kreis, den Günther Grundmann dreht, wächst das Schwindel-Gefühl. Als erfahrener Fluglehrer kennt Grundmann die Situation. „Wenn ich als Beifahrer im Auto etwas lese, geht das nicht lange gut. Dann merke ich’s auch im Bauch“, sagt er. Wenn man selbst am Steuer sitzt, ist es etwas anderes. Genauso sei es im Segelflugzeug. „Sobald ich eine kleine Luftbewegung spüre, weiß der Körper gleich, was kommt.“ Wer aber nur mitfliegt, werde von jeder Bewegung überrascht, womit der Körper schwer zurecht kommt.

Abgesehen davon ist der Flug ein großartiges Erlebnis. Angst? Gefahr? Fehlanzeige. „Ein disziplinierter Pilot fliegt gefahrenlos“, lautet Grundmanns Einschätzung des Risikos. Ständige Übung biete einem „wesentlich größere Sicherheit.“ Hierfür gibt es Vorschriften: Wer eigenverantwortlich fliegt, muss 25 Starts innerhalb von zwei Jahren nachweisen. Für Grundmann und seine Vereinsfreunde ist das kein Problem.

Zum Segelfliegen ist Grundmann über einen Freund gekommen, der ihn zum LSV Münden-Staufenberg mitgenommen hatte. „Fasziniert hat mich das Fliegen aber auch vorher schon“, ergänzt er. Im Alter von 26 Jahren trat er dem LSV bei. Seitdem gehört der Flug zu seinem Leben dazu. „Ein engagierter Segelflieger verbringt fast jedes Wochenende auf dem Flugplatz“, sagt Grundmann. Beim Fliegerlager können es aber auch schon mal zwei Wochen am Stück werden.

Von Eugen Maier

Rubriklistenbild: © Maier

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