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Gegen den Gleisbett-Charme: BUND setzt auf naturnahe Vorgärten

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Von: Emily Spanel

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Gegenentwurf: Udo Hildebrandt aus Wichmannshausen legt bei seiner Gartengestaltung größten Wert darauf, mit farbenfrohen Pflanzen zu arbeiten, die vielen Insekten eine Nahrungsquelle bieten. Das
Gegenentwurf: Udo Hildebrandt aus Wichmannshausen legt bei seiner Gartengestaltung größten Wert darauf, mit farbenfrohen Pflanzen zu arbeiten, die vielen Insekten eine Nahrungsquelle bieten. © Emily Hartmann

Der Kreisverband Werra-Meißner des BUND setzt sich für naturnahe Vorgärten ein. In einer dreiteiligen Serie geben die Umweltschützer Tipps, wie das funktionieren kann.

Werra-Meißner – Schottergärten werfen bei Menschen ohne Schottergarten Fragen auf: Warum kippt man sich freiwillig eine halbe Tonne Kies in den Vorgarten und sperrt Steine in Käfige? Damit man die Steinchen unter den Füßen des Einbrechers knirschen hört? Damit die Nachbarn bloß nicht rübergucken? Weil Bienen wenig Nektar aus Basaltsplitt ziehen können und Regen nur schwer durch Beton und Steinplatten dringt, sind Schottergärten in manchen Bundesländern und Kommunen sogar verboten.

Dabei sollen die Schottergärten doch pflegeleicht sein: kein Unkraut, kein Rasenmähen, kein Bewässern, kein Düngen. Dazu dauerhaft übersichtlich und mit mannigfaltigen Gestaltungsmöglichkeiten durch unterschiedliche Gesteine, Figuren, Schalen und einzelne Gewächse gesegnet. „Pflegeleicht ist das Stichwort für diesen insekten- und naturfeindlichen, trostlosen Gartentrend“, sagt Heike Matthies für den Vorstand des BUND Werra-Meißner. Denn „pflegeleicht“ seien solche Schotter- und Kiesgärten meist nur für kurze Zeit.

Die Sicht der Gärtner

„Im Laufe der Zeit sammeln sich zwischen den Steinen Staub, Blätter und anderes organisches Material an“, hat Thomas Reimann vom BUND Werra-Meißner recherchiert. Es verrotte und bilde das Keimbett für kleine, anspruchslose Pflanzen, die ebenfalls wieder verrotten. Eingewehtes Laub oder Fichtennadeln können nur abgesammelt oder mit einem Laubsauger entfernt werden, wenn sie trocken sind und nicht an den Steinen haften. „Allmählich finden anspruchsvollere Pflanzen zwischen den Steinen genug Humus zum Keimen und Aufwachsen; es ist Boden, der nur aufwendig und mühsam entfernt werden kann“, sagt Thomas Reimann.

Die Behandlung von Schotterflächen mit Herbiziden oder Hausmitteln wie Essig sei verboten. Thermische Unkrautbekämpfung könne die unter den Steinen liegende Folie beschädigen und wirkungslos machen. Zudem könnten sich die Steine durch Huminsäuren verfärben, oder sie bekommen in Schattenlagen einen grünen Algen-Überzug. Sollte der Garten nicht mehr gefallen und umgestaltet werden, stelle sich die Frage: „Wohin mit den Schottermengen?“

Fazit: Pflegeleichtigkeit und Sauberkeit gelten nur für begrenzte Zeit.

Die Sicht der Biologen

Insekten und Vögel finden auf den Flächen weder Nahrung noch Nistmöglichkeiten. Schottergärten verdrängen naturnähere Gärten: „Diese sind ökologische Nischen für Tiere und Pflanzen, die in der intensiv genutzten ländlichen Kulturlandschaft kaum noch Lebensmöglichkeiten finden“, weiß Thomas Reimann. Auch das Bodenleben unter dem Unkraut-Vlies beziehungsweise der Plastik-Sperrfolie ersticke weitgehend.

Weil die Vegetation fehle, können die Flächen im Sommer keine feuchte und kühlende Luft abgeben. Sie könnten deshalb auch keinen gesundheitsschädlichen Feinstaub binden. „Stattdessen wirken sie wie Steinwüsten“, sagt der Experte vom BUND. Sie heizen sich im Sommer auf und geben zusätzliche Wärme ab.

Die Unkraut-Vliese und -Sperrfolien sorgen für eine Teil- oder Vollversiegelung des Bodens. Der Wasserabfluss verstärkt Hochwasserereignisse. Das Kiesel- und Schottermaterial stammt großenteils aus Übersee.

Fazit: Schottergärten sind schlecht für die biologische Vielfalt und für das Klima.

Wissenswertes

„Über die Gestaltung der nicht überbauten Flächen von Baugrundstücken gibt es rechtsverbindliche Bestimmungen in fast allen Landesbauordnungen der Bundesländer“, teilt Thomas Reimann mit. Am Beispiel der planungsrechtlichen Festsetzungen der Gemeinde Wehretal des Bebauungsplans Nr. 23 „Am Leimbach - Teil III“ finden sich Angaben wie etwa Flächen mit Bindungen für Anpflanzungen nebst Pflanzliste. Die Anlage von vollständig geschotterten Gartenanlagen ist unzulässig, der Bedeckungsgrad der als Gartenflächen angelegten Bereiche mit Vegetation muss mindestens 75 Prozent betragen. Die nicht überbauten und nicht befestigten Grundstücksflächen sind als Gartenflächen anzulegen und zu unterhalten.

Die genannten Maßnahmen fließen in der Regel in die Berechnungen der naturschutzrechtlichen Eingriffsregelungen, der Ausgleichs- oder Ersatzmaßnahmen mit ein.

In Udo Hildebrandts Heidebeet summt und brummt es

In Udo Hildebrandts liebevoll angelegter und bewirtschafteter Gartenanlage summt und brummt es. Der Wichmannshäuser ist nicht nur Vogelschutzbeauftragter des Sontraer Stadtteils – er ist auch Naturschützer durch und durch. Insbesondere Frühblüher seien eine wichtige Nahrungsquelle für viele Insekten, weiß Udo Hildebrandt.

„Mit einfachen Mitteln kann man viel bewirken. Frühblüher sind nicht nur etwas für die Augen, sondern auch für Hummeln, Bienen und Schmetterlinge wie etwa den Edelfalter Kleiner Fuchs“, sagt der Wichmannshäuser.

Gartenfreunden legt er die Schneeheide (Erika) ans Herz. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Schneeheide ist nicht giftig, winterhart und dazu immer grün. Sie benötigt kaum Dünger und schon gar keine Spritzmittel. In Udo Hildebrandts Gartenanlage leuchtet die Erika in Pink und Rosa – „mit ihren bunten Blüten bringt sie Farbe und Freude in diese Jahreszeit“, sagt der Wichmannshäuser.

Erste Blüten im Dezember

Wer die Erika anpflanzen will, sollte einen sonnigen bis halbschattigen Standort wählen. Heide eignet sich besonders gut als Bodendecker beziehungsweise als Gruppenbepflanzung. „Ab Anfang Dezember öffnen sich die ersten Blütenrispen“, sagt Udo Hildebrandt. Je nach Wetterlage entwickeln sich die Blüten ab Januar immer weiter. Von Februar bis Ende April ist die Hauptblütezeit der für Hummeln und Bienen sehr wichtigen Nektar- und Pollenpflanze. An sonnigen Februartagen sind so die ersten Hummeln zu beobachten; im März kommen Tausende Bienen und Schmetterlinge der unterschiedlichen Arten hinzu. „Wer sich auf seinem Grundstück für ein Heidebeet entscheidet, tut etwas für die Natur und die Ansicht seines Gartens“, sagt der Wichmannshäuser.

Für die Bepflanzung sind einige Regeln zu beachten: Die ideale Pflanzzeit ist der Herbst. Die klein wirkenden Erika-Pflänzchen sollten im Abstand von rund 35 Zentimetern in den Boden gebracht werden. Die Zwischenräume könne man mit Rindenmulch auffüllen – so wird die Feuchtigkeit besser im Boden gehalten. Außerdem bietet die Rindenmulch-Schicht Schutz etwa vor Gräsern und Beikräutern.

Farbtupfer im Garten

In den trockenen Sommermonaten freuen sich die Heidepflanzen ab und zu über eine kräftige Wässerung. Damit die Pflanzen in den Folgejahren nicht verholzen, sollte nach der Blütezeit – ab etwa Ende April – ein kräftiger Rückschnitt zurück bis ins Laubkleid erfolgen. „Somit wird eine kräftige Bestockung für den nächsten Winter sichergestellt und Hummel, Biene und Co. finden rechtzeitig Pollen vor – und wir Menschen einen bunten Farbtupfer, den kaum ein anderer Frühblüher auf unserem Grundstück und in dieser Jahreszeit so bietet“, sagt Udo Hildebrandt.

Von Emily Hartmann

„Schottergärten“ sind dagegen noch schlechter als ihr Ruf: Sie nehmen Tieren nicht nur Lebensraum, sie sind auch Klimasünder.
„Schottergärten“ sind dagegen noch schlechter als ihr Ruf: Sie nehmen Tieren nicht nur Lebensraum, sie sind auch Klimasünder. © Foto: Carmen Jaspersen/dpa

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