Weihnachten entstehen Brennpunkte

Corona-Lockdown und Feiertage: Die Gefahr der häuslichen Gewalt ist hoch

Spannungsgeladene Weihnachten: Experten schauen mit Sorge auf die Feiertage. In manchen Familien ist das Konfliktpotenzial hoch.  
Symbolbild: Maurizio Gambarini/dpa
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Spannungsgeladene Weihnachten: Experten schauen mit Sorge auf die Feiertage. In manchen Familien ist das Konfliktpotenzial hoch. Symbolbild: Maurizio Gambarini/dpa

Der Corona-Lockdown könnte die Anzahl der Fälle von häuslicher Gewalt in die Höhe schnellen lassen. Diese Befürchtungen beziehen sich im Besonderen auf die Feiertage.

Die Corona-Pandemie hatte in diesem Jahr starke Auswirkungen. Jetzt stehen ein Lockdown und Feiertage vor der Tür. Experten befürchten eine erhöhte Zahl häuslicher Übergriffe.

Häusliche Gewalt im Corona-Lockdown: Experten befürchten steigende Zahlen zu Weihnachten

In der Zeit um Weihnachten und den Jahreswechsel könnte es zu einer erhöhten Zahl an häuslichen Übergriffen kommen, dies befürchtet nicht nur Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und verweist auf einen Anstieg der Zahlen zu Ostern. Auch das Gleichstellungsbüro des Werra-Meißner-Kreises blickt mit Sorge auf die kommende Zeit.

Auf Grundlage der Zahlen der Frauenberatungsstelle verzeichnete das Gleichstellungsbüro des Kreises für 2019 137 Beratungen für Frauen und vier Beratungen für Männer. 90 Prozent der Hilfesuchenden stammten aus dem Werra-Meißner-Kreis, die Hälfte davon aus Eschwege.

Tatsächliche Dimension von der Anzahl der Taten häuslicher Gewalt liegt im Dunkeln

Für die kommenden Tage erwartet das Gleichstellungsbüro einen Anstieg der Zahlen. Nach Angaben der Polizeidirektion gab in den vergangenen drei Jahren keine signifikante Zunahme an Gewalttaten, die sich in der Weihnachtszeit zugetragen haben.

Allerdings nehmen nicht alle Opfer Hilfsangebote an, erstatten Anzeige oder sprechen über ihre Situation: deshalb liegt die tatsächliche Dimension im Dunkeln. Dies deckt sich mit den Erfahrungen des Frauenhauses Eschwege, auch hier war es in den vergangenen Jahren zu der Weihnachtszeit „eher ruhig“.

Frauenhaus verzeichnete Anstieg an Anfragen erst mit Corona-Lockerungen

Das Frauenhaus wird vom Verein Frauen für Frauen – Frauen für Kinder im Werra-Meißner-Kreis betrieben. „Wir vermuten, dass vieles nicht nach außen dringt, auch weil zu Weihnachten die Harmonie gewahrt werden soll“, erklärt Petra S. (Name von der Redaktion gekürzt), Mitarbeiterin des Frauenhauses. Zudem sei es so, dass es ein längerer Prozess sei, ehe sich Frauen an die Einrichtung wenden: Sie harrten oftmals sehr lange in einer Gewaltbeziehung aus. Auch während des ersten Corona-Lockdowns hätten wenige Frauen hier Zuflucht gesucht.

Petra S. erklärt sich dies mit den Bewegungseinschränkungen und der starken Kontrolle, unter der einige Betroffene in ihrem häuslichen Umfeld gestanden hätten. Aber auch, dass die Corona-Situation zu viel Unsicherheit mit sich brächte, um einen mutigen Schritt nach außen zu wagen. Erst mit den ersten Lockerungen seien die Anfragen an das Frauenhaus gestiegen.

Erster Corona-Lockdown: Verdopplung der Straftaten mit häuslicher Gewalt

Nach der Studie der TU München waren während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr rund drei Prozent der befragten Frauen Opfer körperlicher Gewalt, 3,6 Prozent wurden von ihrem Partner vergewaltigt. 3,8 Prozent der Befragten meldeten emotionale Gewalt, etwa durch übermäßige Kontrolle des sozialen, digitalen Lebens oder Ausgangssperre. In 6,5 Prozent aller Haushalte wurden Kinder gewalttätig bestraft. Insgesamt seien Frauen mit rund 81 Prozent und Kinder aller Altersgruppen besonders häufig betroffen. Aber auch Männer würden mit 19 Prozent Opfer häuslicher Gewalt. Wobei die Dunkelziffer hier vermutlich noch höher liegt.

Auf Nachfrage bestätigt die Polizeidirektion Werra-Meißner, dass es während des Corona-Lockdowns kreisweit zu einer Verdopplung der Straftaten gekommen sei. Allein im April stieg die Zahl von durchschnittlich zehn Straftaten pro Monat auf 22 Delikte. „Bei den meisten angezeigten Straftaten handelt es sich um Körperverletzungsdelikte – mitunter auch gefährliche“, erklärt Pressesprecher Jörg Künstler.

„Weiterhin kamen Straftaten wie Bedrohung, Nachstellung, wie Stalking, Nötigung und Sexualdelikte zur Anzeige.“ Die Straftaten wurden zumeist an den Wochenenden ausgeübt und richteten sich überwiegend gegen Frauen. Kinder seien selten direkt betroffen gewesen.

Hier gibt es sofort Hilfe

Werra-Meißner-Kreis

Polizei 110 und jede örtliche Polizeidienststelle

Frauenhaus, Tel. 0 56 51/ 3 26 65

Frauenberatungsstelle, Tel. 0 56 51/78 43

Awo-Männerberatung, Tel. 01 51/58 80 52 03

Sozialpsychiatrischer Dienst des Gesundheitsamtes, Tel. 0 56 51/30 22

Zentrale Notaufnahme des Klinikums Werra-Meißner Tel. 0 56 51/82 25 90

Bundesweit (rund um die Uhr)

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, Tel. 08000/11 60 16

Hilfetelefon Gewalt gegen Männer, Tel. 0800/1 23 99 00

Nummer gegen Kummer für Kinder, Tel. 116 111

Häusliche Gewalt geht oft mit Spannungen und emotionalen Konflikten einher

Die Gründe für den mutmaßlichen Anstieg häuslicher Übergriffe sieht die Kreisverwaltung in der Stilllegung des öffentlichen Lebens. Gaststätten, Fitnessstudios, Vereine und Bordelle seien geschlossen, die Familie als Einheit verbringe gezwungenermaßen viel Zeit zusammen.

„Unter diesen Umständen steigt besonders an den Feiertagen das Risiko von Spannungen und emotionalen Konflikten innerhalb der eigenen vier Wände und damit einhergehend auch die Gefahr von physischer, psychischer und sexueller Gewalt“, so der Sprecher des Werra-Meißner-Kreises, Jörg Klinge.

Da Schulen, Kindergärten und Arbeitsstätten nicht zugänglich sind, können auch weniger Außenstehende die Anzeichen wahrnehmen. Den Betroffenen, sofern sie sich nicht selbst um Unterstützung bemühen können, fehle die Sichtbarkeit ihrer Situation.

Häusliche Gewalt: Das kann man tun - auch über die Feiertage oder den Corona-Lockdown hinaus

Beim Thema häusliche Gewalt sei Zivilcourage und ein offenes Ohr für das Miteinander gefragt, sagen die Experten. Weil viele Betroffene zusätzlich zu der prekären Situation zu Hause auch mit einem Schamgefühl leben, wenden sie sich nicht immer oder erst sehr spät, nach außen.

Nimmt man als Nachbar, Lehrer, Erzieher, Freund oder Familienmitglied Anzeichen von psychischer oder emotionaler Gewalt wahr, gibt es unterschiedliche Arten der Hilfe. Die Bereitschaft des Zuhörens und Tröstens ist wichtig. Bei akuter Gefahr sollte die Polizei oder das Jugendamt verständigt werden. Eine Meldung kann anonym abgegeben werden.

Auch bei der Bewältigung des Alltags oder neuen Herausforderungen können die Betroffenen unterstützt werden, beim Gang zum Anwalt, Arzt, Selbsthilfegruppen, bei der Wohnungssuche oder durch Kinderbetreuung und Zeitspende. Wie brisant das Thema ist, zeigt sich auch in der neuen Initiative „Maske 19“.

Bevor Spannungen und emotionale Konflikte eskalieren und zu häuslicher Gewalt führen, sollte man etwas tun. Paartherapeutin Franziska Schlag gibt Tipps, wie man mit den Belastungen der Corona-Pandemie in einer Beziehung umgehen kann. (Maren Schimkowiak)

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