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Holocaust-Gedenktag: „Gedenken ist Zeichen des Respekts“

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Von: Tobias Stück

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Der Deportationen jüdischer Mitbürger, die in verschiedene Konzentrationslager verschleppt wurden, wird am Eschweger Bahnhof dauerhaft gedacht.
Der Deportationen jüdischer Mitbürger, die in verschiedene Konzentrationslager verschleppt wurden, wird am Eschweger Bahnhof dauerhaft gedacht. © Eden Sophie Rimbach

MONTAGSINTERVIEW mit dem Theologen Dr. Martin Arnold über den Holocaust-Gedenktag im Werra-Meißner-Kreis.

Werra-Meißner – Am 27. Januar 1945 befreiten Einheiten der Roten Armee die etwa 7500 verbliebenen kranken und sterbenden Menschen in dem Lagerkomplex Auschwitz nahe der polnischen Stadt Krakau. Seit 1996 wird am 27. Januar im deutschen Kalender der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ begangen – weltweit der Internationale Holocaust-Gedenktag. Auch im Werra-Meißner-Kreis wird der Opfer gedacht. Der kreisweite Gedenktag findet am Freitag in Herleshausen statt. Wir haben mit Dr. Martin Arnold, Vorsitzender des Vereins der Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens in der Region Werra-Meißner, über die Bedeutung dieses Gedenktags, das Schicksal der aus unserer Region deportierten Menschen und die Aufarbeitung der Geschichte vor Ort gesprochen.

Der 27. Januar ist der Tag, an dem das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde. Welche Bedeutung hat dieser Tag für jüdische Menschen in aller Welt?

Dieser internationale Gedenktag hat eine sehr große Bedeutung für Jüdinnen und Juden in aller Welt. Fast jede Familie hat im Holocaust Angehörige verloren, manche wurden sogar ganz ausgelöscht. Die Überlebenden haben sich geschworen: Nie wieder! Das Gedenken an die Ermordeten ist ein Zeichen des Respekts vor den Opfern.

Auschwitz gilt als eines der grausamsten und effektivsten Vernichtungslager der Nazis: Wie kann man dieses Vorgehen in den geschichtlichen Kontext einordnen?

So eine Vernichtung von Menschen hat es vorher so noch nicht gegeben. Den Antisemitismus, den Hass auf Juden, gibt es schon seit mehr als 2000 Jahren. Immer wieder wurden Juden diskriminiert, verfolgt und getötet. Aber die fabrikmäßig geplante und organisierte Ermordung von mehr als sechs Millionen Männern, Frauen und Kindern ist etwas Unvergleichliches. Darin zeigt sich auch, zu welchen Verbrechen Menschen in der Lage sind.

Auschwitz ist weit weg und lange her: Warum wird es am 27. Januar auch eine Veranstaltung im Werra-Meißner-Kreis geben?

Schon seit einigen Jahren laden die „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ zum 27. Januar an wechselnden Orten zu Gedenkveranstaltungen ein. Unter den unzähligen Opfern des Holocaust waren ja auch viele aus den Städten und Dörfern unserer Region, in der es seit Jahrhunderten 14 jüdische Gemeinden gab.

Waren nur Juden aus dem Kreis Eschwege von der Deportation nach Auschwitz betroffen?

Auch Jüdinnen und Juden aus dem Kreis Witzenhausen, besonders aus der Stadt Witzenhausen und aus Hebenshausen, wurden deportiert. Der Name „Auschwitz“ steht zunächst stellvertretend für alle Vernichtungslager im besetzten Polen, also auch für Treblinka, Sobibor, Majdanek, Chelmo, Belzec und Kulmhof. In diesen Vernichtungslagern kamen auch Jüdinnen und Juden aus dem Gebiet des heutigen Werra-Meißner-Kreises ums Leben. Aber darüber hinaus gab es viele weitere Konzentrationslager, wie etwa Buchenwald, Theresienstadt und das Ghetto in Riga, in denen Menschen durch Arbeit ausgebeutet wurden und oft auch starben. Und in Hessisch Lichtenau gab es ein Außenlager des KZ Buchenwald, in dem Frauen Zwangsarbeit leisten mussten. Insgesamt wurden mehr als 800 Menschen, die im Gebiet des heutigen Werra-Meißner-Kreises geboren waren oder lebten, Opfer des Holocaust.

Was wissen wir über die Schicksale der früheren jüdischen Mitbürger, Nachbarn, Freunde, die nach Auschwitz deportiert wurden?

Wir haben einige Augenzeugenberichte von Überlebenden des Holocaust aus Eschwege, Abterode und Herleshausen, in denen sie über ihren Leidensweg erzählen. Diese Berichte gehen sehr unter die Haut. In den Vernichtungslagern haben nur ganz wenige den Holocaust überlebt.

Warum ist die Wahl der zentralen Gedenkfeier im Werra-Meißner-Kreis auf Herleshausen gefallen?

In Herleshausen gibt es schon lange eine ausgeprägte Gedenkkultur. Der Arbeitskreis „Stolpersteine“ im Werratalverein hat unter Leitung von Helmut Schmidt die Lebens- und Leidenswege der jüdischen Herleshäuser gut recherchiert und dokumentiert. Mindestens 48 jüdische Herleshäuser wurden Opfer des Holocaust. Eine unglaubliche Zahl! Für viele von ihnen wurden in Herleshausen schon „Stolpersteine“ verlegt.

Ist die Aufarbeitung der Geschichte der jüdischen Gemeinde und Schicksale in Herleshausen vorbildlich?

Ja, das kann man so sagen. Über die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Herleshausen wissen wir heute gut Bescheid.

Gibt es Gemeinden im Landkreis, in denen die Geschichte der jüdischen Gemeinden und das Schicksal von Juden im Nationalsozialismus noch nicht ausreichend erforscht sind?

Für die größeren Orte wie Eschwege und Witzenhausen ist die jüdische Geschichte bereits gut erforscht. Die Stadt Wanfried plant gerade eine wissenschaftliche Untersuchung über die Zeit des Nationalsozialismus, in der sicher auch die jüdische Geschichte mit in den Blick genommen wird. Für einige kleinere Orte ist noch viel zu tun.

Zur Person

Dr. Martin Arnold (67) war von 2000 bis 2020 Dekan des Kirchenkreises Eschwege. Arnold ist Autor des Buches „Der Kirchenkreis Eschwege und der Nationalsozialismus“, einer Veröffentlichung zum Widerstand der Kirche im Dritten Reich. Arnold zählt zu den Gründern des Vereins der Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis und ist von Beginn an dessen Vorsitzender. Arnold ist verheiratet, Vater von vier erwachsenen Kindern und inzwischen auch Großvater. (ts)

Was kann bei der Aufarbeitung noch besser werden?

Das eine ist die wissenschaftliche Aufarbeitung. Es gibt jetzt viele neue Quellen, die durch die Digitalisierung der Akten und durch das Internet zugänglich gemacht werden, etwa von den „Arolsen Archives“. Aus ihnen erfahren wir viele neue Details. Das andere ist die Gestaltung einer Gedenkkultur, die darauf aufbaut. Die „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ bieten den Kommunen und lokalen Initiativen hierbei ihre Unterstützung an.

Worauf freuen Sie sich bei der kreisweiten Gedenkfeier am meisten?

Ich finde es großartig, dass die Südringgauschule in Herleshausen mit ihren Schülerinnen und Schülern die Gedenkfeier mitgestaltet. Die Schulleitung hat das Projekt mit großem Elan unterstützt. Und ich freue mich auf die Menschen- und Lichterkette, die wir zwischen Burgkirche und dem Platz der ehemaligen Synagoge bilden wollen. Doch dafür brauchen wir viele, die mitmachen!

Wen würden Sie bei der Gedenkfeier gerne sehen?

Alle, denen das Gedenken an die Opfer des Holocaust ein Anliegen ist, sind herzlich willkommen. Nicht nur aus Herleshausen, sondern aus dem ganzen Landkreis. Besonders freuen wir uns über die Teilnahme von jungen Menschen. (Tobias Stück)

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