Spiel in der Kreisliga

Freispruch nach Foul: Attacke gegen Fußballer kein „pflichtwidriges Verhalten“

Eschwege. Mit einem Freispruch endete am Donnerstag in Eschwege vor dem Amtsgericht der Prozess gegen einen 33 Jahre alten Mann aus der Kreisstadt, dem die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift vorsätzliche Körperverletzung und Beleidigung vorgeworfen hatte

Der Anklagevertreter war zu Beginn der Verhandlung davon ausgegangen, dass der Mann als Spieler während eines Kreisligamatches im Oktober 2015 in Witzenhausen einen gegnerischen Fußballer vorsätzlich schwer verletzt und anschließend beleidigt hat.

Am Ende der Verhandlung, nach der Befragung von neun Zeugen, forderten der Staatsanwalt ebenso wie Verteidiger Dr. Kevin Faber Freispruch. Der Angeklagte sei aus tatsächlichen Gründen freizusprechen, formulierte Amtsgerichtsdirektor Dr. Alexander Wachter in der Urteilsbegründung.

Der Sachverhalt: In der 74. Minute des Spiels beim Stand von 0:2 gegen das Team aus Eschwege setzte der Stürmer aus Witzenhausen zu einem Angriff auf das gegnerische Tor an. Der 33-jährige Eschweger stoppte ihn mit einem Foul - das ist unstrittig. Der 23-jährige Angreifer stürzte auf die Schulter und verletzte sich dabei so schwer, dass sämtliche Bänder rissen, er vier Tage stationär im Krankenhaus behandelt wurde und bis heute gesundheitliche Probleme hat.

Für das Gericht galt es am Donnerstag herauszufinden, ob die Attacke des Angeklagten auf den gegnerischen Stürmer als Straftat zu werten ist oder im Rahmen dessen geschah, was in einem Fußballspiel üblich ist. Nach den Zeugenvernehmungen stand für Dr. Wachter fest, dass dem 33-Jährigen kein „pflichtwidriges Verhalten“ vorgeworfen werden kann. Wer Fußball spiele, wisse um das Risiko. „Aber“, so Dr. Wachter, „das Fußballfeld ist kein rechtsfreier Raum.“ Für den Vorsatz der Körperverletzung und für die Beleidigung fanden sich in der Hauptverhandlung keine Anhaltspunkte.

Neun Zeugen hörte das Gericht am Donnerstag im Verfahren gegen den 33-jährigen Fußballer aus Eschwege - den im Zweikampf verletzten Gegenspieler, einen weiteren gegnerischen Fußballer, Mitspieler, einen Betreuer und Linienrichter sowie den Schiedsrichter. Die werteten das Foul des Eschwegers gegen den 23 Jahre alten Stürmer aus Witzenhausen ganz unterschiedlich: Während das Opfer davon sprach, dass der Angriff des Eschwegers nur seinen Beinen gegolten habe und der Mitspieler des Stürmers aus Witzenhausen von einem harten Bodycheck sprach, der mit Fußball nichts zu tun gehabt und die rote Karte verdient hätte, nannte ein Mitspieler des Angeklagten die Attacke ein „taktisches Foul“. Der Schiedsrichter als neutraler Fachmann konnte sich am Donnerstag nicht an die Spielszene von vor eineinhalb Jahren erinnern.

Keinen Beleg gab es für die Vorwürfe des Vorsatzes und der Beleidigung. Keiner der Zeugen - auch der vermeintliche Adressat nicht - wollte gehört haben, dass der Angeklagte seinen Kontrahenten als „scheiß Kanacke“ beschimpft oder das Foul mit den Worten „den haue ich weg“ angekündigt hatte. Wie der Vorwurf in die Anklageschrift geraten war, blieb am Donnerstag ungeklärt. Amtsgerichtsdirektor Dr. Alexander Wachter machte in der Urteilsbegründung deutlich, dass er im vorliegenden Fall nicht von einem groben oder rücksichtslosen Foul ausgeht. Er berief sich dabei auf die Definition des Deutschen Fußballbundes, sprach die Sanktionierung des Fouls durch den Schiedsrichter an, der im Oktober 2015 lediglich eine gelbe Karte gezeigt und somit grobes Foulspiel verneint hatte. Das hätte nämlich eine rote Karte nach sich gezogen.

Der Angeklagte habe den gegnerischen Angreifer nur mit Körpereinsatz stoppen können. Und der sei in der Folge des Bodychecks unglücklich gestürzt, so Dr. Alexander Wachter. „Wenn solche Fouls strafrechtlich geahndet würden“, fragte Verteidiger Dr. Kevin Faber in seinem Plädoyer, „würde dann noch jemand Fußball spielen?“

In seinem letzten Wort richtete der Angeklagte Worte des Bedauerns an den verletzten Fußballer aus Witzenhausen. Das Foul tue ihm leid, er hoffe, dass der gegnerische Sportler die Entschuldigung annehme. Der erkundigte sich gestern nach den Möglichkeiten zivilrechtlichen Vorgehens gegen den Freigesprochenen.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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