Fundstück: Siegfried Lenz war 1980 in der Region

Siegfried Lenz †

Ringgau. Oft sind es traurige Anlässe, die zum Erinnern anregen. So auch der Tod des Schriftstellers Siegfried Lenz am Dienstag. So stößt man aber auch schnell auf schöne Anekdoten, wie diese: 1980 war Lenz auf Einladung des Verlegers Kurt Ganske gemeinsam mit dem damaligen Landrat Eitel Höhne im Ringgau unterwegs.

Für das Reisemagazin Merian schrieb er darüber unter anderem:

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Manche Art der Annäherung habe ich ausprobiert, auch sonderbare, auch sehr spezielle, doch die Art, wie ich in das geheime Wesen des Werralands, des Ringgaus, eingeweiht wurde, erscheint mit derart speziell, daß sie erwähnt zu werden verdient.

Der kenntnisreiche und humorvolle Landrat Eitel Höhne (...) lud zu einer Ringgauer Wurstprobe ein. Das geheime Wesen dieses Landes - so erklärte der Landrat schlicht - erschließe sich, wenn überhaupt, dann nur bei einer Wurstprobe. (...) Immer rascher trugen immer mehr freundliche Frauen neue Würste auf, eine wohlige Schwere hielt uns auf den Stühlen, es summte in den Köpfen, und plötzlich holte der Landrat seine Brieftasche hervor und entnahm ihr einen Geldschein, frisch gedruckt. Die Währung war mir unbekannt, sie wurde weder in Frankfurt noch in Zürich notiert, nur das sympathische Gesicht auf dem Geldschein war mir vertraut: Es war das Gesicht des Landrats. Der Einfachheit halber nannte er die Währung Höhner; und ein Höhner sollte gut sein für fünf Mark. Ich begann hellhörig, begann hellsichtig zu werden. Bereitete sich hier eine Lossagung vor? Verlangte der Ringgau etwa nach Autonomie?

Mit erklärlicher Verzögerung fragte ich den Landrat, auf welch einer Basis seine Währung ruhen sollte. Ich hätte es mir denken können: auf der Wurstbasis. Gekreuzte Würste sollten im Staatswappen prangen, die Heimwehr sollte auf den Achselklappen silberne Würste tragen, kringelförmig sollte das Präsidentenpalais erbaut werden. K. G. lächelte, er schien längst eingeweiht. Mit unhöflicher Direktheit fragte ich ihn, ob er womöglich die Unabhängigkeitsbestrebungen dieses Landes schon länger unterstützte. Er gestand es, und leise bekannte er, daß er, wenn auch nur interimistisch, ein Doppelministerium übernehmen werde: das Finanz- und Wurstministerium.“

Von Lasse Deppe

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