"Vergesst uns nicht"

Fürstenhager Jugendchor sang kurz vor der Grenzöffnung in der DDR

Fröhlich und doch voller Sorgen: Das Abschiedsfoto des Fürstenhagener Jugendchors am 1. Oktober 1989 nach dem Konzert in der Weimarer Jakobskirche. Foto: Merkel

Weimar/Fürstenhagen. 30 junge Sängerinnen und Sänger des Jugendchors „Impuls" der Kirchengemeinde Fürstenhagen traten kurz vor der Grenzöffnung am 30. September 1989 in Weimar auf.

Weimar/Fürstenhagen. „Farbe kommt in dein Leben, wo der Meistermaler malt“, die mehr als 300 Besucher in der altehrwürdigen Jakobskirche in Weimar klatschten und sangen begeistert mit an jenem historischen 30. September 1989.

30 junge Sängerinnen und Sänger des Jugendchors „Impuls“ der Kirchengemeinde Fürstenhagen brachten unter der Leitung von Matthias Friedrich mit ihren Liedern das thüringische Gotteshaus zum Swingen und das Publikum zum Klatschen. Gleichzeitig teilte Hans-Dietrich Genscher den Botschaftsflüchtlingen in Prag mit, dass sie in die Bundesrepublik ausreisen durften.

In den vorangegangenen Jahre waren mehrfach Jugendliche mit Pfarrer Gert Merkel nach Weimar gereist und hatten dort Mitglieder der Jungen Gemeinde getroffen. Wie auch diesmal waren sie in den Familien untergebracht, und der Aufenthalt als Verwandtschaftsbesuch deklariert.

Diesmal jedoch war die Anspannung spürbar. Pfarrer Merkel hatte das auf der Hinfahrt schon verspürt. Im DDR-Zollbereich musste er fast zwei Stunden auf die Einfuhrgenehmigung für das elektrische Klavier warten. Dabei fiel auf, dass viele DDR-Bürger mit Privat-Pkw aus dem Westen zurückkamen.

Bedrängend dann die Szene vor dem Haus der Volkspolizei, wo der Westbesuch sich anmelden musste. Aus dem Keller des Gebäudes holten Mitglieder einer Betriebskampfgruppe ihre Waffen. Gleichzeitig wurde erzählt, dass die thüringische Sektion der Oppositionsgruppe „Neues Forums“ sich in Weimar träfe und verschiedene Personen wohl verhaftet worden seien. „Dort oben fotografiert die Stasi die Kirchenbesucher“, erzählte Jugenddiakon Ulli Thieme seinem Cousin Pfarrer Gert Merkel und zeigte auf ein Giebelfenster im Haus gegenüber des Eingangs zur Jakobskirche.

Ein großer Erfolg

Das Publikum des Konzerts war bunt gemischt, vor allem junge Leute, viele Studenten, füllten das Kirchenschiff und die Emporen. Für den „Jugendchor Impuls“ und seine Mitglieder aus Hessisch Lichtenau und Großalmerode war der Auftritt der größte Erfolg.

Pfarrer Merkel, der über viele Jahre private und dienstliche Kontakte in die DDR unterhielt, äußerte sich bei dem Konzert erstmals öffentlich: „Wir können an den politischen Verhältnissen nichts ändern, aber wir wollen deutlich machen, dass wir uns mit euch verbunden fühlen“. Freundschaften wurden durch dieses Konzert begründet und eine Ehe.

Der Abschied war tränenreich. „Vergesst uns nicht“, so die angstvolle Bitte.

Mit einem besonderen Auftrag fuhr Pfarrer Merkel nach Hause: „Rufen Sie bitte meine Schwester an. Sie soll Kontakt zum Rechtsanwalt Vogel aufnehmen“, bat eine kirchliche Mitarbeiterin. Ihr Sohn war gerade in Frankfurt an der Oder wegen versuchter Republikflucht festgenommen worden. Vogel war bekannt als Vermittler zu den DDR-Stellen. (zgg)

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