MONTAGSINTERVIEW Gleichstellungsbeauftragte über Chancen in der Krise

„Frauen müssen sich ermächtigen“

Eine Frau betrachtet ein Plakat in der Schau „Damenwahl 100“ anlässlich der Einführung des Frauenwahlrechts.
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Eine Frau betrachtet ein Plakat in der Schau „Damenwahl 100“ in Frankfurt anlässlich der Einführung des Frauenwahlrechts.

Seit gerade einmal 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland wählen. Dieses Recht haben sie sich hart erkämpft. Seitdem hat sich einiges getan, doch es gibt noch Luft nach oben, sagt die Gleichstellungsbeauftragte des Werra-Meißner-Kreises Thekla Rotermund-Capar.

Anlässlich des heutigen Internationalen Frauentags sprachen wir mit ihr über Familienarbeit und welche Chance die Coronakrise für Familien sowie „systemrelevante“ Berufe darstellt.

Frau Rotermund-Capar, sind Frauen in unserer Gesellschaft gleichberechtigt?

Nein.

Warum?

Weil wir in einem patriarchalen System leben, das hierarchisch aufgebaut ist. Der Mann hat nach wie vor eine bessere Position und steht in vielen Bereichen über der Frau, zum Beispiel im Gehalt. Familienarbeit ist immer noch eher Frauensache, auch wenn sich Männer mittlerweile stärker beteiligen.

Wie kann man das ändern?

Zum einen müssen die Frauen sich selbst ermächtigen. Das heißt, sie müssen sich gut auskennen, was Gesetze und ihre Rechte betrifft. Sie sollten sich auch selbst versorgen können – unabhängig von ihrem Partner. Auf der anderen Seite gilt es, Männer in der aktiven Partnerschaft zu unterstützen. Sowohl vonseiten der Familie als auch der Unternehmen. Männer sollten die Möglichkeit haben, sich aktiv am Familienleben zu beteiligen.

Also muss man für beide Seiten Gleichstellungsarbeit leisten?

Ja. Wir haben immer eine Tendenz dazu, darauf zu warten, dass sich etwas erfüllt. Wir hoffen, dass der Partner sich von sich aus am Familienleben beteiligt. In Unternehmen wartet man darauf, dass der Arbeitnehmer kommt und sagt: Ich will Elternzeit nehmen. Man muss aber selbst ein Angebot machen. Eine Frau kann dem Partner zum Beispiel vorschlagen, dass er einen Tag in der Woche zu Hause bleibt und sich um die Kinder und den Haushalt kümmert. Damit würde der Vater auch zum Vorbild werden. Dazu muss sich ein Mann im Unternehmen auch trauen, die Elternzeit einzufordern.

Ist es bei Arbeitgebern stigmatisiert, wenn Männer in der Familie eine größere Rolle einnehmen wollen?

Durch das konservative und patriarchale Weltbild wird Familie noch immer der Frau zugeschrieben. Teilzeitstellen übernehmen überwiegend Frauen, obwohl auch Männer die Möglichkeit hätten. Es gibt aber zunehmend mehr Männer – auch in hohen Positionen – die sich für weniger Geld und mehr Zeit mit der Familie entscheiden und zum Beispiel Teilzeitstellen annehmen. Diese Männer braucht es, die diese Philosophie in die Unternehmen tragen. Denn es ist auch ein Gewinn für die Arbeitgeber. Das muss Unternehmenspolitik werden.

Sodass es irgendwann normal ist.

Genau. Und dann würde sich auch das System ändern. Wenn man immer nur Frauenförderung betreibt, ändert sich auf der anderen Seite nichts. Und je mehr Männer sich in der Familienarbeit einbringen und das auch in die Unternehmen tragen, desto mehr Frauen stoßen durch die gläserne Decke und können sich am Erwerbsleben beteiligen.

Ist die Coronakrise nun eine Chance für Familien?

Ich glaube, es ist erst mal eine Chance für Männer. Für Frauen ist es eher eine enorme Belastungssituation. Frauen sind stark belastet zwischen Homeoffice und Homeschooling. Andere, die in der Pflege arbeiten, sind ebenfalls sehr stark gefordert. Der Gewinn mag sein, dass sie noch belastbarer werden. Viele Männer, die in Kurzarbeit sind, haben aber jetzt die Chance, sich aktiver zu beteiligen, entdecken etwa das Kochen für sich oder Ähnliches. Die Pandemie hat Männern in gewisser Hinsicht den roten Teppich in die Familienarbeit ausgerollt.

Dann muss es nur so bleiben.

Richtig. Es gibt viele Vorteile für Frauen, ich sehe aber auch viele Nachteile, zum Beispiel beim Thema häusliche Gewalt.

Und was sind die Vorteile? Stichwort: Systemrelevanz?

In der Coronakrise ist das Thema Fürsorge ins Zentrum unserer Gesellschaft gerückt, besonders durch die systemrelevanten Berufe, auf die wir in der Krise nicht verzichten können. Zum Beispiel in der Altenpflege, im Krankenhaus oder auch im Lebensmittelladen. In diesen Berufen arbeiten vorrangig Frauen. Und diese Berufe erfahren durch die Krise plötzlich eine ganz andere Wertschätzung. Schlecht bezahlt ist die Arbeit dennoch, gesellschaftliche Wertschätzung hat sie aber bekommen.

Besteht die Gefahr, dass das nach der Pandemie wieder in Vergessenheit gerät?

Ich befürchte, dass das wieder versiegt, wenn wir jetzt nicht weiter an der Bedeutung dieser Fürsorgearbeit arbeiten. Die Menschen müssen erkennen, dass wir bedürftig sind von der Geburt bis zum Tod. Die Qualität dieser Arbeit müssen wir in unseren Köpfen und in unserem Leben fest verankern. Dann ist es eine Chance, dass die Wertschätzung bleibt. Und dann hat sich auch etwas in diesem System geändert.

Wie schaffen wir das?

Indem wir das miteinander üben. Das fängt in der Familie an. Wir müssen darauf achten, dass sich jeder an der Fürsorgearbeit beteiligt. Wir müssen erkennen, dass wir alt werden, wie wir dann abgesichert sind, leben und gepflegt werden wollen. Die Pandemie ist eine Gelegenheit, darüber nachzudenken, welche Bedeutung Fürsorge für mich selbst hat.

Und zusätzlich müsste man wohl auch an der Gehaltsschraube drehen.

Natürlich. Die Fürsorgearbeit muss dauerhaft angemessen honoriert werden. Gehälter von Männern und Frauen müssen angeglichen werden. Unser Tarifsystem orientiert sich aber oft an Industriearbeit und körperlicher Arbeit. Männer verdienen noch immer mehr als Frauen. 19 Prozent mehr. Das ganze Tarifsystem muss sich ändern. Das hat auch etwas mit der Wertschätzung von Fürsorgearbeit zu tun. Deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt für Tarifgemeinschaften, daran zu arbeiten.

Weil in der aktuellen Situation deutlich wird, dass diese systemrelevanten Berufe nicht genug wertgeschätzt und unterbezahlt sind?

Ja. Aber daran müssen jetzt die Gewerkschaften und Verhandlungspartner arbeiten. Jessica Sippel

ZUR PERSON

Thekla Rotermund-Capar (61) ist seit dem 1. April 1999 Gleichstellungsbeauftragte des Werra-Meißner-Kreises. Die Feministin machte nach dem Abitur zunächst eine Ausbildung zur Anwaltsgehilfin, bevor sie als Diplom-Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin beim Gleichstellungsbüro anfing. Sie ist verheiratet, hat keine Kinder, aber sieben Katzen. jes

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